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»Am liebsten mit zwei Frauen leben«

Sigrid Damm über ihre neue Schiller-Biografie und die Modernität des Dichters
Von Susanne Beyer und Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 37/2004

Damms biografische Recherche »Christiane und Goethe« (1998) war monatelang das erfolgreichste Sachbuch des Landes. Vor wenigen Tagen legte die Thüringer Germanistin ihr neues Werk »Das Leben des Friedrich Schiller - Eine Wanderung« (Insel Verlag) vor, das prompt auf Rang elf der SPIEGEL-Bestsellerliste gelandet ist. Damm, 63, lebt in Berlin und Mecklenburg.

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SPIEGEL: Frau Damm, der Dichter Friedrich Schiller, über den Sie Ihre neue Biografie geschrieben haben, legte großen Wert darauf, dass nur sein Werk betrachtet würde - und nicht sein Leben. Sie aber schildern seine Verschwendungssucht - teurer Wein, edler Tabak -, wie er reitet, Karten spielt und zwei Frauen gleichzeitig liebt. Haben Sie mit Ihrer Biografie eine Grenze überschritten?

Damm: Nein. Jedes Werk entsteht aus dem Arbeitsalltag. Bei Schiller sind Werk und Leben beinahe identisch. Er war ein

besessener Arbeiter, hat Tage, Wochen, Monate das Haus nicht verlassen, hat nur geschrieben. Die Bedingungen seines Schaffens - das war faszinierend für mich.

SPIEGEL: Schiller, der angespannte Arbeiter, reiste kaum, sah nie das Meer, nie Italien. Sein Freund und Konkurrent Goethe hingegen war ein Genussmensch, gab gern Gesellschaften und reiste wirklich viel. Was bedeuten diese unterschiedlichen Haltungen für die Werke der beiden Geistesgrößen?

Damm: Es gibt da ganz eindeutige Zusammenhänge. Goethe ging von seinen Erfahrungen, von seinen Beobachtungen aus. Schiller dagegen ging von der Idee aus. Er sagte: »Die Türschwelle ist die Grenze meiner Wanderungen.« Schiller bezeichnete sich als eine Existenz zwischen »papiernen Fensterscheiben« im Gegensatz zu Goethe, der »in die Welt hineingeworfen« sei.

SPIEGEL: Der sperrige Idealist und Kantianer Schiller, für den sich die Welt vor allem als Produkt des Bewusstseins darstellte, war in der Weimarer Gesellschaft wesentlich weniger beliebt als der Bonvivant Goethe. Das hatte auch wirtschaftliche Folgen: Während Goethe vom Weimarer Fürstenhof üppig versorgt wurde, musste Schiller sein Einkommen weitgehend über Autorenhonorare bestreiten, bevor ihm dänische Adlige ein Stipendium zahlten. Wie haben Schillers pekuniäre Nöte sein Schaffen geprägt?

Damm: Auch hier sind die Auswirkungen nicht zu unterschätzen. Schiller musste aus finanziellen Gründen unter permanentem Hochdruck arbeiten. Es ist viel darüber spekuliert worden, warum Schiller erst Dramen schrieb, sich dann der Geschichtsschreibung und Philosophie zuwandte und zehn Jahre später zum Drama zurückkehrte. Mit den historischen und philosophischen Schriften verdiente er einfach mehr - also stürzte er sich eine Weile darauf. Er hat die Marktmechanismen seiner Zeit gut genutzt, da war er Pragmatiker. Er sagte ja mal: »Ich stürze aus meinen idealischen Welten, sobald mich ein zerrissener Strumpf an die wirkliche mahnt.«

SPIEGEL: Die Branche zeigt sich verblüfft, dass Sie jetzt ausgerechnet an Schiller geraten sind. Bisher kümmerten Sie sich eher um die schwächeren Figuren in Goethes Nähe: um den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, um Goethes Schwester Corne-

lia, um seine Frau Christiane. Nun aber Schiller, der zweite Riese der deutschen Klassik, dessen 200. Todestag 2005 begangen wird. Haben auch Sie diesmal auf Marktmechanismen gesetzt?

