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FERNSEHEN / ZUSCHAUER-VERBÄNDE An alle

aus DER SPIEGEL 6/1971

Den westdeutschen Funk-Intendanten drohen Boykott und Bankrott. »Wenn diese Herren besonders störrisch sind«, warnt der Brühler Diplom-Ingenieur Georg Zahel, »dann drehen wir ihnen den Geldhahn ab.«

Wir -- das ist ein zorniger Haufen unzufriedener Fernseh-Abonnenten, die Zahel in einem »Funk- und Fernsehmitgestaltung« (FFM) genannten Verband organisiert hat. In Flugblättern, Zuschauerbriefen und auf Tagungen polemisieren die selbsternannten Mitbestimmer gegen die »üblen Machenschaften« der Programmgestauer und ihren »autoritären Stil«.

Verbandsgründer Zahel schimpft auf die Ohnmacht der Fernsehkunden und will gegen die »Diktatur aus der Flimmerkiste« eine bundesweite Aktion Widerstand rekrutieren.

Als Hilfstruppen bieten sich dem Intendantenschreck drei weitere Zuschauergruppen an -- die vom 1970 gestorbenen erzkonservativen Politologen Ludwig Freund gegründete »Aktion freier Staatsbürger für demokratische Erneuerung«, eine »Kampagne gegen die Diktatur der Massenmedien« und vor allem die reaktionäre »Aktion Funk und Fernsehen« (AFF).

Sie alle wollen die »Heimtücke« bekämpfen, mit der das Fernsehen den »Religionsunterricht madig« macht, die Großfamilie anpreist und »Bundeswehr-Generäle schmäht«. Sie alle erregen sich über den »naßforschen Ton« der Moderatoren Merseburger und Casdorff, über die fremdsprachigen Schlager, die »unverblümt den Sturz der demokratischen Ordnung propagieren« und »unsere Jugend verseuchen«.

Die TV-Kritiker möchten lieber ihren Heintje hören, der die deutsche Oma auch deutsch besingt. Sie sehen statt gruseliger Horror-Serien lieber Fernsehspiele und alte deutsche Filme, die »aus dem Leben gegriffen sind«.

Mit ihren »Zwangsgebühren« wollen die Widerständler nur »absolut saubere Sendungen« finanzieren -- so der Inhalt einer Resolution, die Zahels FFM an den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Heinz Kuhn adressiert hat.

Für Zuschauer-Mitbestimmung und die Einführung eines Privatfernsehens demonstrieren sie Immer wieder unter Hinweis auf einen möglichen Gebührenstreik. Da fühlen sie sich ganz mächtig. Denn: »Wer zahlt, schafft an.«

Mit solchen Forderungen sympathisieren viele traditionsverbundene Deutsche .- vom Soziologen Erwin K. Scheuch bis zum Theologie-Professor Helmut Thielicke. Um die Herrschaft der »Neomarxisten Kommunisten und Anarchisten« auf dem Bildschirm zu brechen (so die einstige Sozialistin Margarete Buber-Neumann vorletzte Woche auf einem AFF-Treffen), sammeln allein Zahels »Mitgestalter« allwöchentlich »rund 2000 bis 3000 Solidaritätserklärungen«. Auf ein FFM-Flugblatt ("An alle Fernseher und Rundfunkhörer")« das auch »ein praktikables Recht auf Gegendarstellung« und »ausgewogene Kommentierung« durch »Sprecher aller Richtungen« verlangt, sollen sogar über 100 000 Funk-Abonnenten mit Zuschriften reagiert haben.

Jetzt haben erstmals auch die Betroffenen dazu Stellung genommen. Letzte Woche verwahrten sich die ARD-Intendanten gegen die »Unterstellungen und Unwahrheiten« der Notgemeinschaften. Und Walter von Cube, Hörfunk-Programmchef des Bayerischen Rundfunks, nannte Angriffe der »Aktion Funk und Fernsehen«, die sich über revolutionäre »Linksextremisten« aufgeregt hatte, die »ihre Vorurteile und Gesinnungslosigkeit bis zum Exzeß ausleben können«, »in der Sache falsch, in der Form beleidigend«.

Dubios und wenig überzeugend klingen bislang auch die Ankündigungen der Mitbestinimer für die nächste Zukunft. Die AFF, die sich rühmt, Mäzene von »gewissem Einfluß, beispielsweise aus der Wirtschaft« und der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gefunden zu haben, will TV-Kontrolleinrichtungen installieren, aber vor allem »eine hauptamtliche Geschäftsstelle« einrichten.

Zahels »Funk- und Fernsehmitgestalter« begnügen sich vorerst mit geheimnisvollen Drohungen gegen die Fernsehdirektoren.« Wenn die wüßten«, schwadronieren sie dunkel, »was auf sie zukommt.

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