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AUTOREN Anjas Wunsch und Wahn

In seinem meisterhaften neuen Roman »Der Liebeswunsch« schildert der Schriftsteller Dieter Wellershoff die zerstörerische Kraft eines Ehebruchs.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Manchmal kommt einer nur zu früh. Was als Entdeckung des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq derzeit große Beachtung findet, das hat sein deutscher Kollege Dieter Wellershoff schon vor Jahren prägnant formuliert - die Beobachtung nämlich, dass im erotischen Wettbewerb um die Schönsten und Fittesten viele auf der Strecke bleiben und einsam ins Abseits driften.

»Diese heitere, sinnliche Welt, die Glück für alle verspricht und jeden zum fröhlichen Mitmachen einlädt«, schrieb Wellershoff 1986 in einem Essay, »erzeugt natürlich massenhaft Verlierer und treibt sie als Gestörte in den Alkoholismus, die Depression und in die Therapiegruppen.« Das angestrebte Ziel - »die chancengleiche Internationale der freien Sexualpartner« - sei nichts als eine Fata Morgana.

Wellershoff, der das vergebliche Glücksverlangen der Zeitgenossen immer wieder erhellend untersucht und dargestellt hat, ist heute zwar im Literaturbetrieb kein Unbekannter; angesichts seines beachtlichen und umfangreichen Werks - seit Anfang der sechziger Jahre rund ein Dutzend Essaybände, gut zehn Romane und andere Prosawerke - aber lässt sich kaum erklären, warum er bis heute auffällig im Schatten der allgemeinen Aufmerksamkeit steht. Keines seiner Bücher konnte das große Publikum erreichen.

Nun hat der in Köln lebende Autor, rechtzeitig zu seinem 75. Geburtstag (am Freitag dieser Woche), sein erzählerisches Meisterstück abgeliefert: den Roman »Der Liebeswunsch«, die in die Katastrophe mündende Geschichte einer so faszinierenden wie kapriziösen jungen Frau namens Anja**.

Wie in jedem guten Roman weiß der Leser im Grunde vom ersten Satz an alles und im Verlauf der Geschichte doch immer weniger - was für Spannung bis zum Schluss sorgt. Die dramatische Zuspitzung lässt dabei, so gehört es sich, lange auf sich warten.

Die Studentin Anja, Ende 20, wirkt zunächst fast wie eine Nebenfigur. Sie, die mit ihrer literaturwissenschaftlichen Magisterarbeit nicht zu Rande kommt, tritt ganz bescheiden als Jobsuchende in Erscheinung: Einem Arztehepaar auf Ostasienreise soll sie für vier Wochen die Villa hüten.

Immerhin ist über Anja zu erfahren, dass sie auf Männer stark wirkt, wenn auch auf komplizierte Weise: Erst fühlen die sich angezogen, dann entdecken sie, wie schwierig sie ist, und verlassen sie: »Es waren verlegene Rückzüge, die sie nicht verstand, mit denen sie aber zu rechnen begann.« Sex lässt die junge Frau geschehen, doch nimmt sie gewöhnlich »die Erregung der Männer« wie aus großer Entfernung wahr.

Schon am ersten Abend in der Villa erhält sie unerwartet Besuch von einem Freund des Hauses, einem Richter, den sie bei ihrem Vorstellungsgespräch kennen gelernt hatte und der nun ohne viel Federlesens für sie kocht ("Wenn Sie erlauben, decke ich jetzt den Tisch") - wobei er keinerlei Anstalten macht, sich ihr zu nähern.

Dafür fragt er schon bald: »Können Sie sich vorstellen, meine Frau zu werden?« Keine 50 Seiten sind um, da fahren die beiden, von Paul und Marlene, dem Arztehepaar, verabschiedet, bereits in die Flitterwochen: mit dem Nachtzug Richtung Italien.

