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Musik AMIGOS IN DER GOLDGRUBE

Die Geldnot der Städte, so wird gesagt, gefährde vor allem die Kultur. Doch die Opern-Intendanten sahnen im Subventionssystem ab wie gehabt. Zwischen Bonn und Berlin verschlingen Luxusgehabe und Mißmanagement Millionen. Einer tanzt jetzt aus der Reihe: In Aachen erwirtschaftet Theaterchef Ottenthal einen Überschuß.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Diskret und in gebührendem zeitlichen Abstand fuhren in den letzten Wochen Delegationen aus vier deutschen Großstädten beim Stadttheater Aachen vor und begehrten eine Sondervorstellung.

Die aus Kassenwarten, Kulturfunktionären und Schöngeistern bunt besetzten Ensembles wollten allerdings keine Aufführung auf der Bühne, sondern hinter den Kulissen in die Bücher sehen. In der rheinischen Printen-Metropole war ein Wunder geschehen: Ein deutscher Intendant meldete Überschuß.

Nicht daß der Aachener Theater-General Elmar Ottenthal, 43, ohne die öffentliche Hand haushalten könnte. Bei einem Etat von 31,7 Millionen Mark für das Drei-Sparten-Haus buttert die Stadt immerhin rund 27 Millionen zu.

Doch innerhalb der Eckwerte hat Ottenthal geschickt mit dem Pfennig gefuchst. Am Ende der Spielzeit 1993/94 hatte er fast eine Million Mark mehr eingenommen als veranschlagt und bei den Ausgaben 2,3 Millionen eingespart. Als »Quadratur des Kreises« besang die Bühne ihr »Traumergebnis« und erwartet zum Schluß der laufenden Saison sogar noch mal eine Million für die hohe Kante.

Ungläubig ließen sich die angereisten Kommunalen, denen daheim die Kulturkosten über den Kopf wachsen, das Aachener Wirtschaftswunder vorrechnen - ein Guckkasten als Spardose?

Seit der Tiroler Ottenthal 1992 den Aachener Spielplatz übernommen hat, sind dort das Abonnentensystem umgekrempelt, die Werkstätten mit eigenem Budget verselbständigt, die Laufzeiten der Inszenierungen gerafft, hohe Umbaukosten vermieden, an allen Ecken und Enden Wasserköpfe demontiert worden. »Wir müssen«, so Ottenthals Devise, »den 150 Jahre alten Laden Oper mal richtig durchlüften.«

»Doch was macht die Kunst?« fragte die FAZ indigniert und antwortete wieder mal abendländisch: Sie sei unter Ottenthal »gesundgespart«, von dem »Modell Stadttheater« sei »wenig geblieben«.

Schandfleck Aachen? Im Januar spielt Ottenthal Brecht, Verdi, Ballett von Milhaud und »Oliver«, ein Kinder-Musical; im Februar auch noch Udo Zimmermanns »Weiße Rose«, immerhin neue Töne. Nichts für feuilletonistische Fanfaren das Ganze, aber auch kein populistischer Firlefanz.

Die Aachener jedenfalls rennen Ottenthal die Bude ein. Eric Woolfsons 1993 uraufgeführtes Musical »Gaudi« (über den katalanischen Architekten Antoni GaudI) erlebte 80 überbuchte Vorstellungen, dreimal mehr als geplant. Die Oper spielt immer vor ausverkauftem Haus.

Der Intendant Ottenthal hat allerdings nicht nur sein Theater, sondern auch den Regisseur Ottenthal fest an der Kandare. Für seine Aachener Inszenierungen genehmigt er sich, ganz unstandesgemäß, eine Gage »beträchtlich unter dem erlaubten Höchstsatz«, nicht mal 20 000 Mark. Lukrative Auswärtsspiele, im Arbeitsvertrag ausdrücklich zugestanden, verkneift er sich ganz.

Er habe »Wichtigeres zu tun« und wolle »mit dem Nachdenken über Theater nicht länger an den Stadtmauern aufhören": »Wir sitzen doch alle viel zu satt auf dicken Polstern und führen uns beamtlich auf.« Es müsse Schluß sein mit den »trägen Verwaltern und verkrusteten Kollektiven, die bloß am System verdienen«. Er habe »nicht mal Angst, wenn das Geld noch knapper würde«.

