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Aktionisten An der Welt Feuer legen

Die 68er und Andy Warhol, Apo und französische Philosophie, Dada und RAF als Gesamtkunstwerk; Spurensuche in Bayern und anderswo.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Die Pappeln zwischen Siegestor und Münchner Freiheit waren jung und stark. Die Studenten der nahen Uni und der Kunstakademie, die an diesem frühen Morgen daran hochkletterten, waren es auch: Nach durchzechter Nacht suchten sie demonstrativ Distanz zu einem Fußvolk, das nach der Katastrophe des Weltkriegs allzu rasch und offensichtlich gedankenlos zur Tagesordnung übergegangen war.

Ein Happening vor 33 Jahren. Die jungen Leute, bettelarm und manche von ihnen nur auf einer Parkbank im Englischen Garten zu Hause, bäumten sich auf gegen die Vorstellung, den Greueln von Auschwitz auf weichen Spannteppichen zu entgehen, die mehr als 50 Millionen Kriegstoten mit seichter Bildschirm-Unterhaltung zu überblenden und mit der Adenauerschen Formel »Keine Experimente!« weiter politische Wahlen zu bestreiten.

Wenig später bekamen es die Schwabing-Bummler zwischen »Mutti Bräu« und »Meiner Schwester und ich« sogar schriftlich. Eine »Gruppe Spur« protestierte auf roten Flugblättern »gegen das Glück, gegen die Zufriedenheit, gegen das gute Gewissen« und forderte, noch etwas unausgegoren, »ehrlichen Nihilismus« sowie »Kitsch, Dreck, Urschlamm«, kurzum eine »Welt jenseits von Demokratie und Kommunismus«.

Heute, drei Jahrzehnte danach, ist der Schwabinger Aufstand zu einem Kapitel Kunstgeschichte erstarrt. Ausstellungen in Boston, im Centre Pompidou zu Paris und im Londoner Institute of Contemporary Arts erinnerten unlängst an die frühen Jahre. Im dänischen Silkeborg wurde ein »situationistisches Archiv« eingerichtet. Die Bibliotheque Nationale hat eine umfassende Sammlung über die Bewegung angelegt. Für Björn Engholm ist die »Spur« »eine der wichtigsten Entdeckungen deutscher Nachkriegsmalerei« und ein »Symbol des Aufbruchs der bundesdeutschen Gesellschaft«. Und eine Woche vor Ostern wurde sogar ein »Spur«-Museum eröffnet - im Bayerischen Wald, wo zwei der Aktionsartisten herstammen.

Schon beizeiten, im April 1959, hatte sich die »Gruppe Spur« mit der Situationistischen Internationale (S. I.) zusammengetan, einer europäischen Literaten- und Künstlerbewegung mit Schwerpunkten in Kopenhagen, Brüssel, Antwerpen, Paris und Alba (Italien).

Nach dem turbulenten Vereinigungsparteitag im Jägerzimmer der Münchner Gaststätte »Herzogstand« erregte die kosmopolitische Gesellschaft in Schwabinger Künstlerkneipen Aufsehen. Helmut Sturm, Sohn eines Textilhändlers aus Furth im Wald, einer der »Spur«-Initiatoren und heute Professor an der Münchner Kunstakademie: »Das war damals, als hätten wir Leute aus dem Weltall eingeflogen.«

In der Villa des Galeristen Otto van de Loo wurde die Künstlerunion begossen. Giuseppe Pinot Gallizio, Apotheker _(* Prem, Fischer, Sturm mit zwei ) _(Begleiterinnen 1957 in einem Cafe auf ) _(der Leopoldstraße. ) und Produzent einer »industriellen Malerei« am laufenden Meter, der auch Sohn Giorgio und Ehefrau Augusta Rivabella für die Kunst einspannte, schenkte einen ungeheuer bitteren, selbstgebrauten Schnaps aus.

Asger Jorn, vor 1945 im dänischen Widerstand aktiv und längst ein international anerkannter Maler, entwarf mit alten und neuen Freunden dieser Nacht muntere Manifeste ("Die Gruppe ,Spur'' fordert Atombomben!"), die freilich ungedruckt blieben.

Jorn tröstete sich und andere: Worte seien vergänglich, das Fest aber bleibe unvergeßlich - vor allem für einen spät nachts noch hereinwankenden Nachbarn, der im Zuge eines situationistischen Rituals entkleidet und in Tücher eingewickelt wurde und beinahe lebendig begraben worden wäre.