Damm: Nein, ich fühle mich frei. Ich kann immer nur dann ein Buch schreiben, wenn es da einen Punkt gibt, der mich berührt. Und den gab es bei Schiller zunächst nicht. Also stand ich dem Wunsch des Verlags zunächst reserviert gegenüber. Schillers Pathos,

dieses Emporschwingen in die Welt der Ideale - das war mir fremd.

SPIEGEL: Sie haben sich offensichtlich umentschieden.

Damm: Ja. Es gab dann den Reiz der Abwehr, den Gedanken: Was passiert, wenn man über einen schreibt, den man eigentlich nicht mag? Und es gab auch Zufälle. Ich war auf Lesereise mit dem Buch »Tage- und Nächtebücher aus Lappland«, das ich zusammen mit meinen Söhnen Hamster und Tobias Damm gemacht habe, und diese Reise führte mich an die Orte von Schiller: ins Schwäbische, nach Mannheim, wo Schillers »Räuber« uraufgeführt wurden, nach Weimar, nach Jena. Ich habe an einer Universität studiert, die den Namen Friedrich Schiller trägt. Irgendwann hatte ich Blut geleckt, und es befremdete mich, dass Schiller zum Heros geworden ist, blass, ohne echtes Leben. Alfred Kerr dichtete ja 1909: »Nichts an dir war scheel und niedrig / Teurer Schiller, edler Friedrich« - Schiller ist zum Denkmal erstarrt.

SPIEGEL: Sie haben ihn nun vom Sockel heruntergeholt - wollten Sie ihn mit der Schilderung seiner Schwächen sogar in den Staub treten?

Damm: Aber nein. Je mehr ich mich mit ihm beschäftigte, desto mehr hat er mich fasziniert. Und ich finde, dass er wirklich eine neue Sicht verdient. Es sind so viele Denkangebote in seinem Werk. Vor allem in den Briefen zur »Ästhetischen Erziehung« ...

SPIEGEL: ... mit der wunderbaren These: »Es gibt keinen andern Weg, den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen, als daß man denselben zuvor ästhetisch macht.« Ist dieser Reformgedanke, der auf eine sehr geduldige Art von gesellschaftlicher Veränderung zielt, ein aktueller Ansatz?

Damm: Ja, durchaus - wir, die wir in einer völlig überreizten Welt leben, können davon eine Menge profitieren. Auch das Rebellische in den »Räubern« und im »Wallenstein«, das ist doch sehr heutig. Ich glaube, wenn man Schiller in seiner Normalität, in seiner Menschlichkeit, in allen Ambivalenzen zeigt, wird er für Leser wieder interessanter, wird er lebendig - greifbar als Individuum. Darauf kommt es mir an.

SPIEGEL: Vor allem Schillers Liebesleben war ziemlich individuell: Erst hatte er Freundinnen, die er zunächst heftig umschwärmte, dann aber verließ, ohne sie davon in Kenntnis zu setzen. Schließlich führte er die Dreiecksbeziehung mit zwei Schwestern. Die eine, Charlotte von Lengefeld, heiratete er, nahm sich aber fest vor, die andere, Caroline, weiter zu lieben. Sosehr er sich stets bemühte, das moralische »Ideal« mit dem »Leben« zu versöhnen - in seinem Privatleben scheint er gerade daran gescheitert zu sein.

Damm: Die Idee, eine Ménage-à-trois zu führen, ist offenbar an keine Epoche gebunden. Ich denke, bei Männer wie Frauen. Auch Goethe gab sich eine Weile der Illusion hin, mit Charlotte von Stein und mit Christiane Vulpius gleichzeitig leben zu können - also mit der Seelen- und mit der Sinnenliebe. Ich finde die Lebensexperimente der beiden Dichter sehr reizvoll. Für uns Heutige ist es ja nur sinnvoll, über Tote zu sprechen, wenn sie für uns etwas lebendig machen. Und da rührt einen die erotische Naivität von Goethe und Schiller schon sehr an.

