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An der Grenze zwischen Geist und Biologie

»Biologie der Erkenntnis -- die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft«, lautet der Titel des neuesten Buches von dem österreichischen Zoologen Rupert Riedl, das jetzt (230 Seiten; 29 Mark) beim Verlag Paul Parey, Berlin/ Hamburg, erscheint. Riedl, 54, ist Professor am Zoologischen Institut der Universität Wien. Als »kopernikanisch« bezeichnet Hoimar von Ditfurth, 57, Wissenschaftspublizist und Bestsellerautor die Thesen in Riedls neuem Buch.
aus DER SPIEGEL 40/1979

Allein der Titel des Buches dürfte genugen, beim traditionell, sprich geisteswissenschaftlich Gebildeten, bei der überwiegenden Mehrzahl unserer Mitbürger also, ein veritables Magengrimmen hervorzurufen. Die Reaktion wäre nicht nur verständlich, sie wäre, im ideengeschichtlichen Zusammenhang betrachtet, sogar noch als moderat einzustufen.

Denn wer sieh vom bedingten Reflex der ihm von unserer Bildungstradition andressierten Abwehr nicht übermannen läßt, sondern das Buch liest, wird rasch entdecken, daß ihm nicht weniger zugemutet wird als eine radikale Revision seines bisherigen Selbstverständnisses. Die Rede von einer neuen kopernikanischen Wende ist in diesem Zusammenhang nicht zu hoch regriffen. Auf Revolutionen dieses Ranges aber haben Menschen seit je heftig reagiert, meist weitaus weniger zurückhaltend als bloß mit einem Brennen der eigenen Magenschleimhaut.

Der Wiener Zoologe und Wissenschaftstheoretiker Rupert Riedl hat das Konzept der »evolutionären Erkenntnistheorie« erstmals auf ein systematisches Fundament gestellt, das fest genug ist, um das neue Verständnis von der Geschichtlichkeit unserer Vernunft als Bestandteil der Erkenntnislehre endgültig zu etablieren. Die Schwierigkeit des Gegenstandes und die unvermeidlich abstrakte Form seiner Behandlung werden den Leserkreis des Buchs in Grenzen halten. Die Bedeutung seines Inhalts aber verpflichtet zu dem Versuch, wenigstens skizzenhaft zu erläutern, um was es geht.

Es geht, wie stets bei ideengeschichtlichen Revolutionen, um die Überwindung einer Grenze. Im Rahmen des dadurch gewonnenen neuen Horizonts nimmt alles, auch das längst Bekanntgeglaubte, eine neue Bedeutung an. Im Falle des Kopernikus oder vielmehr des Giordano Bruno (nur versehentlich hat man die Wende nach dem ersten benannt, so wie man es davor etwa versäumte, die Neue Welt nach ihrem Entdecker Kolumbus zu taufen) war das die Grenze zwischen Erde und Himmel.

Die Entdeckung, daß das Weltall das übergeordnete System ist und nicht der eigene irdische Standort, daß die Sonne nur einer unter unzähligen, gleichartigen Bausteinen eines alle menschliche Vorstellung übersteigenden Kosmos ist, hat das menschliche Selbstverständnis bleibend geprägt, bis hin zu dem revolutionierenden Gedanken von der

* Mit dem Schädel eines Delphins.

Möglichkeit einer Gleichheit aller Menschen.

Die evolutionäre Erkenntnistheorie, deren Urheberschaft mit einer ganzen Reihe von Namen verknüpft ist, bricht mit einem anderen Tabu: Sie überschreitet die seit Jahrtausenden, seit den Anfängen der abendländischen Philosophie für unüberschreitbar gehaltene Grenze zwischen unserer geistigen und unserer biologischen Natur.

Alle bisherige Philosophie bestand darauf, die Grundlagen unserer Vernunft aus deren eigenen Prinzipien abzuleiten. Sie ist dabei gescheitert. Die Fiktion, daß unser Geist frei über den Tiefen der Materie schwebe, trieb sie bei allen Versuchen nur immer wieder auf die Klippen der Aprioris und der Zirkelschlüsse.

Die evolutionäre Erkenntnistheorie betrachtet die traditionelle Beschränkung des Erklärungshorizonts als willkürlich. Sie hat in ihre Analyse alle Prozesse einbezogen, die zum Gewinn von Erkenntnis führen, ob sie sich nur auf psychischer oder aber auf biologischer Ebene abspielen. Dabei entdeckte sie die Tatsache, daß das Leben selbst ein erkenntnisgewinnender Prozeß ist.

