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Amour fou bei Patrice Chereau

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aus DER SPIEGEL 32/1985

Als Theater- und Opernregisseur wird Patrice Chereau international gefeiert; auch sein dritter Spielfilm bekam vor zwei Jahren in Cannes zum Teil hymnische Kritiken. Aber erst jetzt hat er einen kleinen deutschen Verleih gefunden, der »L'Homme blesse - Der verführte Mann« diese Woche in die Programmkinos bringt. Was geboten wird, ist nicht gerade Massenunterhaltung. Dabei spielt der Film im Bahnhofsmilieu, es geht um Sex und Leidenschaft. Aber Chereau breitet die eigenen homosexuellen Obsessionen so kompromißlos aus, daß er sich dafür sogar die Feindschaft der Schwulenpresse zugezogen hat. Denn amour fou heißt bei ihm wirklich: verrückte Liebe. Kein Zuschauer kann nachvollziehen, was den 18jährigen Vorstadtjungen (Jean-Hugues Anglade), der auf dem Lyoner Bahnhof plötzlich seine Homosexualität entdeckt, in die Abhängigkeit von einem sadistischen Zuhälter (Vittorio Mezzogiorno) treibt, was ihn zum Dieb und schließlich zum Mörder aus Liebe macht. So bleibt Chereaus Film, nach Motiven von Jean Genet bis in die Nebenrollen (zum Beispiel mit Armin Mueller-Stahl und Lisa Kreuzer) perfekt inszeniert, ein radikales Minderheitenprogramm.

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