SPIEGEL: Der rührende Schiller entschied sich für die Frau, die er weniger begehrte: die dezente Charlotte und nicht die geist- reiche Caroline. Zeigt sich da ein Frauenbild, das für den Dichter typisch ist? Auch in seinem »Lied von der Glocke« wird ja die Unterordnung der »züchtigen Hausfrau« gepriesen.

Damm: Ja und nein. Verliebt war er ja eher in dominante, temperamentvolle Frauen. Aber bei seiner Eheschließung war er wirklich wieder erstaunlich pragmatisch. Er hat die Frau gewählt, die ihm das Arbeiten erleichterte. Er hat über sich und Caroline gesagt, sie hätten aneinander zu viele Ansprüche gestellt. Charlotte, seine Ehefrau, stellte keine Ansprüche. Das war genau das, was er brauchte: eine wohltemperierte Ehe.

SPIEGEL: Wie viel Intimleben darf eine seriöse Biografie ausbreiten?

Damm: Man muss die Intimsphäre respektieren, darf ihr nicht zu nahe kommen. Ich habe mich auch bei »Christiane und Goethe« zurückgehalten - obwohl das ja nun wirklich eine sehr erotische Beziehung war. Ich hatte 20 Seiten darüber geschrieben und dachte: »Das geht nicht.« Und dann habe ich die Rechnung über die mehrfache Reparatur der Betten gefunden; also ein Detail, auf das ich mich beschränken konnte: Da braucht man weiter nichts zu sagen.

SPIEGEL: In Ihrer Schiller-Biografie äußern Sie sich auch nicht sehr ausführlich über die Ehe mit Charlotte. Haben Sie sich

da von Sympathien und Antipathien leiten lassen? An einer Stelle schreiben Sie, Charlotte sei Ihnen fremd geblieben, Sie hätten die »kleine Maus«, wie Schiller sie genannt hat, nicht gemocht.

Damm: Das war vor allem die späte Charlotte, die Art und Weise, wie sie nach Schillers Tod den Weihrauchkessel über ihm geschwenkt hat, die mich abstößt. Sie ist ja mitverantwortlich für diese offiziöse Schiller-Verehrung, die mir nun mal nicht gefällt. Andere Seiten an Charlotte mag ich: zum Beispiel wie sie sich ihren Kindern zugewandt hat. Da war sie sich übrigens mit Schiller sehr einig. Es gibt ja Autoren, die nur die Werke als ihre Kinder betrachten, das war bei Schiller anders, er hatte auch ein intensives Verhältnis zu seinen vier Kindern.

SPIEGEL: Sie sagen in Ihren Biografien ungeniert »ich« und sprechen Ihre Leser direkt an, Sie verzichten auf Fußnoten, obwohl Sie viele Quellen zitieren. Was sind diese Bücher denn nun: wissenschaftliche Abhandlungen mit Romancharakter oder Romane mit wissenschaftlichem Anspruch?

Damm: Beides, Recherche und literarische Form, ist mir gleich wichtig. Für »Christiane und Goethe« habe ich zwei Jahre recherchiert, dann habe ich zwei Jahre daran gearbeitet, das Material in eine literarische Form zu bringen.

SPIEGEL: »Christiane und Goethe« stand monatelang auf den Bestsellerlisten - Sie sind eine der erfolgreichsten deutschen Biografinnen. Für viele Ihrer Kollegen wurde die Arbeit durch einen Bestsellerruhm komfortabler, die überlassen nun wesentliche Recherchen Mitarbeitern. Sie aber verschwinden immer noch für Monate selbst ins Archiv - warum tun Sie sich das an?

Damm: Ich liebe es, den Staub von Archiven zu schlucken. Man muss immer als ganzer Mensch dran sein, sonst geht es nicht. Das empfinde ich auch als Verpflichtung demjenigen gegenüber, über den ich schreibe. Bei Schiller habe ich mir hin und wieder vorgestellt, dass er mir bei der Arbeit über die Schulter sieht.

