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Als Ironie gefährlich war

Band 26 der SPIEGEL-Edition: Milan Kundera erzählt in seinem Roman »Der Scherz«, wie die Liebe unter der Politik leiden kann.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Im Jahr 1968, als Milan Kunderas erster Roman »Der Scherz« auf Deutsch erschien, walzten sowjetische Panzer und ihre zwangsverpflichteten Verbündeten im Warschauer Pakt den »Prager Frühling« nieder und setzten dem »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«, wie sich der Aufbruch des Dubcek-Sozialismus hoffnungsfroh titulierte, ein Ende.

Die Rezensenten des fulminanten Romanerstlings des Brünner Autors thematisierten damals stark das erneute Tottreten jeder politischen Hoffnung. Dabei hatte der Roman »Der Scherz« von solcher Hoffnung gar nicht gezehrt, erst recht nicht auf sie gesetzt. Erst nach 1968, als der Prager Frühling längst wieder einer neuen kommunistischen Eiszeit gewichen war, schrieb der große mährische Erzähler den Schlüsselroman dieser Epoche: »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins« - der dann nicht mehr zuerst in der Muttersprache Kunderas erscheinen konnte.

Fortan musste sich Kundera, dessen Werk sich stark aus den sprachlichen, ja folkloristischen Wurzeln seiner Herkunft speist, im Französischen eine neue Sprachheimat suchen - was seiner Prosa bis heute ihre melancholisch-skeptische Eleganz gibt.

Damals, im »Scherz«, hatte er keineswegs optimistisch auf den Aufbruch zu neuen sozialistischen Ufern gesetzt. Dazu war der 1929 geborene Menschenkenner, der sich auch glänzend auf die Satire versteht, zu gescheit, zu lebensgeprüft.

Der Roman beginnt im Prag der Nachkriegsjahre und erzählt von einer jungen Generation, die es nach Errichtung der Volksherrschaft an die Universitäten und die Spitze ihrer Fachschaften spült, wo sie mit dialektischer und zynischer Rücksichtslosigkeit unter Zuhilfenahme von Gehirnwäsche und durch Auslöschung des Privaten ihre Minderheitendiktatur im Namen der besseren Menschheit einzurichten beginnt.

Ludvik, der Romanheld, Sohn eines von den Faschisten ermordeten Arbeiters, scheint prädestiniert, an der Spitze dieser Entwicklung mitzumarschieren. Aber er ist ein Individualist, der seinen privaten Lust- und Liebesgewinn nicht der Arbeiterklasse unterordnen will, ein ironischer Mensch - und das ist in totalitär-gläubigen Zeiten gefährlich, lebensgefährlich.

Als eine schöne Kommilitonin, statt mit ihm die Semesterferien zu verbringen, lieber in einen Schulungslehrgang geht, reitet den verliebten Individualisten der Teufel: Auf einer Postkarte schreibt er der parteigläubigen Angebeteten: »Optimismus ist Opium für die Menschheit. Ein gesunder Geist stinkt nach Dummheit! Es lebe Trotzki! Ludvik.«

Diese Karte, diese Parole kann nur zur Katastrophe führen. Und so wird Ludvik zum Geächteten. Seine Freundin und seine besten Freunde verraten ihn, stimmen gegen ihn ab und nehmen dabei natürlich billigend in Kauf, dass der Tritt gegen Ludvik ihren Aufstieg befördert.

Er fällt tief. Von der Universität relegiert, von der Partei ausgeschlossen, landet er bei einem Strafbataillon von Soldaten, den »Schwarzen«, die man so misstrauisch beäugt, dass sie keine Waffen tragen dürfen. Sie malochen als Arbeitssklaven in Kohlenbergwerken, sie werden geschliffen, schikaniert, misshandelt, sie wissen nicht, wie viele Jahre sie derart entrechtet zwangsarbeiten müssen.

Und doch wird das Ludviks wesentlichste Zeit. Weil er sich nämlich in die junge Lucie aus einer Anstalt für Schwererziehbare verliebt und mit ihr, die ihm ihre Zuneigung durch Blumengeschenke beweist, die sie auf dem Friedhof stiehlt, eine Liebe erleben könnte - wenn er nicht wie besessen und wie ein Vergewaltiger auf sie eindränge. Also verspielt er auch diese Chance.

Am Ende, als Ludvik nach langjähriger Fron im Bergwerk doch noch sein Studium beendet hat, will er sich rächen. Und die Rache gilt, nach 15 Jahren, einem seiner schärfsten Verfolger, dem einst als strahlend blonden Saint-Just gegen ihn aufgetretenen Zemanek. Ludvik verführt dessen Frau, eine Radioreporterin; es ergibt sich eine sadomasochistische Beziehung, die sich mit Wodka und Hilfe von Schlägen entwickelt.

Schon denkt er, seinen Feind mit dem Raub des Intimsten (der Ehefrau) gedemütigt zu haben: Da erfährt er, dass die beiden längst getrennt leben; aus Enttäuschung jagt er die Missbrauchte fort. Sie schreibt ihm einen pathetischen Brief, nimmt, wie sie glaubt, eine Überdosis Schmerztabletten - tatsächlich ein Abführmittel. Die geplante Tragödie endet als Farce auf dem Holzklo eines Dorfes.

Es gibt in diesem Roman »Der Scherz« keine Sieger, nur Besiegte, die trotz ihrer gestohlenen Biografien - alles, was ihnen der totalitäre Staat geraubt hat - eher kläglich als tragisch dastehen. Kunderas wundervolle epische Gerechtigkeit behandelt alle Figuren mit der gleichen individuellen Parteinahme und setzt sie alle der gleichen komischen Lächerlichkeit aus. HELLMUTH KARASEK

Hellmuth Karasek
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