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DRAMATIKER An die Nieren

Der Enthüllungs-Dramatiker Rolf Hochhuth, Verfasser des mutigen Papst-Pamphlets »Der Stellvertreter« und des Filbinger-Sturz-Stücks »Juristen«, hat sich ein neues Opfer gesucht: »Ärztinnen«.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Wenn ein Schauspieler statt »Die Pferde sind gesattelt« zum Abschied mit scheppernder Bedeutung sagt: »Meine Sprechstunde wartet ... Katja, leb wohl]«, wenn einer auf der Bühne statt »Schwachheit, dein Name ist Weib]« etwas höhnisch von einer S.266 »Contusio cerebri mit Coup- und Contrecoup-Läsionen« äußert; wenn auf der Bühne Lungen, Nieren und andere Eingeweide statt toten Kriegern und toten Königen herumliegen -- dann handelt es sich um ein Berufs-Drama, dessen Standesvertreter nicht mit dem Schwert, sondern mit dem Skalpell herumfuchteln, bittere Medizin verspritzen und sich statt des Handschuhs Diagnosen vor die Füße werfen:

Rolf Hochhuths neues Stück, das achte seiner Art, heißt »Ärztinnen«, stand am Sonntag in Mannheim zur Uraufführung an, und die Leichen, die der »Stellvertreter«-Autor und Zwangspathetiker diesmal aus dem Schrank holt, gehören in die Anatomie einer enthemmten Experimentalmedizin.

Die Story, die sozusagen das Eingeweide des neuen Hochhuth-Dramas darstellt, fand der unermüdliche Enthüller im SPIEGEL.

Da war (Nr. 36/1979) berichtet worden, wie ein ambitionierter Offenburger Anästhesist zum Zwecke der wissenschaftlichen Erforschung der sogenannten »Schocklunge« Gewebeproben an (noch) lebenden Unfallopfern entnommen habe.

Diese gefährlichen Serienbiopsien an schwerkranken Patienten, bei denen die Lungen mittels Zange und Nadel angegangen werden, drohen in Luftembolien, Blutungen oder dem Zusammenfall des Atmungsorgans zu enden, stellen also risikoreiche, nicht vertretbare Eingriffe am Patienten dar, die nicht ihm, sondern bestenfalls der Wissenschaft schlechthin zugute kommen.

Bei Hochhuth wird aus dem Medizin-Skandal ein Familiendrama, in dem neben der Sepsis und den Ödemen vor allem die Nemesis furchtbar waltet und die Sprache wie auf lädierten Lungenflügeln daherächzt.

Großmutter arbeitet, als Ärztin, in der Pharma-Industrie; Mutter ist Ärztin, lebt vom Vater, einem biederen praktizierenden Arzt, geschieden und hat ein Verhältnis mit ihrem Chefarzt, der, damit beide neben ihrem Ehebruch, den sie auf einem Segelboot begehen, auch noch Karriere machen, die Biopsie an einer beim Reiten Verunfallten angeordnet hat.

Die Patientin ist prompt verstorben, doch trotz eines dramatischen Staatsanwaltsauftritts in der Leichenhalle mitten unter Gedärmen und sezierten Lungen wird die Angelegenheit politisch wie medizinisch aus der Welt geschafft.

Der Prozeß findet nicht statt, da der inkriminierte Chefarzt als SPD-Bonze über die nötigen Beziehungen verfügt, um alles niederschlagen zu können.

Daß Ärzte um der Karriere willen mit ihren Patienten experimentieren und die Folgen vertuschen, ist das eine Thema, gegen das Hochhuth von der Bühne her mit holprigen Verskanonaden losböllert.

Die Pharma-Industrie und deren Skrupellosigkeit beim Erproben neuer S.267 Arzneien, wobei angesehene Ärzte bestochen werden, damit man schnelle Erfolgsergebnisse zu Werbezwecken vorweisen kann, sind Hochhuths anderes Ziel.

Die Großmutter wird gefeuert, als sie im Eingangsakt Bedenken zeigt, einen Arznei-Skandal ihrer Firma in Spanien ohne Entschädigung für die Opfer zu vertuschen. Doch der Parteibuch-Doktor und gönnerhafte Chef ihrer Tochter bringt sie wieder in der Gesundheitschemie unter: Bald schmiert sie wieder ärztliche Kollegen, damit die willfährig mit günstigen Patiententest-Ergebnissen aufwarten.

Da jedoch schlägt, im fünften Akt, das Schicksal zu. Der munter-freche Sohn der Ärzte-Familie, Großmutters Liebling und sozialkritisch damit beschäftigt, Cognac-Flaschen in Supermärkten zu klauen und sie Tante-Emma-Läden zuzuführen, verunglückt in Österreich.

Und kommt dort in ein Krankenhaus, dessen Chef Hochhuth schon dadurch als besonderen Widerling ausweist, daß er ihn »sehr ausgeprägt« Grazer Dialekt sprechen läßt; Hochhuth: »Er ist fast unfähig, hochdeutsch zu reden.«

Der nun erprobt an den armen Unfallopfern (sie sind mit einem Schulbus aus einer Serpentine gestürzt) ein neues Kunstblut, woran die damit Versorgten schnell sterben.

Die Nutznießer der gesinnungslosen Medizin und der gewissenlosen Pharma-Industrie erleben die Rache am eigenen Enkel -- denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Hochhuth weiß in sein Frankenstein-Gemälde der Medizin in diesem Schlußbild auch noch nationale Töne S.268 der Entrüstung einzublenden. Denn: so sorglos die Pharmazeuten, die Chirurgen und Anästhesisten bisher auch mit dem Patientenleben umgingen -sie hatten noch Bedenken und Hemmungen und feinsinnige Zweifel.

Zum Massen-Exitus in Österreich, wo die Blüte revoltierender Jugend unter dem Chirurgenmesser hinweggerafft wird, kommt es erst, nachdem völlig gewissensfreie Amerikaner und Japaner im Begriff sind, sich den Pharma-Markt unter den Nagel zu reißen und ihr unerprobtes Kunstblut durch die deutschen Adern jagen.

Der Tod des deutschen Jünglings ist auch deshalb besonders tragisch zu nennen, da er in den früheren Akten Motorräder klaute und so sein Leben rasend aufs Spiel setzte, jetzt aber stirbt, nachdem er brav auf den Bus umgestiegen war.

Zwei gute Seiten jedoch hat sein Tod: Die Eltern, die vorher ihren Hippokratischen Eid mit Fremdgeherei befleckten, kommen sich über dem Sterbenden wieder näher, sein Tod geht ihnen beruflich wie ethisch an die Nieren.

Und: Das Ende des Krankenhaus-Hamlet beendet auch das wortreiche Hochhuth-Drama, das mit Sprichwörtern, Lebenseinsichten und ironischen Seitenhieben in alle Richtungen nicht spart, nach dem Motto: »Wer sich heute vermehrt, braucht für den Spott nicht zu sorgen.«

Hochhuths Dramen haben sich mit den »Ärztinnen« wieder einmal vermehrt. Mit neuer Pathologie und altem Pathos.

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