Ein Experte der Manifest- und Happening-Kunst war Guy Debord, einst Mitbegründer der Internationalen Lettristen in Paris und nun Chefdenker der Situationisten.

Die Münchner waren gelehrige Schüler: Wie Debord foppten sie als »Partisanen des Magnetophons« das Münchner Publikum mit gefälschten Vorträgen. Mit Ausstellungen von frühverstorbenen erfundenen Künstlern (samt Hosenträger, Locken, Hausschlüssel und Pfeife des Verblichenen) vermochten sie Münchner Kritiker zu beeindrucken.

Guy Debord, der tagsüber meistens schlief und Großstadtviertel gern mit wissenschaftlicher Akribie nach den Schankstellen für weißen Rum ordnete, hatte auch eine psychogeographische Theorie des ziellosen Umherschweifens (derive) entwickelt. Mit ihm (und einem Kasten Bier) konnte man wunderbar durchs nächtliche München oder Paris streifen, vor jähen Wendungen nie gefeit. Der Titel seines letzten Films ist ein lateinisches Palindrom (auch rückwärts lesbar): »In girum imus nocte et consumimur igni.« Der Sinn ist von hinten und vorn gleich mystisch: »Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt.«

Der Franzose, liiert mit der Romanautorin Michele Bernstein, fühlte sich stets als »Berufsrevolutionär der Kultur«, überzeugt von der »Notwendigkeit des Vergessens« und der »Verteidigung des Nichts«, der »mit allen hyperpolitischen Mitteln die bürgerliche Glücksvorstellung zerstören« wollte. In seinem ersten Hauptquartier im Pariser Viertel St. Germain-des-Pres, der Kneipe »Chez Moineau«, in der auch Ernst Fuchs und Fritz Hundertwasser verkehrten, war Debord immer auf der Suche nach dem »Salz der Erde« - jenen »Leuten, die ernsthaft dazu bereit sind, an die Welt Feuer zu legen, um ihr mehr Glanz zu verleihen«.

Wer da nicht mithalten konnte oder wollte, wurde aus der S. I. ausgeschlossen. Als erster war Debords früher Mitstreiter Ivan Chtcheglov dran, der heute in einer Anstalt betreut wird. Ausschlußgrund: »Mythomanie« - Ivan hatte geglaubt, die Lettristen und Situationisten würden vom Dalai Lama kontrolliert.

Manchmal reichten auch schon geringere Gründe. Der Holländer Walter Korun, alias Piet de Groof, mußte gehen, weil er Armeegeneral wurde. Der englische Architekt Ralph Rumney wurde rigoros ausgeschlossen, weil er Pegeen Guggenheim, die Tochter der Kunsthändlerin Peggy Guggenheim, heiratete. Der Maler und Kunsttheoretiker Hans Platschek, beim Werden der Bewegung publizistisch hilfreich, reagierte auf den Ausschluß telegrafisch: »Apres l''usage, fermez la tube!«

Der Hamburger Buchautor Roberto Ohrt, der unter dem Titel »Phantom Avantgarde"* die Geschichte der Situationistischen Internationale im Detail ausbreitet, landet am Ende bei der Frage: »Was war die S. I. wirklich?« - ein »Kristallisationspunkt für phantastische Vermutungen« oder eine »Parodie gesellschaftlicher Mächte«.

Ohrt vergleicht die Elite der Situationisten mit Filmhelden »von Derek Flint bis Jerry Cotton« oder dem grausamen Dr. No aus einem der ersten James-Bond-Filme (1962) - ein »Spiel um den Erdball mit geheimen Mächten, Verführungen und Gefahren«, zusammengesetzt aus »Zeichen, Illusionen, Studioeffekten und optischen Täuschungen«.

Am Ende schaffte der Dr. No der Situationisten, der nebenher ganz korrekt seinen Wehrdienst absolvierte und privat Kriegsspielzeug und Pappsoldaten sammelte, auch noch die »Gruppe Spur«. Im einem Schauprozeß in einem Pariser Hinterzimmer wurden im Februar 1962 Hans Peter Zimmer, Heimrad Prem und Dieter Kunzelmann hinausgestellt - wegen »vollkommener Mißachtung der Disziplin der S. I«.

