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FILM / BERLINALE Alter Latschen

aus DER SPIEGEL 29/1970

Drei Tage lag das Festival in Agonie, dann endeten die internationalen Filmfestspiele Berlin vorzeitig ohne Schlußbankett und Preisverteilung.

Erstmals seit der Berlinale-Gründung vor 20 Jahren ist der Wettbewerb geplatzt; erstmals blieben die einst so begehrten Festspiel-Trophäen, die versilberten und vergoldeten Bären, im Depot. Und diesmal war keinesfalls die Apo schuld.

Anders als beim Konkurrenz-Festival von Cannes, wo Regisseure der Neuen Linken 1968 den Wettbewerb paralysiert hatten, sind die Berliner Veranstalter (so der chilenische Regisseur Miguel Littin) an einem »schmutzigen Spiel« gescheitert, das vom Festival-Establishment selber inszeniert worden war: vom Berlinale-Chef Alfred Bauer, von Walther Schmieding, Geschäftsführer der »Berliner Festspiele GmbH«, und von der neunköpfigen Wettbewerbsjury.

Sie überschritten ihre Kompetenzen, ignorierten das Reglement und foppten die Öffentlichkeit, darunter 600 Journalisten aus 28 Ländern, mit Falschmeldungen.

Anlaß der Farce war »O. K.« eine pazifistische Parabel von Michael Verhoeven, die mit brutalen Kinomitteln Vergewaltigung und Ermordung einer Vietnamesin durch US-Soldaten darstellt.

Dieser künstlerisch mißglückte, politisch jedoch provozierende Film (SPIEGEL 28/1970) erregte die Jury so sehr, daß der Juror, Berliner Filmproduzent und »deutsche Patriot« Manfred Durniok ("Malatesta"), sich »als Deutscher« beim amerikanischen Jury-Präsidenten George Stevens für die Vorführung entschuldigte.

Über diese Geste kam es in der Jury zu einer heftigen Debatte, und die Mehrheit beschloß, »O. K.« zu »neutralisieren«. Obschon der Film vom Auswahlausschuß einstimmig zum Wettbewerb eingeladen worden war, wollte die Jury noch einmal prüfen lassen, ob er auch wirklich zur »Verständigung und Freundschaft unter den Völkern« (Berlinale-Reglement) beitrüge. Bis zur Klärung dieser Frage sollte von »O. K.« nicht mehr gesprochen werden.

Mit diesem Vorsatz hatte die Jury freilich selbst gegen das Festspielstatut verstoßen: Sie war ausschließlich zur künstlerischen Beurteilung engagiert, geriet aber nun »auf den Kurs eines Zensors«.

So jedenfalls deutete der Jugoslawe Dusan Makavejev, der vorletztes Jahr in Berlin für seinen Film »Unschuld ohne Schutz« einen »Silbernen Bären« bekommen hatte, den Entscheid seiner Mit-Richter. Er ignorierte die allen Juroren auferlegte Schweigepflicht und unterrichtete »im Interesse der Filmkunst« den »0. K.«-Produzenten Rob Houwer über die internen Auseinandersetzungen.

Houwer, der für »0. K.« noch keinen Verleiher gefunden hatte, nutzte seine Publicity-Chance sofort: Durch dpo ließ er melden, der Verhoeven-Film sei aus der Konkurrenz geworfen worden.

Und mit dieser Behauptung wurde der Festspiel-Direktor Bauer einfach nicht fertig. Statt rasch zu dementieren, versuchte er, den Skandal zu vertuschen.

Auch Geschäftsführer Schmieding verhielt sich ungeschickt: Ohne dazu

* Linkes Bild: Schmieding (stehend), Makavejev, Bauer, Jury-Mitglied Gunnar Uldin. Rechtes Bild: Sophia Loren, Yvonne De Carlo, Gina Lollobrigida.

Iegitimiert zu sein, forderte er die Jury zum Rücktritt auf.

Die Juroren verharrten zäh im Amt, vergeudeten jedoch ihre Zeit in nächtelangen Disputen und konnten die noch ausstehenden »Bären«-Anwärter nicht mehr beurteilen. Nach einem letzten, verzweifelten Kino-Marathon -- sie sahen in 20 Stunden zehn Filme -- gaben die Preisrichter, physisch ermattet, zwei Tage vor dem regulären Festspiel-Schluß ihren Auftrag endlich zurück.

»Ab sofort«, so ordnete Berlins Kultursenator Werner Stein an, durften keine Wettbewerbsfilme mehr vorgeführt werden. Deutschlands ältestes, größtes und teuerstes Filmfestival (Etat: 1,1 Millionen Mark) endete, wie es vor 20 Jahren angefangen hatte -- im Chaos.

