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KUNSTMARKT An der Schnittfläche

»Den Reichen helfen, Kunst zu kaufen«, wird in den USA ein immer häufigerer Job. Die Honorierung kann die »Art Advisors« in Interessenkonflikte zwischen Sammler, Galerie und Künstler bringen. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Öffentlich wird sich kaum ein Sammler zu seinem Famulus bekennen. Doch dessen Beistand hat augenscheinlich mancher, der Kunst kauft, nötig.

Im New Yorker Galerienviertel SoHo jedenfalls ist er eine vertraute, obwohl diskrete Erscheinung: der »Art Advisor«. Wenn etwa an Samstagvormittagen, bevor der Vernissagenrummel zum Wochenende ausbricht, einzelne Sammler durch die Ausstellungen ziehen - unfehlbar an dem Überschwang zu erkennen, mit dem sie allenthalben begrüßt werden -, dann bringen sie fast regelmäßig ihre Berater mit.

Kunsthändler Leo Castelli, respektierter Doyen seiner Zunft, gibt zu: »Wenn es sie nicht gäbe, würden die Bilder nicht verkauft. Die Art Advisors bringen die Sammler in die Galerien.«

»Den Reichen helfen, Kunst zu kaufen« ("The New York Times") - das erweist sich mehr und mehr als lohnende Tätigkeit für emsige Experten. Denn im Amerika der achtziger Jahre sind viele Leute rasch zu viel Geld gekommen und haben die Kunst als Investment entdeckt, ohne sich doch gleich auf diesem Markt auszukennen. Ihnen dient sich der aufstrebende Berufsstand an.

Zwar: Auch berühmte Sammler der Vergangenheit haben sich bereits bei Einkäufen kompetent beraten lassen, und solche Kenner-Tätigkeit ist auch nicht völlig auf die USA beschränkt. In Deutschland jedoch sind Figuren wie der Berliner Beuys-Kenner Heiner Bastian, der dem Bauunternehmer Erich Marx beim Aufbau seiner Kollektion zur Seite stand, oder auch die gebürtige Amerikanerin Jeane Freifrau von Oppenheim, die in Köln eine »TransArt Kunstberatung GmbH« betreibt und Banken und Versicherungen zu ihrer Kundschaft zählt, noch Ausnahmen. Beim letzten Kunstmarkt in Chicago hingegen stammte schon »jede zweite Visitenkarte«, die dem Düsseldorfer Galeristen Hans Mayer zugesteckt wurde, von einem Art Advisor.

»Am Anfang waren wir nur ganz wenige«, erinnert sich die New Yorker Kunstberaterin Regina Trapp, die hauptsächlich Großfirmen betreut, »heute ist die Zahl der professionellen Art Advisors auf einige Hunderte angewachsen. Nichtprofis, die sich einfach Art Advisors nennen, gibt es inzwischen Tausende.«

Frau Trapp kam, nach einem Studium der Kunstgeschichte, 1980 auf die Idee, sich mit einigen Kollegen zu der »Association of Professional Art Advisors« zusammenzuschließen, »um gewisse Standards für Ethik und Qualität zu setzen«. Die Gründung rief auch andere Vereinigungen mit klingenden Namen und weniger strengen Regeln auf den Plan. »Der Kunde«, so philosophiert Nancy Rosen, Partnerin der 1983 gegründeten New Yorker »Fine Arts Planning Group«, »bekommt meistens, was er verdient. Ist er anspruchsvoll, dann wird er sich auch einen anspruchsvollen Art Advisor suchen.« _(Mit »Three Ball Total Equilibrium Tank« ) _(des Künstlers Jeff Koons. )

Darüber, was das ist, gehen die Meinungen auseinander. Die Kunstberater selbst sehen sich gern als sachverständige Mittler zwischen Galerie und Sammlern, wobei diese Privatpersonen, Konzerne, Großfirmen oder Museen sein können. Ziel des Art Advisors ist der Aufbau einer Sammlung von Qualität.

Eine der aggressivsten und deswegen auch am heftigsten umstrittenen Kunstberaterinnen, Estelle Schwartz, nennt ihre Tätigkeit »vorausschauendes Kunstsammeln«. Ihre 15, meist privaten Kunden steuert sie mit vorgeblich todsicherem Instinkt auf eine Gruppe junger Künstler der »Neo-Geo«-Richtung oder auch »Smart Art« (SPIEGEL 12/1988) zu, deren Arbeiten, wesentlich durch diese Einkäufe, während der letzten zwei Jahre sprunghaft im Wert gestiegen sind

- und die ihrer Meinung nach weiter ansteigen werden. Langsames Wachstum oder gar künstlerisches Reifen sind Begriffe, die in dieser Welt des Instant-Kunstkonsums weniger gefragt sind: Für Estelle Schwartz zählt in erster Linie der Künstler »an der Schnittfläche des Geschehens«.

»Hier in Amerika ist immer wieder nur das Neue gefragt«, klagt dagegen Regina Trapp. Sie meint, die »Neo-Geo«-Kunst ihren Kunden nicht empfehlen zu können, denn da hätten sich nur die Preise entwickelt, nicht aber die 24- oder 25jährigen Maler.

Galeristen sehen die Art Advisors mit gemischten Gefühlen. Nur wenige seien »wirklich professionell«, meint Castelli, wenn er auch ihre Tätigkeit insgesamt belebend findet.

Seine Kollegin Barbara Gladstone relativiert das, weil für gute Kunst ohnehin Wartelisten geführt würden. Immerhin: »Wenn ich einen Sammler nicht kenne, er aber einen guten Art Advisor mitbringt, dann hat er viel größere Chancen, eine gute Arbeit zu erwerben. Da weiß ich, daß hier eine Sammlung von Qualität entstehen wird.«

Dieses Vermittler-Geschäft kann einem regen Art Advisor um die 200 000 Dollar im Jahr einbringen. Die heikle Frage dabei, die auf ein ganzes »Minenfeld ethischer Probleme« (Nancy Rosen) führt, ist die, woher das Geld kommt. Es kann ein festes Berater-Honorar oder auch eine nach dem Wert des Einkaufs berechnete Provision sein. Und wer zahlt die? Die Galerie? Der Kunde?

Nancy Rosen besteht auf festem Honorar. »Der Kunde«, argumentiert sie, »will sich auf einen Berater verlassen können, der keine immanenten Konflikte mitbringt. Und ich selbst will mir den Luxus erlauben können, auch mal zu sagen: Hier sollte keine Skulptur stehen - hier sollten Sie Ihren Gärtner Gras säen lassen.«

Estelle Schwartz dagegen kassiert zehn Prozent vom Kaufpreis. Der Kunde, dem die Galerie üblicherweise einen Abschlag in dieser Höhe gewähren würde, zahlt die volle Summe.

»Haarsträubende Praktiken« hat Regina Trapp, die »meist« auf Honorarbasis arbeitet, entdeckt. »Nicht selten« werde der Kunstberater »vom Künstler bezahlt, und von der Galerie, und vom Sammler - und der eine weiß vom anderen nichts«. Die enorm hohen New Yorker Kunstpreise führt sie zum Teil auf solche Machenschaften zurück.

Kostensteigernd können sich die Art Advisors für den Sammler auf unterschiedliche Arten auswirken. Allemal zählen sie zu jenen von Regina Trapp kritisierten »vielen Mittelsmännern, die sich zwischen die Kunst und den Sammler geschoben haben und die sämtlich bezahlt werden wollen«.

Mit »Three Ball Total Equilibrium Tank« des Künstlers Jeff Koons.

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