Konrad Lorenz ist wohl der erste gewesen. der aussprach. daß Evolution »Gesetzlichkeit aus der Welt extrahiert«. Gemeint ist damit die höchst wunderbare Tatsache, daß zum Beispiel ein Auge alle von unserer Wissenschaft in geduldiger Mühsal aufgedeckten optischen Gesetze sozusagen angeboren widerspiegelt oder daß Körperbau und Flossen eines Meeresbewohners die physikalischen Eigenschaften des Wassers »abbilden«. Evolutive Anpassung setzt das »Erkennen« gesetzlich festliegender Eigenschaften der Umwelt voraus.

Die Grenze, mit der hier aufgeräumt wird, ist folglich die zwischen dem bewußten Erkennen unserer Psyche und dem vorbewußten Erkenntnisvermögen aller belebten Natur. Unser Geist ist fürwahr nicht vom Himmel gefallen, sondern zu verstehen nur als das Resultat einer langen Entwicklungsgeschichte. Sie hat in unser aller Denken und Erleben bleibende Spuren hinterlassen. Als unser Bewußtsein schließlich erwachte und die Welt wahrzunehmen begann, war längst darüber entschieden, wie es diese Welt interpretieren, was an ihr es für wahr halten würde und was nicht.

Rupert Riedl handelt die wichtigsten Fälle systematisch ab, ebenso minuziös wie brillant. Elementarste Ausgangsbasis ist die Einsicht, daß allein die Existenz der Evolution schon das Vorhandensein von Ordnung in der Welt beweist. Andersherum gesagt: Das Überleben schon der primitivsten Urzelle hatte zur Voraussetzung, daß es in der Umwelt Bedingungen gab, die mit vorhersagbarer Regelmäßigkeit wiederkehrten. Nur für Bedingungen, auf die das zutrifft, läßt sich ein noch so einfaches Programm angeborener Reaktionen oder Verhaltensweisen entwickeln.

Diese Programme aber sind damit nichts anderes als »angeborene Hypothesen über die Welt« (Karl R. Popper). Mit ihnen hat die Evolution ihren Lebewesen bereits vor Jahrmilliarden Reaktionen angezüchtet, die von der Annahme ausgehen, daß die Welt dreidimensional strukturiert ist, daß es in ihr linear-kausal zugeht ("auf A folgt B") und daß gleiche Wirkungen auf identische Ursachen schließen lassen (um nur einige der wichtigsten Beispiele zu nennen).

Als unser Bewußtsein dann unermeßliche Zeiträume später die Augen aufschlug, hielt es die Welt allein deshalb für dreidimensional und für linear-kausal organisiert, weil ihm die »angeborenen Lehrmeister« (Konrad Lorenz) gar keine andere Wahl mehr ließen. Das Apriori der Philosophen enthüllt sich dem evolutionären Erkenntnisforscher so als Aposteriori der Stammesgeschichte. Damit sind, so scheint es, einige klassische Probleme der Erkenntnistheorie endlich befriedigend beantwortet.

Das Thema geht aber nicht nur die Philosophen an. Der ganze Umfang der Bedeutung einer biologischen Erkenntnisforschung beginnt einem aufzugeben, wenn man erfährt, daß die angeborenen Hypothesen, die während einer Jahrmilliarden umspannenden Stammesgeschichte den Überlebenserfolg garantieren, ausnahmslos falsch sind (dann jedenfalls, wenn man die Sache genau nimmt).

Die Relativitätstheorie hat uns darüber belehrt, daß von einer dreidimensionalen Struktur des Raumes in Wirklichkeit nicht die Rede sein kann. Die Naturwissenschaftler haben längst herausgefunden, daß die Hypothese von einer einfach-linear ablaufenden Kausalität in der realen Welt keine Entsprechung hat, daß es sich in der Realität vielmehr stets um ein kompliziertes Netzwerk rückgekoppelter, in vielfältigen Kreisen ablaufender Wirkungen und Rückwirkungen handelt.

Der Grund für die Ungenauigkeit, mit der uns die angeborenen Lehrmeister die Welt auslegen, ist sehr einfach: Es gehört zur Ökonomie der lebenden Natur, nur das unbedingt Notwendige zu tun. Und zum Überleben haben die uns angeborenen Näherungshypothesen über die Beschaffenheit der realen Welt völlig ausgereicht. Außerhalb der ursprünglichen Selektionsbedingungen aber wird aus angeborener Vernunft im Handumdiehen angeborener Unsinn.

