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KINO Amerika über alles

Hollywood in deutscher Hand: Nach Roland Emmerich setzt nun auch Wolfgang Petersen im Actionfilm »Air Force One« erfolgreich auf Pop-Patriotismus.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Politik ist offenbar doch sexy - zumindest dort drüben im Reich der letzten Supermacht dieser Erde, wo die Sonne zwar noch untergeht, sie aber heller strahlt als anderswo. So hell, daß sich sogar die Politik im Glanz des Showbiz sonnen darf.

Es ist jenes gelobte Land, in dem ein Kennedy-Nachfahre die Titelblätter eines vorgeblich seriösen Politmagazins mit scharfen Models schmückt. Es ist jenes Land, dessen Präsident so tut, als würde er häufiger mit Schauspielern dinieren als mit seinen Beratern. Und es ist jenes Land, in dem Hollywood den Chef des Weißen Hauses neuerdings in einen Action-Helden verwandelt. Willkommen in Amerika.

»Air Force One« heißt der jüngste Präsidenten-Knüller, und in nur zehn Wochen hat er weltweit schon mehr als 200 Millionen Dollar eingespielt - dank einer Geschichte, deren Absurdität erst richtig deutlich wird, übersetzt man sie ins Deutsche: Terroristen, ehemalige Stasi-Agenten, haben das Flugzeug des Kanzlers entführt, an Bord die Familie des Regierungschefs. Die Terroristen fordern die Freilassung ihres Anführers, der so gefährlich scheint, daß er sogar die etwas ins Stocken geratene kommunistische Weltrevolution vollenden könnte. Schließlich übernimmt der Kanzler den Job und erledigt - in alter GSG-9-Tradition - Bösewicht für Bösewicht. Klingt nach Schlingensief, ist aber ein neuer Petersen.

Was diesseits des Atlantiks böse Satire vermuten ließe, daraus wird in Hollywood ein ganz und gar ironiefreier Action-Thriller - grimmig ernst wie »Terminator«, »Rambo« und »Die Hard« zusammen. Harrison Ford spielt den US-Präsidenten Marshall, der gerade noch in Moskau der Welt versprochen hat, vor dem Terrorismus niemals in die Knie zu gehen, und der nun auf dem Rückflug in die Hände kommunistischer Terroristen geraten ist.

Die Schurken stellen ihn vor die Alternative: Familie oder Vaterland. Der Präsident aber tut, was ein Mann tun muß: Er kämpft für Familie - und Vaterland. »Ein Präsident, nach dem sich die Amerikaner sehnen«, schrieb ein US-Kritiker.

Wolfgang Petersens Erfolg mit »Air Force One« ist das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit. Bei den Aufnahmen für »Das Boot« lernte er, wie man in einer engen Röhre Kameras so aufstellt, daß trotzdem noch ein spannender Film dabei herauskommt. Für den Thriller »In the Line of Fire«, in dem Clint Eastwood einen Präsidenten-Leibwächter spielte, kooperierte er erstmals mit dem Weißen Haus.

Petersens Kunst allerdings besteht darin, daß er den Zuschauer alle schlingensiefschen Absurditäten vergessen läßt: die etwas konstruierte Prämisse, daß das Comeback des Kommunismus bevorsteht, ebenso wie den herbeigeschriebenen Seelenkonflikt zwischen Familienvater und Staatsoberhaupt. Vor allem aber veranstaltet Petersen fast ohne Augenzwinkern jede Menge Budenzauber im Jumbo - und in Gestalt von Ford gibt es einen Präsidenten mit Herz und Schmackes, der es den bösen Kommies besorgt.

Daß ausgerechnet ein deutscher Regisseur diesen Sommerhit voller Pop-Patriotismus gedreht hat, erscheint fast logisch. In Hollywood darf Petersen das tun, was hier kaum denkbar wäre. Das mag damit zu tun haben, daß Kanzler Kohl kaum als Inspiration für eine deutsche Version taugt - allein schon, weil, anders als in der technisch hochgerüsteten Air Force One, im Airbus der Bundeswehr-Flugbereitschaft sofort Streit darüber ausbrechen dürfte, wer die wenigen Telefonleitungen benutzen darf.

Vielleicht gewinnt der Film seine Kraft gerade daraus, daß der 68er Petersen inzwischen Gefallen gefunden hat am naiven Patriotismus der Amerikaner. Mitunter scheint es, als verstünden der Hollywood-Immigrant und sein Kollege Emmerich die Amerikaner und den Planeten Hollywood besser als die Eingeborenen.

Wobei Emmerich, das Spielbergle aus Sindelfingen, ein Stück weiter ging: Bevor in »Independence Day« der Präsident die Welt rettet, läßt Emmerich die Aliens ein paar Großstädte der USA und das Weiße Haus in Schutt und Asche legen. »Wir lachen uns ins Fäustchen«, sagt Petersen.

Und natürlich hat Petersen es verstanden, daß ein solch pop-patriotischer Film nur dann ein großes Publikum findet und Profit abwirft, wenn der echte Präsident auch ein Popstar sein möchte. Einer, der den Auftritt liebt, nicht aber die Durchsetzung politischer Inhalte; der sich nach der Vorführung des Films freut, daß endlich einmal der Präsident ein Held sein darf, und der hofft, daß etwas von Fords Glamour und Sex auf ihn abstrahlt - auch wenn sich Clinton, anders als sein Alter ego im Film, um Vietnam rumgedrückt hatte und bislang kaum durch Familiensinn auffiel.

So begeistert war Clinton von dem Projekt, daß er Petersen und Ford Zugang zur geheimen Air Force One gewährte und die beiden vom Pentagon mit reichlich Kriegsmaterial versorgen ließ. Bei einem gemeinsamen Abendessen von Clinton, Ford und der Schauspielerin Glenn Close wurde schließlich die Idee geboren, Close - in Wahrheit immer mehr der ehemaligen First Lady Barbara Bush ähnelnd - solle die Vizepräsidentin spielen. Dieser Wunsch war Petersen Befehl.

Lothar Gorris

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