Die »Gruppe Spur« stob auseinander - in Tochtervereine wie das »Geflecht« _(* Roberto Ohrt: »Phantom Avantgarde«. ) _(Edition Nautilus; Verlag Lutz ) _(Schulenburg, Hamburg 1990; 338 Seiten; ) _(88 Mark. ) oder »Wir«. Heimrad Prem, für den nun auch das Museum im bayerischen Cham eingerichtet wurde, beging 1978 mit Rattengift Selbstmord (zusammen mit seiner jungen Geliebten) und hinterließ außer einem Stapel Gemälden Ehefrau Monika mit einem halben Dutzend Kinder. Acht Jahre zuvor hatte sich der Stuttgarter Verlegersohn Uwe Lausen, ebenfalls von Debord gefeuert, im Schlafzimmer seiner Eltern die Pulsadern geöffnet.

Dieter Kunzelmann ging in ein Palästinenserlager, gründete nach der Rückkehr zusammen mit Rudi Dutschke die »Subversive Aktion« und war wegen des Verdachts terroristischer Anschläge in Berlin lange Zeit in Haft. Später wurde er grüner Abgeordneter. Heute lebt er zurückgezogen und ordnet das Archiv seines Lebens.

Noch vor seinem Rausschmiß hatte Hans Peter Zimmer, jetzt Kunst-Professor in Braunschweig, Kontakt mit Apo-Führer Rudi Dutschke und RAF-Mitgründerin Ulrike Meinhof. Doch heute erinnert sich Zimmer nur noch an »Gespräche von drei bis vier Minuten - ich kannte sie ja kaum«.

Debord war da hartnäckiger. Mit einem dadaistischen Auftritt zweier Cowboys hoch zu Pferde, die einen Dialog aus einem Roman von Michele Bernstein sprachen, leitete er die Mai-Unruhen in Frankreich ein. Seine Schrift über das »Elend im studentischen Milieu« kursierte hinter den Barrikaden.

Die Philosophen des Aufruhrs, mit denen Debord Kontakt hielt, sind ihm längst davongeeilt. Jean Baudrillard etwa, einer der Rebellen von Nanterre, ist schon am Ende der Welt angelangt - auf der Fifth Avenue in New York. Baudrillard: »Es ist das Ende oder schon etwas jenseits des Endes.«

Die frühen Collagen aus Nackten und Seifenreklamen haben Andy Warhol zu seinen Suppendosen-Drucken inspiriert. Mit Roy Lichtenstein teilten die Situationisten ihre Vorliebe für Comic strips. Von dem Monochromisten Yves Klein akzeptierte Debord, der ja das Ende der Malerei predigte, nur ein Minibild, das leicht in der Manteltasche unterzubringen war.

Dennoch siegte am Ende der Markt über den Dr. No der Malerei. Gallizio, 1964 verstorben, konnte mit seiner Malkanone die Galerien nicht inflationieren: Ballenweise kauften die Sammler aus Europa und USA seine Industriemalerei - zu ständig steigenden Preisen. Von Asger Jorn übermalte Klassiker, sogenannte Modifikationen, sind unter einer halben Million nicht mehr zu haben. Helmut Sturm verlangt inzwischen zwei Mark pro Quadratzentimeter, Hans Peter Zimmer das Doppelte.

Nur Guy Debord hat die strengen Regeln der Enthaltsamkeit und der Mystik in seinem Orden bis heute einhalten können. Für all seine Filme verfügte er ein weltweites Aufführungsverbot, in seinem letzten hatte er noch seinen Stolz ausgedrückt, »nichts hinterlassen zu haben, keine Sammlung, kein gelungenes Werk« - am Ende vielleicht nicht einmal sich selber als Figur der Zeitgeschichte.

Roberto Ohrt jedenfalls konnte während seiner jahrelangen Recherchen den Mystiker der Malerei nicht ausfindig machen. Nur seine Gefährtin Michele Bernstein war vor vier Jahren zu einem Treffen bereit, aber auch nur, »wenn nicht über S. I. gesprochen wird«. o

* Prem, Fischer, Sturm mit zwei Begleiterinnen 1957 in einem Cafeauf der Leopoldstraße.* Roberto Ohrt: »Phantom Avantgarde«. Edition Nautilus; Verlag LutzSchulenburg, Hamburg 1990; 338 Seiten; 88 Mark.

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