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MEDIZIN Alpen im Zimmer

Putzfimmel und Waschzwang - mehr als eine Million Bundesbürger überziehen ihren Alltag mit Zwangsritualen. Eine US-Studie erklärt die Störung organisch, als »Schluckauf im Gehirn«.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Die Dame aus New York war unverheiratet, 40 Jahre alt und backte gerne Kuchen. Eines Tages hielt sie das Puderzuckersieb nicht über das Backwerk, sondern über den Couchsessel und berieselte ihn mit feinem Zuckerstaub. Bald integrierte sie immer mehr Mobiliar samt Teppichboden in ihr Ritual, stäubte und puderte kiloweise, bis die Wohnstube einer alpinen Landschaft glich.

In lichten Momenten griff sie zum Staubsauger. Sträubte sie sich gegen die chronisch wiederkehrende Manie, wurde sie nervös und nervöser ("Ich fühlte mich schrecklich") und ging flugs wieder mit dem Streuer ans Werk - unterbrochen nur durch Puderzucker-Nachkäufe, denn, so die Kranke, »normaler Zucker tat's nicht«. Das ging 20 Jahre so, kein Nachbar ahnte etwas von dem täglichen Zuckerdrama nebenan.

Diesen skurrilen Fall einer Zwangsneurose schildert die amerikanische Psychiaterin Judith Rapoport, die sich seit 16 Jahren am »National Institute of Mental Health« mit dem Phänomen des bei den Angelsachsen »Obsessive-Compulsive Disorder« (OCD) genannten Leidens befaßt und das Ergebnis ihrer Arbeit jetzt in einem Buch vorgelegt hat**. OCD-Kranke, so Rapoport, wuseln oft Jahre im Verborgenen, verschwenden ihre Zeit mit absonderlichen Obsessionen oder kämpfen »täglich, ja stündlich, zermürbende Schlachten gegen unsichtbare Keime«.

Umfragen in fünf amerikanischen Städten, deren Ergebnisse im vergangenen Dezember veröffentlicht wurden, zeigten, daß die zwanghaften Handlungen längst das Außmaß einer Volkskrankheit erreicht haben: Zwischen 1,9 und 3,3 Prozent aller befragten US-Bürger leiden unter roboterhaftem Drang zu Unsinnstaten. Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München hatte schon vor Jahren in einer repräsentativen Umfrage herausgefunden, daß etwa 1,2 Millionen Deutsche zur Rubrik der Zwangsneurotiker zu zählen seien.

Die manischen Privat-Riten, endlos wiederholt, gleichen dem kultischen Brimborium primitiver Stämme und erinnern die US-Medizinerin Rapoport an »Karikaturen eines nicht-existenten religiösen Gebots«. Häufigstes Symptom ist der Waschzwang, seltener: das Herunterrasseln von Zahlenketten; bislang nur bei Frauen beobachtet: Haareausreißen bis zur Kahlköpfigkeit ("Trichotillomanie"). Ein Rapoport-Patient mußte sich wie ein Stehaufmännchen jeweils exakt 22mal vom Stuhl erheben, ehe er sich endgültig niederließ, ein anderer war von dem schrillen Trieb besessen, pausenlos Witze zu erzählen.

Zu seiner Patientenschar zählte das Expertenteam um Rapoport Teenager, Hausfrauen, zweijährige Kinder, aber auch »Bankpräsidenten, Kongreßabgeordnete, Richter und Rechtsanwälte«. Ob Schrulle oder Spleen, meist führen die Betroffenen einen ruinösen Kampf gegen sich selbst, zählen, prüfen oder reinigen ohne Unterlaß. Der Multimilliardär Howard Hughes oder Popstar Michael Jackson, beide von ihrer Bakterienfurcht zu übertriebenen Reinlichkeits- und Hygieneritualen getrieben, sind schillernde Beispiele für die »verrückte und faszinierende Krankheit« (Rapoport).

Zum Arzt gehen die Kranken meist erst bei extrem hohem Leidensdruck, wenn sich der geheime Verhaltenskodex ins Absurde steigert und immer mehr Zeitaufwand erfordert. Von Rapoport befragte Personen mit extremem Waschzwang dehnten ihre Morgentoilette auf bis zu acht Stunden täglich aus und schrubbten sich am Spülbecken die Hände blutig. Eine Frau mit Putzteufel-Wahn hielt mit ungeheurem Einsatz einen Raum ihrer Wohnung fast klinisch sauber, die übrigen Zimmer waren verdreckt und verwahrlost.

