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MUSEEN / HIRSHHORN-STIFTUNG Amerikanischer Traum

aus DER SPIEGEL 5/1969

Vor sechzig Jahren fand der Zeitungsjunge Joseph Hermann Hirshhorn in der Gosse von Brooklyn den Wandkalender einer Lebensversicherung. Er hob ihn auf und schnitt ihn auseinander. Hirshhorn begann, Bilder zu sammeln.

Nun baut die US-Regierung in Washington ein Museum, in dem Hirshhorns Sammlung -- als ein Geschenk an das amerikanische Volk -- künftig verwahrt werden soll. Baukosten des Museums: 60 Millionen Mark. Schätzwert der Sammlung: zwischen 100 und 200 Millionen Mark.

Denn der Sproß armer jüdischer Einwanderer sammelte sein Leben lang mit Erfolg: erst Wertpapiere, dann Uranvorkommen und nebenher stets Kunst. Als US-Präsident Lyndon B. Johnson Mitte 1966 »im Namen des amerikanischen Volkes« Hirshhorns Geschenk entgegennahm, fand er: »Ein großartiger Tag für die Hauptstadt der Nation.«

Hirshhorn, in einen dunklen Nerz gehüllt, sprach bei der Museumsgründung bescheidenere Worte: »Betrachten Sie dies als kleine Rückzahlung für alles, was dieses Land für mich und andere Einwanderer getan hat.«

Wahrlich hat sich im Wohlstand von Joseph H. Hirshhorn noch einmal der amerikanische Traum verwirklicht -- der Traum vom kleinen Mann, der sich zum Krösus hochverdient.

Nichts hatten die Hirshhorns, als Joseph und seine Brüder zu Beginn dieses Jahrhunderts aus Mitau in Lettland per Zwischendeck in die Gosse von Brooklyn überwechselten. Ihre Mutter arbeitete für zwölf Dollar die Woche, und die Kinder »allen Abfall«.

Heute, im Alter von 69 Jahren, ist der 1,62 Meter kleine Hirshhorn Herr über die größten Uranvorkommen der westlichen Welt und eine halbe Milliarde schwer. Seine Sammlung -- 4000 Gemälde, 2000 Skulpturen, 300 Aquarelle und Zeichnungen -- gilt als die größte private Anhäufung von Kunst. Der Katalog seiner Kunstschätze liest sich wie eine Notierung an der Börse: 53 Moores, 42 Daumiers, 26 Manzus. 23 Giacomettis, 22 Degas, 21 Matisses, 17 Rodins -- daneben Marini, Miró, Léger, Picasso, Renoir.

Hirshhorn verdankt seinen Schatz an Kunst-Werten auch seinem Geschick im Umgang mit Wertpapieren: Mit 14 begann er, als Bote, die Börse zu beobachten. Mit 18 machte er, als Makler, sein erstes großes Geschäft -- er riskierte 225 Dollar und bekam 168 000.

* Bei der Grundsteinlegung des Hirshhorn-Museums in Washington.

Mit 30 hatte der einsame Wolf der Walistreet mehr als vier Millionen Dollar zusammenspekuliert.

Sein größter Coup aber gelang ihm nicht an der Börse, sondern im Bergbau: Anfang der fünfziger Jahre erwarb er, auf Anraten eines Geologen, mehrere tausend Quadratkilometer von Kanada -- und damit die fettesten Uran-Adern des amerikanischen Kontinents. Hirshhorn kontrolliert seitdem mehr Uranerz als die US-Regierung.

Ei« kaufte sich Liegenschaften in Greenwich (US-Staat Connecticut) und eine Villa in Antibes an der französischen Riviera und richtete sich Büros und Appartements in New York und Toronto ein. Aber er erkannte auch: »Man kann nur drei Mahlzeiten am Tag essen. Ein paar Millionen sind gut und genug. Alles andere ist Quatsch.«

Hirshhorn wollte keinen Quatsch: »Man muß mit dem Geld etwas Nützliches tun« -- Kunst sammeln zum Beispiel. »Ich bin einfach verrückt nach Kunst«, gestand der Aktiensammler einmal. Und: »Kunstwerke kaufe ich wie andere Leute Krawatten. Sobald ich ein paar Minuten Zeit habe, flitze ich in eine Galerie und kaufe. Und kann ich mich nicht gleich für irgendwas entscheiden, kaufe ich einfach alles.«

