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KUNST An den Nagel gehängt

Biennale-Kandidat Ruthenbeck arbeitet mit simplen Demonstrationen: Spielzeuglokomotiven versperren sich den Weg, Gewebe und Gummi finden ihre Form von selbst.
aus DER SPIEGEL 7/1974

Wo andere Leute Iglo-Fischkost oder Langnese-Nachtisch aufbewahren, da liegt bei Reiner Ruthenbeck, 36, ein schwarzer Klotz. im Gefrierfach seines Kühlschranks hat der Düsseldorf er Künstler einen »Tuscheziegel« aus eigener Herstellung deponiert.

Karge, unterkühlte Kunst ist Ruthenbecks Fall, und gern bringt er sie im Leben unter -- als Widerstand gegen eine sonst allzu »reibungslose Wohnmaschinerie": Wie der Ziegel aus gefrorener Tusche das Eisfach blockiert, so setzt ein rotes Band, durchs Schlüsselloch gezogen, diese Öffnung außer Funktion. Ein schwarzes Tuch füllt zweckwidrig die Waschmaschine, Stoffstreifen »durchkreuzen« buchstäblich ein Stück Einrichtung.

Öfter als im privaten Heim sind Ruthenbecks »Wohnungsobjekte« allerdings in Galerien und Museen anzutreffen. Ein »Tuscheziegel« -Exemplar zum Beispiel liegt derzeit in einer Ruthenbeck-Ausstellung der Düsseldorfer Kunsthalle*, und es ist denkbar, daß bald auch eines in wärmerem Klima temperiert werden muß: Ruthenbeck soll, neben der Konzeptkunst-Tabellenschreiberin Hanne Darboven sowie dem

* Bis 3. März. Katalog 28 Seiten; 5 Mark.

Photographenpaar Hilla und Bernd Becher, Deutschland bei der Biennale in Venedig vertreten. Dort möchte er demnächst den Schau-Raum überprüfen.

Denn Ruthenbeck-Ausstellungen sind stets sorgfältig auf das Lokal bezogen. Die Düsseldorfer Schau, auf einen einzigen Saat beschränkt, stellt sich als strenge Inszenierung dar: Einer vergleichsweise bunten Hälfte steht eine puristisch schwarzweiße gegenüber.

Einerseits werden »Wohnungsobjekte« (teils in Photodokumentation) gezeigt; ein Tonbandgerät, auf einem Perserteppich abgestellt, reproduziert die »penetranten, bedrohlichen« (Ruthenbeck) Geräusche des Teppichklopfens; in einer Vitrine wird das typische Ruthenbeck-Motiv der Blockierung höchst spielerisch variiert: Zwei Modell-Lokomotiven verstellen sich. Stirn an Stirn, den Weg.

Andererseits fungiert ein klebriger, mit schwarzer Deko-Folie umwickelter Pfeiler gleichsam als Besucher-Fänger; schwarze Metallquadrate, in unterschiedlicher Position aufgehängt, vermitteln gewissermaßen in Phasen-Aufnahmen das Prinzip der »Drehung« (Werktitel); ähnliche Platten lasten oder lehnen an straffen Drähten und machen auf diese Weise Spannung anschaulich.

Kunstwerke von so asketischer Verfassung sind dem Publikum fast hilflos ausgeliefert -- Apologeten, die sie für eine »Elite der Sensibilität« reservieren möchten, ebenso wie der naheliegenden »Na und?«-Reaktion. Wer sich aber auf den Elementar-Unterricht dieser Kunst einläßt, wird mit eindrucksvollen Demonstrationen honoriert.

Nie war ein Tisch so sparsam, doch überzeugend gedeckt wie der Tisch von Ruthenbeck, der nichts als das gestraffte und über die Kanten hängende Tuch zum Thema hat. Kaum je wurde der Gegensatz von hartem und textilem Material so einsehbar wie bei einer »Glasplatte in Stofftasche«.

Der Werdegang dieser Kunst und ihres Autors hat Logik. Ruthenbeck« in seinem rheinischen Heimatort Velbert als Photograph ausgebildet, hatte autodidaktisch »organisch-motorische Zeichnungen runtergeschrieben«, ehe er sich 1962 an der Düsseldorfer Kunstakademie immatrikulierte. Dort versuchte er zunächst, die »Zeichnungen in Ton nachzubauen«, doch Klassenlehrer Joseph Beuys half Unklarheiten beseitigen, »die mit der Verwendung von Materialien zusammenhingen«.

Als Resultate solcher Klärung produzierte Ruthenbeck metallene Schäfte in Hülsen, später tropfenförmige lackierte Pappmaché Objekte. Nächster Schritt: Der Künstler ahmte die natürliche Gestalt des Tropfens nicht mehr illusionistisch nach, sondern ließ sie von selbst entstehen, indem er Gummiringe an Nägel hängte.

Auf derselben Linie zwischen Kunst und Nichtkunst fortarbeitend, stellte Ruthenbeck Latten zur Pyramidenform zusammen, häufelte Asche oder Papier zum unvermeidlichen Kegel. Doch »immer mehrgleisig«, hielt er sich auch Alternativen offen, wie »Tonstücke« nach Art des Teppichklopf-Arrangements oder die störenden »Wohnungsobjekte« beweisen.

Besondere Tücke hat schon mehrfach der finstere »Tuscheziegel« an den Tag gelegt, wenn nämlich beflissene Aufseher oder Museumsputzfrauen den Kühlschrank ausschalteten, das Objekt schmolz und gründlich den Boden bekleckerte. Ruthenbeck selbst indessen läßt sich von seiner Kunst nicht rigoros am Leben hindern: Neben dem Ziegel im Gefrierfach bleibt ihm noch immer »Platz für Eiswürfel«.

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