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Alpen-Beckett und Menschenfeind

aus DER SPIEGEL 32/1972

Oft klopfen Leute mit Rucksack ans schwere, schwarze Hoftor und fragen an, ob sie weiterleben sollen oder nicht. Brüderlich heftete einer gar ein Solidaritäts-Poem ans Holz: »Ich Selbstmord, wir Selbstmord, alle Selbstmord.«

Aber weil er »weder Arzt noch Auskunftei« sei, sagt Thomas Bernhard, schickt er die Lebensmüden, seine Leser, mürrisch weg. Dann legt er wieder mehrere Schlösser und Riegel vor und haust allein in seinem Bauernhof, in dem kein Hahn kräht und keine Blume blüht.

Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard, 41, ledig, nach eigener Einsicht »mathematisch, musikalisch, verrückt«, ist gewiß ein sonderbarer Mensch.

Seine Bücher, »Frost«, »Verstörung«, »Ungenach« und ein Dutzend mehr, sind voll von Selbstmord. Schrecken, Trunksucht. Schlaflosigkeit, von Krüppeln, Fleischhauern, gräßlichen Unglücksfällen und der allerfürchterlichsten Verzweiflung; selbst Großkritiker metaphyseln ergriffen, wenn sie Bernhard preisen.

Er kam so in den Ruf eines Alpen-Becketts und Menschenfeinds: verschlossen in seinem oberösterreichischen Gehäus, mutmaßte man. schürft er in Seelen-Schründen nur nach Leid-Motiven, und sein einziger Umgang sei der Hippenmann.

Seine Menschen-Allergie ist freilich stark. Nur widerwillig öffnet er Fremden das schwere Hoftor. Sind dann aber ein paar Psycho-Sperren gefallen, wird der Alpen-Beckett zur skurrilsten, originellsten Persönlichkeit weit und breit.

Er hat »gern Spaß«, sagt er. hält den Kasperl-Kopf abwartend schief und die Augen argwöhnisch schmal. Fragen köpft er gern ins Aus: Hühner halte er keine, weil sie beim Flattern Bazillen wirbelten; zur Schlaflosigkeitseiner Figuren: »Wenn sie schlafen was mach« ich dann?«

Sein Gehäus, ein burgartiger. 500 Jahre alter Bauernhof in Ohlsdorf nah dem Traunsee, hat er vor acht Jahren um 20000 Mark gekauft. Mit seinem Halbbruder, einem Arzt, hat er alles renoviert, Wände kalkweiß, Holzwerk schwarz, und dann das Dutzend Räume josephinisch-rustikal möbliert.

Da herrscht penible Ordnung: Schuhe, geputzt. stehn in einer Reihe, Geschirr wird nach Gebrauch gleich gewaschen. Die »Angst vor Verwahrlosung« bewirke, sagt Bernhard, eine »Krankheit zur Disziplin« -- auch im täglichen Dress: Bernhard favorisiert, selbst in kurzen Hosen, englischen Stil.

Im einstigen Kuhstall, auch er blankweiß, lehnen ein Paar Ski mit Sicherheitsbindung und ein sauberes Veloziped mit Weißwandreifen. Bernhard nutzt das Verkehrsmittel allerdings nur, um im Kuhstall Runden zu drehen; zum Frühstücken und Zeitungslesen ins nahe Gmunden fährt er im Volkswagen, Sicherheitsfarbe Gelb.

Telephon hat und will er nicht. Seine Verleger, der Salzburger Residenz-Verlag und Suhrkamp in Frankfurt, kommunizieren mit ihm per Telegramm. Revolutions-Angst herrschte einmal auf der Dorfpost. als für Bernhard folgendes Kabel kam: »Fahnen unterwegs. Umbruch demnächst.«

Bernhards Katastrophen-Literatur ist fest im Heimatboden verwurzelt. »Es wird hier sehr viel umgebracht und aufgehängt«, sagt er. irgendwie zufrieden. Und wenn er mit den Dörflern Karten spiele, habe er selten Partner mit ganzen Gliedern: Bei der Arbeit in der nahen Papierfabrik gehe viel verloren.

Von Krankheiten redet er gern und komisch. »Wer krank ist«, sagt er, »hat mehr vom Leben.« Er überstand eine Tbc ("Ich war der einzige Bauchpneu Österreichs"), eine schwere Operation, einen Auto-Unfall, und kurz nach der Uraufführung seines Krüppel-Spiels »Ein Fest für Boris« (Personal: 15 Beinlose) ratschte er sich, ums Haar« mit der Motorsäge ein Bein ab.

Er zieht Katastrophen an und ist von ihnen angezogen. Ihn plagt die »Vorstellung. daß Gendarmen kommen und mich abführen«. Schön war die Nacht in Brüssel, als er vom Hotelbett aus die Universität brennen sah. »Säufergehirne«, erinnert er sich an Leichensektionen in der Wiener Anatomie, seien »farblich sehr schön« aber unterminiert »wie ein Bergwerk« --

Er singt, wenn in Stimmung. einem den ganzen »Don Giovanni« vor; er hat ja am Salzburger Mozarteum studiert. Und Leute. die ihn lange kennen, schwärmen von seinen parodistischen Auftritten. Ein Katastrophen-Kasperl. ein Zerrissener.

Jetzt hat Bernhard ein neues Schauspiel geschrieben: »Der Ignorant und der Wahnsinnige«. Es wird bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, vorige Woche waren die letzten Proben (Regie: Claus Peymann); es ist wieder ein faszinierendes Stück aus Bernhards Katastrophen-Kosmos.

»Metzgerei und Musik«. »Paracelsus und Mozart« heißt Bernhard die Pole des Spiels. Die Hauptfiguren: ein dämonischer Arzt; eine als »Königin der Nacht« gefeierte Kobratur-Sängerin; ihr blinder, versoffener Vater. Die Szene: eine Operngarderohe und ein, von Bernhard geschätztes, Wiener Schlemmerlokal.

Groteske, schwarze Romantik rollt ab; eine, so Bernhard, »auf die Spitze getriebene Koloratur": Der Arzt, ein Virtuose des Messers, besingt das Sezieren einer Leiche; die Sängerin. eine Virtuosin des Kehlkopfs. hypertrophiert Kunst zu leerer Artistik; der Mensch, ob er singt oder säuft« ist letzten Endes nur ein bißchen Mechanik.

Zum Schluß herrscht Erschöpfung, die Sängerin hustet schwindsüchtig. Finsternis, allerfürchterlichste Verzweiflung. Vorhang.

Wenn, wie bei Bernhard, Spaß und Chaos. Komisches und Katastrophisches, so nah beisammen wohnen: Da muß doch wohl ein Geheimnis sein? Man möge, »wie an einen Moderpilz"« sagt Bernhard. nicht daran rühren.

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