Amanda-Gorman-Gedicht Katalanischer Übersetzer hat »falsches Profil«

Nach den Niederlanden gibt es auch in Katalonien Ärger um die Übersetzung von »The Hill We Climb«, dem Gedicht von Amanda Gorman. Dem Übersetzer wurde mitgeteilt, man suche nach einer jungen, schwarzen Frau.
Dichterin Amanda Gorman

Dichterin Amanda Gorman

Foto: Patrick Semansky / AP

Der katalanische Übersetzer für das Gedicht, das die amerikanische Schriftstellerin Amanda Gorman bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden las, sagt, ihm sei der Auftrag entzogen worden, weil er das falsche »Profil« habe, berichtet der britische »Guardian« .

Victor Obiols war von einem Verlag in Barcelona beauftragt worden, das Gedicht »The Hill We Climb« ins Katalanische zu übersetzen. Nachdem Obiols mit seiner Arbeit fertig war, teilte der Verlag mit, er sei doch nicht der Richtige für diesen Job. »Sie sagten mir, dass ich nicht geeignet bin, es zu übersetzen«, sagte Obiols der Nachrichtenagentur AFP. »Sie haben meine Fähigkeiten nicht infrage gestellt, aber sie suchten nach einem anderen Profil, das eine Frau sein musste, jung, aktivistisch und vorzugsweise schwarz.«

Es ist der zweite Fall, in dem darüber diskutiert wird, ob weiße Menschen das Werk der Autorin übersetzen sollten. In den Niederlanden hatte sich zuvor Marieke Lucas Rijneveld von dem Auftrag der Übersetzung von »The Hill We Climb« für den Verlag Meulenhoff zurückgezogen, weil es Rufe nach einer schwarzen Übersetzerin gab.

Gorman, eine 23-jährige Afroamerikanerin, wurde weithin für den Vortrag ihres Gedichts »The Hill We Climb« bei Bidens Amtseinführung am 20. Januar gelobt. Das Gedicht wurde vom Angriff auf das US-Kapitol inspiriert und berührte den Gedanken, dass Demokratie »niemals dauerhaft besiegt werden kann«. Unter anderem thematisiert Gorman darin, dass sie als ein »skinny black girl« vor dem Präsidenten rezitiere. Sie war die jüngste Dichterin, die jemals bei der Amtseinführung eines Präsidenten sprach.

Die Übersetzung in Zeiten von Identitätspolitik sei »ein sehr kompliziertes Thema, das nicht leichtfertig behandelt werden kann«, sagte Obiols, der trotz Stornierung sein Honorar erhalten soll. Er äußerte aber auch Unverständnis: »Wenn ich eine Dichterin nicht übersetzen kann, weil sie eine junge, schwarze Frau ist, eine Amerikanerin des 21. Jahrhunderts, kann ich Homer auch nicht übersetzen, weil ich kein Grieche des 8. Jahrhunderts vor Christus bin. Oder hätte Shakespeare nicht übersetzen können, weil ich kein Engländer des 16. Jahrhunderts bin.«

Obiols sagte, er wisse nicht, ob die Ablehnung vom auftraggebenden Verlag oder von Gormans Agenten kam.

cpa
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