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Sexualität Andere Quellen

Künftige Ärzte wissen über die Sexualität des Menschen nicht mehr als künftige Lateinlehrer und Betriebswirte, stellte ein Sexologe in einer bislang nicht veröffentlichten Untersuchung fest.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Um Doktor der Medizin zu werden, befragte Bernd Meyenburg, 23. künftige Doktoren der Medizin nach ihren Kenntnissen über die menschliche Sexualität.

Er erkundigte sich für seine Doktorarbeit nach fast allem, was Sexualwissenschaftler erforscht haben und was zum Teil bereits zur Allgemeinbildung zählt: wann der Geschlechtstrieb bei Jungen und Mädchen einsetzt und ob »der Mann aus biologischen Gründen sexuell aktiver ist als die Frau«. wie viele 16jährige Jungen wohl schon Geschlechtsverkehr gehabt haben und ob Frauen sexuelle Abstinenz leichter ertragen können als Männer. Er ermittelte aber auch die Kenntnisse von Begriffen, die zwar nicht dem Durchschnitts-Deutschen. wohl aber jedem künftigen Arzt geläufig sein müßten: nach Vaginismus, Lubrikation und Impotentia ejaculandi.

Meyenburg, der demnächst sein Doppelstudium der Medizin und der Psychologie abschließt, ist Doktorand bei dem Hamburger Sexualmedizin-Dozenten Dr. Volkmar Sigusch, 32. Er referiert über die Ergebnisse seiner noch nicht veröffentlichten Untersuchung erstmalig auf der Wissenschaftlichen Tagung, die von der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung diese Woche in Hamburg abgehalten wird.

Er wertete 236 Fragebogen mit 66 Fragen aus, die er im vergangenen Jahr an zumeist 23- und 24jährige Hamburger Medizinstudenten vom dritten Semester an aufwärts verteilt hatte. Meyenburg begab sich auf Neuland, denn bis dahin hatte noch niemand empirische Daten über die sexualmedizinischen Kenntnisse von Medizinstudenten gesammelt.

Die entsprechende Ausbildung liegt noch immer im argen. Sie ist an den anderen deutschen Universitäten noch schlechter als in Hamburg. Hier werden bereits seit langem von Meyenburgs Doktorvater Sigusch und anderen Sexualwissenschaftlern Vorlesungen und Seminare abgehalten, deren Besuch den Studenten allerdings freigestellt ist.

Auch in anderen Ländern ist die Situation nicht besser, der Kenntnisstand vieler Ärzte entsprechend niedrig. Als beispielsweise 1969 in Holland über 500 niedergelassene Ärzte befragt wurden, stellten sich erhebliche Rückstände gegenüber dem heutigen Stand der Sexualmedizin heraus. Jeder dritte hielt häufige Masturbation, jeder vierte den Geschlechtsverkehr während der Menstruation für gesundheitsschädlich. Jeder sechste meinte gar, die sexuelle Befriedigung der Frau hänge von der Penis-Größe ihres Partners ab.

Auch Meyenburg entdeckte bei seiner Studenten-Untersuchung »fundamentale Lücken. die sich bei einer späteren Tätigkeit als Arzt negativ niederschlagen müssen«.

Nicht einmal die Hälfte der Fragen wurde richtig beantwortet. Ober 40 Prozent der Studenten entschieden sich selbst bei der Frage nach den (anhand einer Liste zu nennenden) Faktoren für Potenz in hohem Alter für die Rubrik »Weiß nicht«. Auch auf Fragen nach Impotenz bei Zuckerkranken und nach dem Sicherheitsgrad von Verhütungsmitteln gab es mehr Fehlanzeigen und falsche als richtige Antworten.