In den Gründerjahren des Festes, als die Blockade gerade überstanden, der Kurfürstendamm noch zerbombt und so mancher Veteran der Ufa-Zeit noch am Leben war (etwa Otto Gebühr, der mit Ernst Reuter bei der Ur-Berlinale einen langen Händedruck tauschte), dominierte der Kalte Krieg über die spärlich dargebotene Filmkunst. Motto: »Filme der freien Welt in einer freien Stadt«. Durch Publikumsentscheid gewann Walt Disneys »Cinderella« den ersten »Goldenen Bären«.

Dann wurde die Berlinale vom Internationalen Filmproduzentenverband neben Cannes und Venedig als »A«-Festival akzeptiert: Fortan durften im Wettbewerb nur solche Filme laufen, die noch kein anderes Festival im Programm gehabt hatte.

Nun entfaltete auch die Filmwirtschaft in Berlin ihre Pracht: Von Filmen war wenig, von Filmstars um so mehr die Rede. Gina Lollobrigida, Sophia Loren und Yvonne De Carlo warben gemeinsam für den Kinobesuch; Jayne Mansfield stopfte sich eine Scheibe Emmentaler ins Dekolleté, und »gutwillig in Bewegung geratene Menschenmengen« (Polizeibericht), die nach »Dschang Maräh« riefen, blockierten den Verkehr vor den Festspiel-Kinos so perfekt wie später nur Apo-Demonstranten.

Damals, gegen Ende der fünfziger Jahre, war das Kino noch in Mode -- allein in Deutschland gab es über 7000 Lichtspielhäuser« und deutsche Produzenten kassierten mit Filmen vom »Sissi«-Genre rund 138 Millionen Mark pro Jahr.

Aber die Konkurrenz des Fernsehens war nicht aufzuhalten. Ah 1960 mußten jährlich 350 deutsche Kinos aus Besuchermangel schließen. Und am nachlassenden Publikumsinteresse krankten seither auch die Berliner Filmfestspiele. Die Hollywood-Heroinen mit den großen Oberweiten blieben aus oder wurden kaum noch beachtet. Fehlentscheidungen der Jury, die etwa Godards Erstling »Außer Atem« nur mit einem Regiepreis abgefunden hatte, erregten mehr Aufsehen als die Ankunft der amerikanischen Klatschkolumnistin Elsa Maxwell.

Die Berlinale degenerierte zu einer Messe für die deutschen Fernsehanstalten, die 1969 durchschnittlich einen Kinofilm pro Wochentag gesendet hatten. Voriges Jahr saßen die Fernseh-Vertreter sogar im Auswahlkomitee; allein die ARD hat sechs Filme erworben.

Doch aus der veränderten Situation mochte der Festspiel-Direktor nun einmal keine Konsequenzen ziehen. Bauer, der seine Berlinale ohnehin »nur für die Presse« veranstaltet. wollte weitermachen wie bisher: mit einer Informationsschau, einer Film-Messe, zwei Retrospektiven (Gesamtangebot: rund 300 Kinostücke) und einem Wettbewerb, in dem Filme wie Rennpferde konkurrieren sollten.

Damit war -- so der Kritiker Friedrich Luft -- die »Berlinale alter Machart schon tot, ehe sie zum 20. Male begann«. Rezensenten und Filmtheater-Funktionäre protestierten gegen das vorgeführte Durchschnittsprogramm, und nach dem Jury-Rücktritt wurde das Festival zum »absurden Theater« (Schmieding).

Heftig beklagte Bauer »das Unglück, das uns betroffen hat«, erregt bangte ein südamerikanischer Berlinale-Gast um die versprochene Bezahlung »unserer teuren Zimmer im Hilton«. Die deutschen Juroren Klaus Hebecker und Manfred Durniok verhöhnten Schmieding mit einem Trostpreis, den sie »Alter Latschen« nannten, der deutsche Regisseur Ulrich Schamoni schmähte Durniok und Hebecker mit einem »Kaputten Bambi«.

Bauer und Schmieding haben ihren Rücktritt angeboten; Senator Stein hofft auf einen »neuen Anfang«. Was jetzt not tut, hat der deutsche Bundesfilmpreisträger Rainer Werner Fassbinder ("Götter der Pest") so formuliert: »Neue Möglichkeiten besprechen, wie man so'n beschissenes Festival nicht ganz so beschissen macht, wie es jetzt ist.«

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