Sibylle Berg

Altersdiskriminierung Eine graue Masse, die Jüngere fast mit Ekel erfüllt

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
In unserem System hat nur Wert, wer Leistung bringen, sich vermehren und aktiv sein kann. Menschen, die als alt angesehen werden, werden oft vergessen in Debatten über Gerechtigkeit und Teilhabe.
Alter ist der blinde Fleck in der zunehmend schärfer werdenden Gerechtigkeits- und Teilhabedebatte

Alter ist der blinde Fleck in der zunehmend schärfer werdenden Gerechtigkeits- und Teilhabedebatte

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smartboy10 / Getty Images

Es ist zehn Jahre her, als erstaunlicherweise die kurzfristige Ikone der Diversität und der Body-Positivity-Bewegung Beth Ditto über Madonna, die Musikerin, urteilte. Für One-Hit-Wonder Ditto war Madonna peinlich und verhielt sich nicht altersgemäß. Was für eine nach eigener Beschreibung unangepasste Künstlerin eine sehr spießige und zudem diskriminierende Mitteilung ist.

Verändert hat sich in den letzten zwölf Jahren an der Verachtung Älteren gegenüber nur, dass sie inzwischen komplett legitim ist.

Alter. Der blinde Fleck in der zunehmend schärfer werdenden Gerechtigkeits- und Teilhabedebatte. Respekt und gleiche Bedingungen sollen in einer besseren Welt für alle Menschen gelten, für alle Geschlechter, Hautfarben, sexuellen Orientierungen, Körperformen. Für alle, außer für Menschen, die von jungen Menschen als ALT gelesen werden. Das ist relativ. Und meint immer auch die panische Abwehr der eigenen Zukunft, die die Unzumutbarkeit der eigenen Sterblichkeit bedeutet.

Alle Shitstorms der vergangenen Zeit richteten sich nie gegen eine Person, die sich abfällig Älteren gegenüber geäußert hätte.

Die Gewinner, die Verlierer

Die Verachtung einer großen Gruppe Menschen gegenüber, die als nicht zugehörig betrachtet wird. Die man als vulnerabel betiteln und zu ihrem eigenen Besten bevormunden darf. Die man verspotten kann, auf die man keine Rücksicht nimmt. Die im Arbeitsmarkt benachteiligt wird. Bei der Wohnungsvergabe, der wunderbaren Welt der kapitalistischen Teilhabe. Sind Menschen offensichtlich alt, gehen sie langsamer, hören sie schlechter, sind nicht Jane-Fonda-cool, werden sie oft komplett aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt. Von den Verwandten abgeschoben, verdammt zu einem Leben in Einsamkeit – und oft in Armut.

Das weltweit alternativlose System hat ganze Arbeit geleistet und die Menschen in Gewinner und Verlierer eingeteilt. Zu den Verlierern zählen Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihres Geburtsortes oder ihrer Hautfarbe oder ihrer körperlichen Disposition benachteiligt werden. Vergessen werden in der wachsamen, empfindsamen Gesellschaft große Gruppen Männer und Frauen. Die Älteren. Nicht Millionäre. Nicht Konzernchefs, nicht Aufsichtsratsmitglieder.

Sind die Vorboten des eigenen Verfalls. Eine graue Masse, die Jüngere fast mit Ekel erfüllt, außer man ist aus Versehen mit ihnen verwandt oder sie sind 50 Cent.

Die den schnellen Schritt behindern, die Nazis sind, keine App installieren können, den Planeten ruiniert haben, und die nur dazu taugen, auf TikTok lustige Klamotten anzuziehen. Man nennt sie respektlos Oma oder Opa, auch ohne mit ihnen verwandt zu sein, ungeachtet dessen, ob sie das per Fakt sind, und zeigt damit, dass man selbst noch nicht dazugehört, zu der großen Gruppe der Windelträger, die keinen kapitalistischen Mehrwert mehr erstellen. Man meidet sie, als hätten sie eine ansteckende Krankheit, und zeigt damit nur, dass man seine kapitalistischen Hausaufgaben gut gemacht hat. Wert hat in unserem System, was Leistung bringen, sich vermehren und aktiv sein kann. Man nimmt sie nicht wahr, die große Masse der älteren Frauen und Männer, gern aus Billiglohnländern, die putzen, instand halten, Kinder aufgezogen haben, sich krumm gearbeitet haben, die DenkerInnen waren oder noch sind. Man redet langsam mit ihnen und zeigt seine Güte, indem man ihnen über die Straße hilft, egal ob sie das wollen oder nicht.

Die neuen empfindsamen Menschen scheinen in der westlichen Welt vor allem eins zu sein: opportunistisch. Statt die wirkliche Gleichbehandlung aller anzustreben, halten es viele mit Beth Ditto. Selbst für sich das Privileg des Respekts einfordern, sich jede Marginalisierung und Diskriminierung verbitten, Anerkennung für die eigenen Schwächen, Krankheiten und Außenseiterpositionen einfordern und einen Großteil der Bevölkerung abwerten. Die »alten weißen Männer« zum Beispiel (und ja, ich weiß, dass dieser Scheißbegriff für Macht und Privilegien steht, nur wurde er unterdessen genauso wie die »Boomer« als allgemeingültiger Verachtungsbegriff etabliert).

Also. Die alten weißen Männer, die in Schlachthöfen und Fabriken schuften, die Straßen reparieren, die alten Frauen, die Züge putzen, in der Pflege arbeiten, die ihr Leben lang Drecksjobs gemacht haben, kann man, ohne sich selbst als rassistischen, sexistischen, klassistischen Menschen zu outen, verachten. Mitgetragen von den Medien. Ein Verkehrsunfall, eine in der Wohnung einsam liegende Tote. Ist es wichtig für eine Betroffenheit der Lesenden, dass ein Opfer über 70 war? Und hinterlässt nicht jede:r Tote einen Riss in der Welt? Werden Junge mehr geliebt, mehr vermisst, weil sie noch ein Leben in Lohnarbeit vor sich haben? Solange Nichtangehörige marginalisierter Randgruppen, die sich der berechtigten Forderung nach Gerechtigkeit anschließen, eine Menschengruppe weiterhin diskriminieren, bleibt ein Zweifel an ihrer Idee einer gerechten Welt.

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