Die Ursachen des bizarren Treibens sind noch immer umstritten. Sigmund Freud deutete die Zwangshandlung als Abwehr eines verdrängten Schuld- oder Angstkomplexes, der sich symbolisch Bahn bricht. Als Urmodell könnte dabei Shakespeares Lady Macbeth gelten, die ihren Gatten erst zum Königsmord überredet und nach der Meucheltat zwanghaft imaginäres Blut immer aufs neue ("Fort! Verdammter Fleck!") von ihren Händen reibt.

Das amerikanische Psycho-Team fand die seelische Konflikt-Theorie nicht bestätigt. Die Patienten hätten meist »gute Manieren« gehabt, es seien überwiegend nette junge Leute gewesen, weder beziehungsgestört noch sonstwie neurotisch. Vielmehr, so die Annahme der US-Forscher, müsse wohl ein biochemischer Defekt zugrunde liegen. Vielleicht ein Tic im Gehirn, eine Art »Kurzschluß« im Nervenzentrum, durch den ein und derselbe Handlungsbefehl unentwegt wieder aufgerufen werde - ein »psychischer Schluckauf« (Rapoport), der sich durch Willensanstrengung nicht einfach wieder abschalten lasse.

Mit Positronen-Emissions-Tomographen, Geräten zur Sichtbarmachung des Gehirnstoffwechsels, wurde der gestörten Gefühlschemie von Zwangsneurotikern nachgespürt. Resultat: Viele OCD-Kranke wiesen einen erhöhten Serotonin-Spiegel auf. Dieser »Neurotransmitter«, ein Botenstoff des Hirns, transportiert Informationen durch die Nervenzellen und bildet zugleich die biochemische Basis für Depressionen, Ärger- und Wutgefühle.

Als weiteres Indiz für eine organische Ursache der Erkrankung wertet das Team die Tatsache, daß 50 Prozent aller Patienten bereits im Kindesalter mit Zwängen kämpften (im Gegensatz zu nur fünf Prozent bei anderen psychischen Erkrankungen) und daß OCD gleichsam durch die Familien wandert und sich mit Vorliebe vom Vater auf den Sohn überträgt.

Als Kur gegen die psychische Tretmühle empfiehlt die Kinderpsychiaterin Rapoport das Psychopharmakon Anafranil. Dieses Antidepressivum, vom Baseler Chemiemulti Ciba-Geigy hergestellt, gibt es seit 20 Jahren auf dem deutschen Pharma-Markt, in den USA hingegen ist es erst zur klinischen Erprobung freigegeben.

Den meist jugendlichen Patienten wurde eine Langzeitmedikation in hohen Dosen verabreicht. Nach Angabe der Forschergruppe mit durchschlagendem Erfolg: Zwei Drittel der Behandelten hätten bereits nach drei bis fünf Monaten ihre Symptome verloren. »Für viele war es das Ende eines Alptraums«, berichtet die Ärztin. Deutsche Psychiater halten die Einschätzung von Anafranil als »Wunderdroge« (Rapoport) für stark übertrieben. Das Antidepressivum gilt ihnen medizinisch als ein »uralter Hut« und wird allenfalls noch bei Depressionen in niedriger Dosierung verschrieben. Eine besondere Heilkraft bei Zwangsneurosen haben westdeutsche Spezialisten bislang nicht beobachten können.

»Auf biomedizinischer Ebene«, warnt der Hamburger OCD-Experte Iver Hand, »tummeln sich in den USA eine Riesengruppe von Psychiatern, die katastrophale Studien abliefern« und den Wert von Medikamenten »extrem überbetonen«. So gebe es bei dem Psycho-Hammer Anafranil bedenkliche Nebenwirkungen, wie Sehstörungen, sexuelle Unlust, Mundtrockenheit und Absinken des Blutdrucks. Jeder vierte deutsche Patient setzt die Arznei vorzeitig wieder ab.

Auch die These, die Mehrheit der Zwangskranken habe ein sonst gesundes Persönlichkeitsbild und werde von ihren Obsessionen wie von Masern befallen, kann der Hamburger Psychiatrie-Professor nicht bestätigen. In den »meisten Fällen«, beteuert er, ließen sich eindeutig familiäre oder soziale Gründe für die Manien aufdecken.

Seine ambulante OCD-Station an der Uni-Klinik Hamburg, die größte der Republik, arbeitet seit zwölf Jahren mit einer speziell abgestimmten Verhaltenstherapie unter Beteiligung aller Familienmitglieder. Der erzielte Heilerfolg, ohne Seelendrogen und Neuroleptika, liege zwischen 70 und 80 Prozent.

Aus Hands Sicht sind Zwangsneurosen überwiegend ein seelisches und soziales Problem: »Unsere Erziehung beruht weithin auf Zwangsritualen - in der Bürokratie kann man damit sogar Karriere machen.« #

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