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Pop An die Decke spucken

Die Gruppe Green Day verkauft als erste US-Punk-Band Platten in Millionenauflage - Verrat, schimpft die harte Szene.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Es gibt eine Menge Dinge, die Billie Joe Armstrong auf die Nerven gehen. Aber an manchen Tagen kann sich der Sänger der Band Green Day nicht recht erinnern, welche nun genau. Nur der Sänger Jon Bon Jovi fällt ihm immer ein. Warum? »Der alte Depp jammert in diesem Stück ,Wanted Dead or Alive' darüber, wie hart das Leben während der Tourneen ist. Ich meine, ich habe jetzt drei Jahre meine Hosen nicht gewechselt, aber so ein dummes Klagelied - niemals.«

Jon Bon Jovi einen alten Deppen zu nennen und diese Hosen, die nie gewechselt werden - das zählt neben dem vielen Bier, mit dem die Fans jeden Abend auf die drei Jungs von »Green Day« zielen, zu den Späßchen, die sie über die letzten zwölf Monate gerettet haben.

Sonst wurde es für die Punk-Band aus San Francisco 1994 etwas ernster: Von ihrem Album »Dookie« verkauften sie drei Millionen Stück; mit ihren Konzerten legten sie amerikanische Großstädte lahm; Kritiker und Leser der US-Zeitschrift Rolling Stone wählten sie zu den »Artists of the Year«. Am Ende gab sogar die konservativ biedere Grammy-Jury nach und nominierte die schmuddeligen Burschen für vier Kategorien.

Die drei 22jährigen Punker sind aus dem Stoff, der Menschen, die sich viel auf ihren guten Geschmack einbilden, schlechte Träume schenkt. Sänger Billie Joe läßt gern die Hosen herunter, und alle drei beherrschen diesen Trick mit dem Spucken: Einer spuckt an die Decke, wartet und fängt das Ganze wieder auf - mit dem Mund.

Die schlechten Manieren der Rotznasen läßt ihre Musik schnell vergessen: knallige Drei-Minuten-Songs voll Humor und Übermut. Die Musikzeitschrift Spin fühlte sich an die frühen Beatles erinnert, das Lifestyle-Magazin Details jubelte: »Ramones auf Prozac«.

In ihren schnellen, melodiösen Liedern erzählen Green Day Geschichten vom Heranwachsen, welches ihnen manchmal weh tut, aber das sie deswegen noch lange nicht hinter sich lassen wollen. Lieber verherrlichen sie konsequente Unreife ("Ich werde nie erwachsen / ich brenne lieber aus"), rasche Vorurteile ("Ich kenne dich nicht, aber ich glaube, ich hasse dich"), fröhliche Arbeitslosigkeit ("Meine Mutter sagt, ich soll mich um einen Job bemühen, aber sie mag ja nicht einmal ihren eigenen") und unglückliches Verliebtsein ("Ich bin einer von den melodramatischen Schwachköpfen, neurotisch bis in die Knochen").

»Sie haben Punk-Rock als Lebensgefühl in die amerikanischen Charts gebracht«, sagt Tote-Hosen-Sänger Campino, der mit Green Day Tourneen unternimmt. Vorher habe dort keine große Plattenfirma viel übrig gehabt für freche Verlierer, die nicht besonders sexy aussehen, sich aber trotzdem nicht unterkriegen lassen. Jetzt durchkämmen Talentsucher ganze Stadtviertel nach solchen Leuten.

Die werden dort selten willkommen geheißen. Denn natürlich haben sich Green Day mit ihrem Erfolg und ihrer konsequent guten Laune eine Menge Feinde gemacht. Vor allem Punk-Fundamentalisten schmähen Green Day jetzt als Fahrstuhlmusiker.

Ein Freund der Band, Jello Biafra, früher Sänger der Dead Kennedys, wurde von Hütern der reinen Punk-Lehre mit den Worten »Rockstar« krankenhausreif geschlagen. Green Day werden mit Flugblättern überhäuft, auf denen steht: »Tell Green Day to Fuck Off for Bringing MTV into our Scene« ("Sag Green Day, sie sollen sich verpissen, weil sie uns an MTV verraten haben").

Dieser Konflikt ist so alt wie der Rock'n'Roll. Wie Elvis sein Goldanzug als Verrat vorgehalten wurde, wie in Seattle die Grunge-Puristen den Selbstmord von Kurt Cobain mit Champagner feierten, so wird jetzt drei arglosen Verlierer-Punks vorgeworfen, daß sie mit der Rebellion ein paar Dollar mehr verdienen.

Green Day regeln diesen Streit pragmatisch. »Wenn du kein Rockstar sein willst, laß es bleiben«, sagt Billie Joe. Bassist Mike Dirnt zeigt nach Konzerten Fans gern seine Skateboard-Narben, um seine Bodenständigkeit zu beweisen.

Auch ihre Lebensläufe müßte bei jedem Subkultur-Gewissensprüfer Billigung finden. Die Akte Billie Joe zum Beispiel: Aufgewachsen in einer White-Trash-Arbeitersiedlung namens Rodeo; eines von sechs Kindern; Vater starb, als er zehn war; erste »Sex Pistols«- und »Clash«-Platten mit zwölf Jahren gekauft.

Klarer Fall: Mit Ideologen, die immer noch glauben, daß Punk so etwas wie ein Baustein zur großen Weltrevolution sein könnte, will Billie Joe ebensowenig zu tun haben wie mit jenen Befindlichkeitsforschern, die in ihm einen Vertreter der angeblich so frustrierten Generation X sehen.

Für Billie Joe bedeutet Punk Spaß, Geschwindigkeit, ein paar Bier und das Versprechen, den Fans immer noch für zehn Dollar einen guten Abend zu bieten.

Als er vor kurzem nach der Generation X gefragt wurde, antwortete Billie Joe anspielend auf die gleichnamige, 1981 aufgelöste Punk-Band: »Generation X - keine Ahnung. Das einzige, was ich sagen kann, ist, daß ich ihre erste Platte ziemlich gerne mochte.« Dann fuhr er in den Urlaub - nach Hause ans Meer zum Fischen. Y

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