Dies ist der für unsere Situation entscheidende Punkt. Im Falle der Dreidimensionalität ist der Schaden relativ gering. Er äußert sich allein darin, daß wir es bekanntlich nicht fertigbringen, uns das Weltall als geschlossen, aber dennoch unbegrenzt vorzustellen (obwohl das, wie die Physiker herausgefunden haben, der Realität entspricht).

Anders ist es schon im zweiten Fall. Riedl analysiert mit unwiderleglicher Akribie, was es bedeutet, daß wir unter dem Einfluß der uns angeborenen Hypothesen unfähig sind, uns die wahren Wirkungszusammenhänge in der realen Welt mit ihren »gegenläufigen Ursachen« und Rückkoppelungen vor Augen zu führen. Hier liegt einer der fundamentalen Gründe dafür, daß uns unsere Vernunft so oft so übel mitspielt.

Solange der Mensch ein Naturwesen war, existierte er unter der Anleitung der angeborenen Lehrmeister wie alle andere Kreatur in paradiesischer Geborgenheit. Seit wir uns aber als erkennende und reflektierende Subjekte der Welt als einem Gegenstand zugewandt haben, den wir in zunehmendem Umfange manipulieren, sehen wir uns nur allzu oft in die Situation des weiland König Midas versetzt: Allzu oft wenden sich die Resultate unserer Pläne wie von einem bösen Geist ins Negative verkehrt gegen uns selbst.

»Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug.« So ist es. Die evolutionäre Erkenntnistheorie liefert eine präzise Begründung der Brechtschen Erklärung für das Mißlingen der meisten unserer Pläne: Die angeborenen Lehrmeister veranlassen uns nicht nur, diese Welt für dreidimensional und linear-kausal organisiert zu halten, sondern auch dazu, Ordnung zu sehen und Absichten zu vermuten, wo diese real nicht existieren, und Wahrscheinlichkeiten als Gewißheiten zu interpretieren.

Als biologische »Lebenshilfe« hat sich diese Strategie über Jahrmilliarden hinweg bewährt. Es ging bisher ja auch nie darum, wie die Welt wirklich ist, sondern allein darum, wie ihr am sichersten und einfachsten beizukommen war (Riedl). Das Gehirn ist ursprünglich eben kein Organ zum Erkennen der Welt, sondern bloß ein Organ zum Überleben. Wir bekommen den Unterschied zu spüren, seit wir versuchen. der Welt mit unserer planenden »Schläue« beizukommen, nicht nur mit angeborenen Verhaltensweisen.

Das ist das Dilemma unserer Vernunft, daß sie ohne die uns angeborenen »Vorurteile« über die Welt jeden Halt und jede Orientierung verliert und daß sie gleichzeitig die Wahrheit über die Welt in dem Maße verfehlt, in dem sie sich den ihr angeborenen Lehrmeistern anvertraut.

Wem es gelingt, hinter der unvermeidlichen Abstraktion der Darstellung und dem Dickicht einer reizvolleigenwilligen, mitunter aber auch unnötig komplizierten Sprache die konkrete Bedeutung der Riedlschen Analysen zu erkennen, dem erschließt sich mit diesem Buch ein radikal neuer Horizont des Selbstverständnisses.

Bleibt nur zu hoffen. daß dieses Erlebnis auch denen zuteil wird, denen ihr Vorurteil jede Einbeziehung biologischer Erkenntnisse in die Untersuchung der Grundlagen unserer Vernunft als »materialistische« Zumutung erscheinen läßt. Wenn sie das Buch nicht einfach ablehnen, sondern vorher vielleicht erst lesen würden, müßte eigentlich wenigstens einigen von ihnen aufgehen, daß die für die evolutionäre Erkenntnistheorie kennzeichnende Erweiterung der analytischen Ausgangsbasis keineswegs schnurstracks zu einem reduktionistischen, biologistischen Verständnis des Menschen führt.

Das. Gegenteil ist der Fall. Denn erst die von diesem Denkansatz vollzogene Grenzüberschreitung macht uns die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens in aller Deutlichkeit sichtbar. Sie aber zu kennen ist die Voraussetzung aller geistigen Freiheit.

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