Achtung, Herr General: Solcher Vorwitz geht dem System an und seinen Gralshütern auf die Nerven. Aber natürlich weiß auch Ottenthal, was alle wissen: »Mancher Intendant denkt da anders.«

Ottenthals Bonner Kollege Gian-Carlo del Monaco beispielsweise ist insoweit Freidenker: Als Hausherr Chaot, als Haushälter Protz, schaltet und wütet der Havanna qualmende Zampano stets auf großem Fuß.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit 1992 überzog er den Etat um 3,8 Millionen Mark; Abmahnung durch die Stadt, Androhung fristloser Kündigung. Na und? Um wenigstens seine Amigos bei Laune zu halten, erhöhte der spendable Prinzipal die in Bonn ohnehin üppigen Gagen um durchschnittlich 2000 Mark. Einfach so, ein Solidaritätszuschlag.

Auch seinen Vorgänger Jean-Claude Riber ließ del Monaco nicht darben. Da Ribers konventioneller Repräsentationsstil in Bonn stets gern gesehen war, wurden dem Ex-Intendanten für die del-Monaco-Ära vier Neu-Einstudierungen seiner Antiquitäten und eine echte Premiere vertraglich zugesichert.

Auf die Bühne kam nichts davon. Entweder waren Ribers Dekorationen schon in den Müll gewandert, oder es fehlte an Terminen. Dennoch wurde Riber fürstlich entlohnt: Bonn überwies ihm »Abfindungen« in sechsstelliger Höhe.

In der Oper am Regierungssitz guckt man ungern auf den Pfennig. Man aast über einem sicheren Sozialnetz: Der Bund deckt generell 70 Prozent des Fehlbetrages ab, den die Bühnen erwirtschaften - Kunst hin, Können her.

Nun kommen in letzter Zeit die Herrschaften aus dem Regierungsviertel seltener auf del Monacos Spielwiese. Schrumpfende Besucherzahlen vor Augen, erinnerte sich der Intendant seiner acht Jahre alten »Carmen«-Inszenierung. Das Stück zieht ja immer.

Kurz vor der letzten Jahreswende war Premiere der Neu-Einstudierung, ein Fiasko. »Skandal«, »Flickwerk«, nörgelte die Bonner Rundschau, »von den meisten guten Geistern verlassen«.

Vor allem von dem inszenierenden Intendanten. Der hielt sich nämlich seit dem letzten Oktober-Wochenende und somit mitten in der Spielzeit für volle drei Monate in New York auf, wo er an der Met, laut eigener Prahlerei, mit »100 000 Dollar« Regie-Gage seine Bonner Bezüge angenehm mehrt. Daheim muß sich der Arme für 400 000 Mark im Jahr abrackern.

Nun geht del Monaco auch nicht leer aus, wenn er del Monaco aufwärmt. Für das »Carmen«-Remake darf er sich immerhin 53 000 Mark gutschreiben, zwei Drittel der 1986 fälligen Erst-Gage. So vermeidet Bonn soziale Härtefälle. Dennoch würdigte der Regisseur sein Werk keines Blickes: Für Peanuts inszeniert er per Telefon.

Fernmündlich entschied er, welche der vier von ihm ausgeguckten Titelheldinnen auf die Bühne durfte und welcher Kapellmeister den kurzfristig gefeuerten »Carmen«-Dirigenten ersetzen sollte. Das Ensemble überließ er einem freien Mitarbeiter (Extra-Kosten: 10 000 Mark), der nach zwei Proben eine pannenreiche Vorstellung lieferte.

Keine Aufregung: alles rechtens, alles in Ordnung. Deutsche Opernintendanten dürfen das. Sie tingeln, mauscheln und pfuschen mit Absolution ihrer staatlichen Subventionsgeber. Die öffentliche Hand deckt die Amigo-Wirtschaft vor und hinter den Kulissen.

»Nie wieder einen selber inszenierenden oder dirigierenden Intendanten«, jubelte jüngst die Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss, nachdem ihr Wunschkandidat Johannes Schaaf schließlich doch noch den Chefstuhl in der Hamburgischen Staatsoper ausgeschlagen hatte. »Gratulation an das Haus«, spottete die Zeit; nun bestehe die Chance, »einen Weg aus dem Anspruchsdenken und der Selbstbedienungshybris zu finden«.

