Angela Merkel trifft Chimamanda Ngozi Adichie Dieser unbedingte Wille zur Kartoffelsuppe

Mitten im Wahlkampf nimmt sich die Kanzlerin frei, um mit der nigerianischen Schriftstellerin und Feministin Chimamanda Ngozi Adichie zu sprechen. Ist das schon der Beginn der Obamaisierung Merkels?
Angela Merkel und Autorin Chimamanda Ngozi Adichie vor dem Auftritt in Düsseldorf

Angela Merkel und Autorin Chimamanda Ngozi Adichie vor dem Auftritt in Düsseldorf

Foto: ROLF VENNENBERND / AFP

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Na gut, sagen wir es gleich zu Beginn: Ja, Angela Merkel hat sich klipp und klar zum F-Wort bekannt. Das wäre schon fast eine Eilmeldung wert gewesen, denn das mit dem F-Wort und Angela Merkel ist ja bekanntlich eine nicht ganz einfache Geschichte. Nun also hat sie verkündet: »Wir sollten alle Feministen sein«. Wobei »verkünden« nun wirklich das falsche Wort ist, sie hat es eher, nun ja, gesagt.

Denn eine Verkündung würde ein gewisses Maß an Pathos und Hall voraussetzen, und beides ist nicht unbedingt ihre Sache, aber dazu später mehr. Es war zugegebenermaßen auch eine etwas unfaire Situation, denn mit Merkel saß an diesem Abend im Düsseldorfer Schauspielhaus eine Frau auf der Bühne, die mit einem TedTalk über Feminismus zur weltweiten Ikone wurde: »We should all be feminists« .

Moment mal, wie kommt es überhaupt dazu, dass Angela Merkel und die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie in Düsseldorf auf einer Bühne sitzen und über ihre Weltsicht sprechen? Es ginge darum, so hieß es in der Ankündigung und so sagten es auch die beiden Moderatorinnen Miriam Meckel und Léa Steinacker, dass beide die Erkenntnis verbinden würde: eine einzige Perspektive, eine einzige Story, ein einziges Narrativ kann niemals zulänglich sein. So weit, so banal, eigentlich.

Andererseits: Man ist es ja nicht gerade gewohnt, Angela Merkel beim Philosophieren über Grundsätzliches mit internationalen Stars zuzuhören. Und so konnte man an diesem Abend etwas sehr Interessantes beobachten, interessanter noch als das Bekenntnis zum Feminismus: den Versuch der Obamaisierung Merkels, der naturgemäß zum Scheitern verurteilt war. Was sich wiederum als großer Erfolg herausstellte.

Zwei bauen Brücken, eine gräbt den Tunnel

Da sitzen also die politisch mächtigste Frau der Welt und ein globaler Popstar und sollen darüber sprechen, wie sich ihre Lebenswege unterscheiden und doch ähneln. »Man sollte von allen Überhöhungen absehen«, sagt Merkel gleich zu Beginn und macht keinen Hehl daraus, dass sie sich jetzt hier nicht auf irgendein Podest stellen lassen wird. Wird sie natürlich trotzdem, in den höchsten Tönen gelobt von den Moderatorinnen, als Leader of the free World.

Und schon an ihrem Gesichtsausdruck kann man ablesen, wie unangenehm ihr das ist. Fast missmutig schaut sie, wenn Chimamanda Ngozi Adichie sagt, wie sehr sie Merkel bewundere. Was folgt, ist der 90-minütige Versuch der Überhöhung seitens der drei Frauen auf der Bühne, während Merkel stets ihr Möglichstes versucht, dies zu sabotieren. Während die anderen gewagte Hängebrücken bauen, gräbt Merkel einen Tunnel unten durch, kommt schneller am anderen Ende an.

Auf der Bühne im Düsseldorfer Schauspielhaus

Auf der Bühne im Düsseldorfer Schauspielhaus

Foto: ROLF VENNENBERND / AFP

Das beginnt schon damit, dass sie beinahe jede Antwort mit einem »Naja« anfängt. Es geht weiter damit, dass sie es schafft, auf grundsätzliche Fragen mit konkretem Klein-Klein zu antworten. Die Zukunft der Demokratie? Sie erklärt den deutschen Föderalismus. Passt man ihr eine Steilvorlage hin, verwandelt sie nicht ins Kreuzeck, sondern hebt den Ball auf und beschreibt, aus was für Material dieser Ball gemacht ist.

Der Saal lag ihr zu Füßen

Als Adichie sie fragt, ob es Momente gebe, in denen das Gewicht der Verantwortung, das auf ihren Schultern ruhe, ihr auch Freude bereite, sagt sie: Ja, wenn sie einen guten Kompromiss gefunden habe, und rattert Verträge runter. Einmal fragt die Moderatorin, ob der Satz »Wir schaffen das« nicht ihr Vermächtnis bleiben werde, woraufhin die Kanzlerin zurückgibt: Es sei eigentlich auch nur ein normaler Politikersatz gewesen. Aber, hakt die Moderatorin fast schon verzweifelt nach, sei das nicht auch ein wenig Obama, »Yes, we can«? Unglauben in Merkels Gesichtszügen.

Kurz: Ein großes, sprühendes Gespräch war das nicht. Trotzdem lagen ihr, man kann es nicht anders sagen, die Zuschauer im Saal zu Füßen. Merkel hätte sich nicht weniger starmäßig verhalten können, und doch wurde sie angehimmelt, als hätte sie gerade mit großer Geste die Welt erklärt. Diese leichte Unbeholfenheit. Diese Selbstironie, wenn sie, auf Adichies sehr buntes schulterfreies Kleid angesprochen, zurückgibt: »Mein Outfit ist, wie man so schön sagt, überschaubar.«

Dieser unbedingte Wille zur Kartoffelsuppe und diese Ablehnung jedweden Anflugs von Grandezza ist dann vielleicht doch genau das, was man sich in Deutschland unter einer idealen Kanzlerin vorstellt. Und wenn man vermuten darf, dass die meisten im Saal sie nicht gewählt haben, ist es umso erstaunlicher, welche vorauseilende Wehmut man hier in den Gesichtern erblicken konnte. Was wird kommen, wenn Merkel weg ist?

Ein Satz klingt schon fast nach Überbau

Was sie in Zukunft machen werde, will die Moderatorin wissen, was ihr Narrativ sei. Ihre »story« die sie von nun an von sich erzählen möchte. »Ich habe kein Narrativ«, sagt Merkel, ein Satz, der auf jeden Fall auch von ihr bleiben sollte. »Ich lebe in der Gegenwart, mehr als manche andere.« Sätze, die fast schon nach Überbau klingen. Nur bringen sie das politische Vermächtnis, um nicht zu sagen: das politische Versäumnis dieser Kanzlerin ungewollt gut auf den Punkt. Vielleicht hätte etwas mehr Zukunft ganz gutgetan.

Aber dafür ist kein Platz an diesem Abend. Dafür ist nicht die richtige Stimmung.

Hier wird nicht abgerechnet, hier wird sich verabschiedet. Einen Horror Vacui verspüre sie nicht, meint Merkel. Keine Angst vor dem schwarzen Loch. Stattdessen: lesen, mal sehen, worauf sie Lust hat, was sich in ihr regen wird. Wo sie wieder auftauchen wird. Ende. Sie steht auf. Ein kurzer Gruß. Verlässt den Saal. Die Türen bleiben für das Publikum noch geschlossen. Alle müssen warten, bis Merkel weit genug entfernt ist. Dann erst öffnen sich die Türen. Allein: Gehen mag zunächst niemand.

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