Die Untersuchung offenbarte eine erhebliche Unsicherheit auf dem Gebiet der Sexualität. Die Zahl der Jungen, die mit 16 Jahren schon Koituserfahrung haben, wurde eher überschätzt (Meyenburg wertete Angaben zwischen 20 und 40 Prozent als richtig). Umgekehrt haben sich viele Vorurteile gehalten. Entgegen fast allen Sexologen ist ein großer Teil der Medizinstudenten noch immer der Ansicht, daß »monogames Verhalten -- dauerhafte Bindung an einen Partner. Einehe -- natürlich, das heißt biologisch determiniert« sei. Und auch die Ansicht, daß Frauen aus biologischen Gründen sexuelle Abstinenz besser ertragen könnten als Männer, wird von fast jedem dritten bejaht, obwohl es »keine ernstzunehmende wissenschaftliche Arbeit gibt, die eine positive Beantwortung stützen würde«.

Jeder zweite Student hält Kinder, jeder achte hält Frauen nach dem Klimakterium für asexuell. Und ähnlich wie von den holländischen Medizinern meint auch von den deutschen Medizinstudenten ein Drittel. daß häufige Masturbation von Jungen psychisch schädlich sei.

Noch düsterer ist der Eindruck. wenn diese Antworten mit denen von Studenten anderer Disziplinen, etwa alter Sprachen oder der Wirtschaftswissenschaften verglichen werden. Dann zeigt es sich laut Meyenburg, »daß die Ergebnisse entweder weitestgehend übereinstimmten oder daß die Medizinstudenten unserer Stichprobe eher noch schlechter abschnitten«. Beispiel: Bei einer Umfrage unter Studenten aller Fachbereiche entschieden sich 46 Prozent. von Meyenburgs Medizinstudenten nur 38 Prozent für die richtige Antwort, daß der Geschlechtstrieb der Frau bereits vor der Pubertät einsetze. Solche Unterschiede zeigen nach Ansicht des Doktoranden, »daß die sexualmedizinischen Kenntnisse der Mediziner fast ausschließlich aus anderen Quellen als dem Medizinstudium stammen«.

Wie eng sexualwissenschaftliche Kenntnisse mit der medizinischen Praxis zusammenhängen, zeigen die Antworten auf eine Pillen-Frage: »Von welchem Alter ab ist es im allgemeinen medizinisch vertretbar, einem Mädchen orale Ovulationshemmer (,Pille') zu verschreiben?« Als richtig gewertet wurden Antworten, wenn ein Alter von 15 oder 16 Jahren angegeben wurde. Aber nur 18 Prozent entschieden sich dafür. Acht Prozent würden die Pille auch jüngeren, 47 Prozent hingegen nur älteren Mädchen verschreiben, sieben Prozent gar erst Patientinnen mit 20 oder 21.

Zum Teil vertreten die Studenten allerdings nur Ansichten. die sie von ihren Professoren gehört haben. So ist die Frage, wie lange Frauen sich vor und nach der Geburt eines Kindes des Geschlechtsverkehrs enthalten sollen, zwischen Gynäkologen und Sexualmedizinern strittig. Erstere empfehlen zumeist je sechs Wochen vor und nach der Geburt, also insgesamt ein Quartal, während letztere solche langen Fristen eher für soziokulturell als medizinisch begründet halten. Sie meinen, eine Enthaltsamkeit von maximal je zwei bis vier Wochen. also insgesamt ein bis zwei Monaten. würde genügen. Die Mehrheit der befragten Medizinstudenten gab längere Zeiträume an. einige bis zu acht Monaten.

Weitaus die meisten Befragten empfinden ihre Wissenslücken selbst als erhebliches Handikap für ihre künftige Arbeit als Ärzte. Eine Dreiviertelmehrheit plädierte dafür, ein Fach »Medizinische Sexualwissenschaft« einzurichten und es auch in der Approbationsordnung zu berücksichtigen.

Dem kommt die Bundesrepublik letzt einen wichtigen Schritt näher. In der vergangenen Woche erhielt Meyenburgs Doktorvater Sigusch einen Ruf an die Universität Frankfurt auf die erste deutsche Professur für Medizinische Sexualwissenschaft.

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