Samira El Ouassil

Altersdiskriminierung »Man sieht ihm das Alter gar nicht an«

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Warum wollen viele älter und erfahrener, weiser werden, aber auf gar keinen Fall alt? Es liegt an dem Vorurteil, alte Leute seien automatisch isoliert und arm. Doch das ist Quatsch.
Foto: Tetiana Garkusha / iStockphoto / Getty Images

Ein abgelegener Privatstrand auf einer paradiesischen Insel. Zwei Familien, ein Paar und ein bekannter Rapper werden im Urlaub von einem gruseligen Monster heimgesucht. Sie rennen panisch um ihr Leben, kommen aber nicht mehr aus dieser sonderbaren Bucht raus. Das Ungeheuer hat selbst keine physische Präsenz, sondern wird nur an den Körpern der Charaktere sichtbar.

Möglicherweise haben Sie es erkannt, es handelt sich um das Setting des Films »Old« von M. Night Shyamalan,  der vor einem Jahr in die Kinos kam und der auf der Graphic Novel »Sandcastle« von Pierre Oscar Levy und Frederik Peeters basiert. Was mit den Protagonisten passiert, ist eigentlich nicht besonders ungewöhnlich, erscheint in der rasanten Beschleunigung jedoch wie das größte Grauen – so inszeniert es zumindest der Film – das unsere Gesellschaft kennt: Sie altern. Innerhalb weniger Stunden sterben die Reisenden durch einen unaufhaltsamen Alterungsprozess.

Wenn es eine Sache gibt, die uns auf eine wesentliche wie unheimliche Weise verbindet – weil wir sie alle durchmachen –, dann ist es wohl das Altern. Irgendetwas an diesem Gedanken finde ich belebend: vielleicht, dass trotz der existenziellen Einsamkeit, in die wir hineingeboren werden und mit der wir am Ende unseres Lebens konfrontiert werden, jeder Mensch diese Entwicklung durchläuft. Wir altern für uns allein – doch tun wir das gemeinsam.

Und nicht nur das: Jedes Mal, wenn wir jemanden sehen, der älter ist als wir, schauen wir auf eine zukünftige Version unserer selbst. Wie also kommt es, dass das Altsein im gesellschaftlichen Bewusstsein so negativ konnotiert ist und das Altwerden so gefürchtet, dass es sogar als unsichtbares Ungetüm für einen Horrorfilm taugt? Warum wollen viele älter und erfahrener, weiser werden, aber auf gar keinen Fall alt?

Das Gedicht »On aging« der US-amerikanischen Schriftstellerin Maya Angelou bietet eine Antwort auf diese Fragen. Darin räumt die Sprecherin mit verschiedenen, meist herablassenden Annahmen über ältere Menschen auf, die verbreitetste: die Vorstellung, dass das Altern einen Menschen zu einem anderen macht. Dabei ist es eher so: Menschen werden gesellschaftlich zu »anderen« gemacht, sobald sie sichtbar altern. Eine geradezu selbstverständliche Form von Altersdiskriminierung, die oftmals unbewusst wie unbemerkt stattfinden kann. In sozialwissenschaftlichen Perspektiven und in der Gerontologie wird das auch als Ageismus bezeichnet, also die Überzeugung, dass Altern zwangsläufig mit einer Einschränkung von geistigen und körperlichen Fähigkeiten gleichzusetzen ist.

Wir versuchen, vor unserem eigenen Alter zu fliehen

Ein Grund, warum wir für solch eine Abschätzigkeit gegenüber älteren Menschen anfällig sind, ist unser fleißiger Verdrängungswille. Wie die Schriftstellerin Simone de Beauvoir in ihrem Buch »Das Alter« (La Vieillesse) 1970 schrieb, versuchen wir, vor unserem eigenen Alter zu fliehen, indem wir uns von seinen Vorboten distanzieren. Dabei entsteht eine selbst erfüllende Prophezeiung: Diejenigen, die von der produktivitätsbesessenen Umtriebigkeit einer Leistungsgesellschaft ausgeschlossenen werden, erfahren »Einsamkeit inmitten einer Welt, die nichts als Gleichgültigkeit für sie übrig hat«, wie Beauvoir es formuliert. Das Klischee, dem zufolge das Alter mit Isolation einhergehen muss, wird so vermeintlich bestätigt – weshalb sich die Jüngeren aus Angst vor dem Älterwerden von den Alten distanzieren und sie damit ausgrenzen.