SPIEGEL: Für »Christiane und Goethe« haben Sie die hauswirtschaftlichen Leistungen von Goethes Ehefrau recherchiert: wann sie wofür wie viel Geld ausgegeben hat, wie viel Wein sie kaufte und so weiter. Für Schiller mussten Sie zeittypische Krankenbehandlungen rekonstruieren - der Mann fühlte sich ja dauernd elend, war erkältet, hatte Fieber, Bauchschmerzen, dann eine schwere Lungenentzündung. Welche Funktion hatten nun die Krankheiten für Schillers Werk?

Damm: Ich denke, er ahnte, dass er nicht alt werden würde, und deswegen stürzte er sich in Arbeit. Er musste seine Zeit nutzen. Er hat ja immer von der magischen Grenze seines 50. Jahres gesprochen, und die erreichte er nicht einmal, er wurde nur 45.

Schiller war schon als Kind oft krank, wurde von seiner Mutter zu den Regimentern seines Vaters geschleppt, der war ja Soldat und hauste in unhygienischen Quartieren. Und die militärisch geführte Carlsschule auf der Solitude, dann in Stuttgart, die Schiller besuchte, war auch nicht geeignet, seine Gesundheit zu stabilisieren. Später kam der Druck der Freiberuflichkeit hinzu. Die ständige Spannung zwischen den Nöten der bürgerlichen Existenz und dem Ehrgeiz des Dichters aber war wohl das eigentlich auslösende Moment für dieses ewige Kranksein.

SPIEGEL: Schiller hatte es aus dem Schwabenland ins Thüringische verschlagen, und manchmal hatte er Angst, dort nicht mehr wegzukommen. Auch Sie bewegen sich mit den meisten Ihrer Werke in thüringischen Gefilden - kommen auch Sie davon nicht los?

Damm: Es zieht mich tatsächlich immer wieder dorthin, und das liegt sicher an meiner Herkunft. Ich stamme aus Gotha, habe in Jena studiert, dann dort später an der Hochschule unterrichtet. Und ich war viel in Weimar. Schiller nannte Weimar ein »Dorf«, und ich habe das auch immer so empfunden - zugleich war Weimar in der DDR-Zeit auch die Welt. Es gab dort jedes Jahr einen internationalen Hochschulferienkurs, da kamen Germanisten aus 16 Ländern, sowohl aus dem - wie es damals hieß - sozialistischen als auch aus dem kapitalistischen Ausland. Diese Kontakte waren für mich sehr bereichernd.

SPIEGEL: Nun gibt es die DDR schon lange nicht mehr - wird es irgendwann Zeit für Sie, mit Weimar abzuschließen?

Damm: Nein. Weimar bleibt. Aber, keine Sorge, ich habe mich seit dem Ende der DDR schon sehr entspannt. Früher dachte ich immer, ich müsse über Opfer schreiben, eben über Lenz oder Cornelia Goethe. Nun schreibe ich über die Weimarer Heroen - auch wenn sie für mich keine Heroen sind.

SPIEGEL: Goethe und Schiller - erlauben Sie eine Spekulation: Welchem Mann hätte Ihr Herz gehört?

Damm: Ach, schwierig. Ich glaube, doch Goethe. Diese Lebenslust, die ist eben sehr anziehend.

SPIEGEL: Sie schreiben am Ende Ihrer Biografie - für Ihre Verhältnisse schroff - »Ich verlasse Friedrich Schiller«. Hatten Sie genug von dem Asketen?

Damm: Nein, ich lebe ja immer weiter mit den Figuren, über die ich geschrieben habe. Schiller ist mir sehr nahe gekommen. Ich bewundere seine Lauterkeit, seine Lebensenergie, seine Geradlinigkeit. Außerdem haben Sie da nur den vorletzten Satz zitiert. Der letzte lautet: »Es bleibt nichts als das Werk.«

SPIEGEL: Frau Damm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Gemälde von Theobald Reinhold von Oer »Weimars goldene Tage"(1860). Das Gespräch führten die Redakteure Susanne Beyer undMathias Schreiber.* Braut Charlotte mit Schiller und Charlottes SchwesterCaroline (2. v. r.); Illustration nach Ludwig Richter (19.Jahrhundert).

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