Diese Chance hätten die Bonner auch. Vom kommenden Mai an ist del Monacos Vertragsverlängerung (über 1997 hinaus) Thema im Rathaus. Da die Bundesregierung der Stadt ihren Geldregen bis 1999 garantiert, wird del Monaco wohl in der Goldgrube bleiben.

Neidisch schielen derweil die Berliner auf das Bonner Theater. 1994 hat der Bund ihnen noch schlappe 210 Millionen Mark Kulturförderung überwiesen, 1995 kommt erst einmal nichts. Immerhin leisten sich die Hauptstädter drei Opernhäuser. Schon ist von einem Generalstreik aller Kulturschaffenden vor Ort die Rede - der »deutsche Kulturföderalismus« kapituliere vor der »neuen Herausforderung«.

Dabei tun sich im Zwischenmenschlichen längst Wege auf, Bonn und Berlin zu verbandeln. Nächsten Monat beispielsweise wird an del Monacos Bonner Regierungssitz der Intendant Götz Friedrich von der Deutschen Oper Berlin gastieren und seine Frau Gemahlin Karan Armstrong, Sopran, einbringen. Er inszeniert den »Rosenkavalier«, sie singt darin achtmal die Marschallin.

Nun hat die bewährte Zugewinngemeinschaft das Stück auch schon in Stuttgart und Berlin betreut. Aber solches Recycling in eigener Sache gilt bei Künstlers als Weiterentwicklung und hat seinen vollen Preis: Gast Friedrich beehrt Bonn für rund 100 000 Mark, die besserverdienende Hälfte kommt auf das Anderthalbfache.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Freiheit der Kunst legt es nahe, daß del Monaco seinerseits auch bei Friedrich in Berlin inszenieren und etwa »Hoffmanns Erzählungen« erst in Berlin und dann auf seiner eigenen Bonner Bühne zeigen darf. Kein unanständiges Kompensationsgeschäft, bloß kollegiale Wertschätzung.

Nur so weiter, die Oper kommt schon noch auf den Hund. Zynisch malt sich der Düsseldorfer Kulturkritiker Ulrich Schreiber das Stadttheater der Jahrtausendwende »als Ort leerläufiger Selbstverwaltung« aus, wo »zwar reges Leben zwischen Intendanz und Kantine« herrsche, aber »Kunst nicht mehr stattfindet«.

Im Musiktheater der einstigen Überfluß-Kapitale Frankfurt am Main ist diese Vision längst real. Im Januar macht das Haus an 20 Tagen dicht oder wird von Gästen zweckentfremdet. Die letzte Großtat der Oper, Wernickes Inszenierung des Wagner-»Rings«, war ein Import aus Brüssel. Das Institut ist künstlerisch pleite und auf Dauer in Geldnöten.

Den Bankrott verwalten gleich fünf Intendanten, die sich fast alle nicht grün sind. Gleichsam in der Königsloge thront, als erste Geige des Quintetts, der Geschäftsführende Intendant Martin Steinhoff. Gage: 304 000 Mark. Das ist die Grundversorgung.

Wenn Steinhoff »Plakatgraphiken und sonstige Graphiken« erstellt: 1000 Mark Zusatzlohn. Redigiert er ein Programmheft: 1500 Mark Extra-Vergütung. Treibt es den Vielseitigen »für anderweitige künstlerische Tätigkeiten« in die Ferne, kann er »einen zusätzlichen bezahlten Urlaub in Höhe von 50 Tagen beanspruchen«.

Damit sich der Herr Geschäftsführer auf alle Annehmlichkeiten langfristig einstellen kann, hat sich die überschuldete Stadt verpflichtet, ihm frühestens für nächstes Jahrtausend »die Nichtverlängerung des Vertrages« erklären zu dürfen.

Und da steht in Aachen der bescheidene Hoffnungsträger Elmar Ottenthal, dreht jeden Pfennig zehnmal rum und glaubt auch noch, mit seinem Kleingeld vielleicht die ganz sündhaft teure Oper retten zu können. Der Ärmste. Y

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