Dieser inneren Flucht vor unserem zukünftigen Selbst begegnet man immer wieder im Alltag, beispielsweise, wenn man Sätze sagt wie »Die hat sich aber gut gehalten« oder »Man sieht ihm das Alter gar nicht an«; so als gäbe es ein gutes und ein schlechtes Altwerden, als wäre Altern etwas, das man falsch machen kann. Wir machen uns das gefürchtete Altern also handhabbar, indem wir sogar diesen Prozess mit Kategorien von Erfolg und Misserfolg etikettieren. Das ist simulierte Selbstwirksamkeit.

Der sozialpsychologischen Terror-Management-Theorie zufolge wenden sich Menschen in Anbetracht der eigenen Vergänglichkeit Erzählungen zu, die zum Schutz ihres Selbstwertgefühls beitragen. »Anti-Aging«, das professionalisierte »Sich gut halten«, ist so eine Erzählung. Wer profitiert von der Behauptung, dass jemand »falsch altern« könnte? Klar, die Werbe-, Pharma- oder Kosmetikindustrie. Aber wie abstrus ist es eigentlich, Menschen für die Geschwindigkeit ihres Zellstoffwechsels zu bewerten? Das solche Aussagen selbstverständlich als Komplimente gemeint sind, offenbart unser entrücktes Verhältnis zum Altern.

Auch wenn Altern häufig mit Isolation, Armut und Unvermögen assoziiert wird, ist das eine Fehlannahme. Schuld sind vielmehr altersfeindliche Strukturen. Es ist nicht das Alter, das einen arbeitenden Menschen arm macht, sondern politische Entscheidungen. Die sozialen Umstände sind das Monster, vor dem wir uns fürchten sollten.

Denn tatsächlich ist es so, dass nach der sogenannten »U-Kurve der Zufriedenheit« unser Wohlbefinden am Ende des Lebens steigt. Vor unseren Zwanzigern sind wir am glücklichsten; in der Lebensmitte sinkt diese Zufriedenheit ab, und erst etwa Ende unserer Fünfziger steigt sie wieder an, wie die Ärzte Eckart von Hirschhausen und Tobias Esch in ihrem Buch »Die bessere Hälfte: Worauf wir uns mitten im Leben freuen können« dargelegt haben.

Es sind ja nicht nur Konzerne, die Medikamente und Cremes loswerden wollen, oder der Arbeitsmarkt, die diese Angst vor dem Alter befeuern. Die negativen Bilder des Alterns sind selbstverständlicher Teil unseres Aufwachsens, so tief verwurzelt in Kultur und Popkultur, dass die Diskriminierung zumeist unbemerkt bleibt. Von der runzeligen Stiefmutter, die Schneewittchen ihre Jugend und Schönheit neidet, bis zu Disneys »Rapunzel – Neu verföhnt«, wo die bösartige Hexe Gothel die Protagonistin Rapunzel im Turm gefangen hält, um sich mithilfe ihres langen, magischen Haares immer wieder zu verjüngen. Die Angst vor dem Alter führt zu bösen Handlungen und zur Ausbeutung einer jungen Frau. Ein bösartiges Klischee, weil es ein patriarchales Echo fortsetzt, in der eine Frau, die zu alt ist, um Nachkommen zu bekommen, ein Dasein als Ungeheuer und potenzielle Bedrohung fristen muss. »Alte Menschen sind gruselig« ist ein weitverbreiteter Topos unserer Kultur – siehe den eingangs erwähnten Horrorfilm »Old«. Er zeigt: Altersdiskriminierung ist eine der akzeptiertesten Diskriminierungen.

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