Auf diese Weise kam die umfangreichste Privatsammlung europäischer Bildhauerei und amerikanischer Malerei zustande -- bis ihr Besitzer schließlich »nicht mehr wußte, wohin damit«. Als Hirshhorn seine Behausungen und Büros samt Gärten und Garagen. Bädern und Böden, zahlreiche Speicher und auch noch den Kofferraum seines Automobils mit Kunstwerken verstopft hatte, stellte er sich und der Welt die Frage: »Wohin mit dem Zeug?«

Um seine Sammlung bewarben sich der Staat New York und die Stadt Los Angeles, die Stadtväter von Zürich und die Regierung in Jerusalem -und Londons Tate Gallery erbot sich gar, im Regent's Park ein eigenes Museum zu errichten. Eine ähnliche Lösung hatte auch schon Hirshhorn erwogen: entweder sein geräumiges Gelaß in Greenwich in einen Kunsttempel zu verwandeln oder auf seinen kanadischen Latifundien eine Kunsthalle namens »Hirshhorn« zu bauen.

Da schalteten sich die Johnsons ein. Lady Bird und Lynda Bird machten Sightseeing in Connecticut und kehrten aus Hirshhorns Skulpturen-Garten mit überschwenglichen Berichten ins Weiße Haus zurück. Der Präsident lud den Börsianer und Bergbauer zum Lunch und nach dem Imbiß erklärte Hirshhorn, Arm in Arm mit Johnson« vor der Presse, es sei ihm eine Ehre, »der größten Hauptstadt der größten Nation der Welt« zu vermachen, was er »meine 6300 Kinder« nannte.

Als Heimstatt für Hirshhorns Kinder wurde, mit Zustimmung des Kongresses, ein Platz in Washingtons »Mall« ausersehen -- jenem parkähnlichen Parade-Strip am Potomac, der sich, drei Kilometer lang und 500 Meter breit, von den Säulen des Lincoln-Memorials bis zur Käseglocke des Capitols erstreckt.

Zwischen den Dinosauriern pseudoklassizistischer Prunk-Architektur stach Lyndon B. Johnson zu Beginn dieses Monats eine Silberschaufel in die Mali, um den Grundstein für das neue Museum zu legen.

Der Bau -- vom Designer des berühmten Lever-Hauses in New York, dem Architekten Gordon Bunshaft, entworfen -- paßt gut zu den Kolossen an der Mali: Er ist ebenso groß und ebenso geschmacklos. Das dazugehörige Areal mißt nahezu fünf Hektar, und im vorgesehenen Zierbecken fände sogar die Onassis-Jacht Platz.

Der monströse marmorne Ring-Rundbau (70 Meter Durchmesser, 18 Meter Höhe) -- in dessen Innenhof das New Yorker Guggenheim-Museum gut unterkommen könnte -- fand beispielsweise vor der Architekturkritikerin der »New York Times«, Ada Louise Huxtable, keine Gnade. Das Museum sei »der größte Schmalzkringel der Welt«, schrieb sie, und der Marmor sehe aus »wie blauer Käse«.

Indigniert vermerkten außerdem amerikanische Kunstfreunde« daß die riesige Bilder-Schau den Namen ihres Mäzens tragen werde: Sie respektierten Hirshhorns Gabe -- aber sie hätten es lieber gesehen, wenn der Name des Spenders nicht verewigt würde.

Doch gerade dies, sagen die Eingeweihten, scheine den Einwanderer zur Hergabe seiner Kunstschätze im Wert von 100 bis 200 Millionen Mark bewogen zu haben: Er wollte sich einkaufen in die Ahnengalerie der amerikanischen Geschichte -- und den Namen Hirshhorn verewigt sehen in der Straße, in der Namen wie Jefferson, Lincoln und Washington an steinernen Monumenten prangen.

Hirshhorn: »Dies ist Hirshhorns Sammlung. Hirshhorn hat sie bezahlt.«

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