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SCHALLPLATTEN Am Strand

Luc Ferrari: »Interrupteur«, »Tautologos 3«. Ensemble Instrumental de Musique Contemporaine de Paris; Dirigent: Konstantin Simonovitch. EMI 1C 063-11133; 23 Mark.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Von »Musik« will Luc Ferrari nicht mehr reden, von »Werken« und »Originalität« schon gar nicht. Begriffsreliquien aus romantischen Geniezeiten, die unbesehen in die modernste Klangproduktion herüberdämmern, will der Pariser zur letzten Ruhe betten. Kühl stellt er fest, daß »Stil« eine Form des »Rassismus« sei. Ihn selber interessiert »die Realität, das Leben« mehr als die trübe Fata Morgana »Kunst«. Und doch hat gerade der Komponist Luc Ferrari Stil, eine spezielle Kreativität, die aber der Musik von jeder konstruktivistischen Tonsetzerei herunterhilft.

Ferrari hat als einer der ersten ein geschlossenes Stück Natur -- die Morgengeräusche an einem jugoslawischen Strand -- zur akustischen »Minimal Art« in hoch feinem Stereo geformt. Er hat die französische »musique concrète« aus dem Himmel der Abstraktion mitten unter die Leute gejagt:

Geräuschmontagen sollen bei ihm »Geschichten erzählen« oder wenigstens Tonband-»,Anekdoten«. Und selbst die Klangbildnerei mit Instrumenten konkretisiert sich bei Ferrari neu, als Gesellschaftsspiel in den »Sociétés«-Stücken oder als Hinweis auf »mögliche Musik« in den Arbeiten, die er »Réalisables« nennt (etwa: »Machbares"). Auf der Schallplatte allerdings werden diese musikalischen Konzepte wohl oder übel zum »Werk« vergegenständlicht.

Die Aufnahme von Ferraris »Tautologos 3« und der vier Jahre alten Komposition »Interrupteur«, erschienen in einer neuen Plattenserie mit dem »Ensemble Instrumental de Musique Contemporaine de Paris« (Dirigent: Konstantin Simonovitch), dokumentieren untadelige Tonspiele mit Streichern, Bläsern und Schlagwerk.

Doch die guten Werkzeuge aus dem alten Konzertarsenal geraten in den Sog absurder bis manischer Clownerie. In »Tautologos 3«, einer Verbal-Partitur, knäueln sich die gleichen Motive immer anders. Eine halbe Unendlichkeit permutieren sie nach Klangfarbe, Dynamik, Reihenfolge der Töne und münden in ohrenstreichelnde Harmonien. mit denen sogar bürgerliche Nerven leben könnten.

Auch »Interrupteur« tut nicht weh. Ein milder Klangvorhang fächelt sanft, wenn von Zeit zu Zeit bunte Impulse. Fetzen instrumentaler Ereignisse vor diese Kulisse treten. Entwicklung, verkündet das lange Stück, ist Störung.

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