Leonhard, der Richtergatte, bleibt immer noch zurückhaltend. Im Zugabteil, meint er, sei es wohl »ein wenig eng für eine Hochzeitsnacht«. Die wird denn auch in Florenz kein rauschendes Fest: Er hat extra einen neuen schwarz-rot gestreiften Pyjama angezogen (sie denkt: »eine Robe für die Hochzeitsnacht"), knipst gleich das Licht aus und hat vor Angst einen Schweißausbruch - entsprechend kurz und heftig geht die Sache vor sich, was ihn gleichwohl zu der Bemerkung veranlasst: »Jetzt sind wir richtig verheiratet.«

Von Liebeswunsch und -wahn vorerst keine Spur. Wellershoff lässt die Sache langsam und nüchtern anlaufen, was sich auch in einer betont ruhigen, fast referierenden Sprache spiegelt. Das aber ändert sich bald. Ton und Perspektive wechseln: Marlene, die Ärztin, erzählt.

Sie rekapituliert, wie sie Paul, ihren Kollegen, einst dazu gebracht hat, seine Familie zu verlassen - und seinen Freund Leonhard zu hintergehen: Mit dem nämlich war Marlene zusammen, als sie ihrem heimlichen Liebhaber Paul die Bedingung stellte, reinen Tisch zu machen. Das ist lange her. Aber das Rauschhafte und Bedenkenlose des Anfangs gehört seither zum Gründungsmythos der kinderlosen Ehe von Paul und Marlene.

Leonhard hat den beiden längst verziehen und sich in die Rolle des gemeinsamen guten Freundes gefügt - doch deutlich wird, dass die forcierte Hochzeit mit Anja auch ein Weg ist, wie es im Roman heißt, »Symmetrie« herzustellen und eine über Jahre gewachsene Verkrampfung zu lösen. Anja, die bald schwanger wird, ahnt von all dem zunächst nichts.

Der Ehemann, der sich seiner Überlegenheit sicher wähnt und den würdigen Richter gibt, macht sich über seine eigene Rolle, etwa als Liebhaber, offenbar nie Gedanken. Wichtig ist ihm die Tatsache, dass er Familie hat - ein Sohn kommt zur Welt - und Karriere macht. Im Übrigen hat er in Anjas Mutter eine mächtige Fürsprecherin: Die Schwiegermama himmelt ihn an und rügt ihre eigene Tochter, wenn die wieder einmal unzufrieden wirkt.

Ein paar Jahre bleibt das alles in der Balance, der Freundschaftsbund zwischen den beiden Ehepaaren scheint allen Beteiligten Halt zu geben. Paul und Marlene hier, Anja und Leonhard dort: Ist nicht alles fest gefügt? Die Vier treffen sich regelmäßig zum Kartenspiel, gehen zusammen ins Theater - Wahlverwandtschaften.

Das kann nicht gut gehen. Anders als in Goethes 1809 publiziertem Roman von den verworrenen Beziehungen zweier Paare kommt bei Wellershoff zwar kein Kind ums Leben, doch eine Unachtsamkeit Anjas führt zu einer schweren Verletzung ihres Sohns Daniel: Als der Kleine kochende Milch vom Herd nehmen will, verbrüht er sich, während seine Mutter nebenan mit einem Redakteur telefoniert, für den sie, vom Ehemann nicht gern gesehen, ab und zu Lektoratsarbeiten ausführt.

Anja, an diesem Tag 33 geworden, ist nicht im Stande, ihren Mann zu informieren. Aus dem Krankenhaus, wo Daniel wegen seiner schweren Verbrennungen zunächst bleiben muss, kommt sie erst spät und betrunken heim. Für den Richter ist Anja die Schuldige, auch wenn er es ihr nicht direkt sagt.

Noch einmal bemüht sich das befreundete Quartett um Schadensbegrenzung: Eine gemeinsame Reise nach Florida, angeregt von Marlene, deren Ehe mit Paul ebenfalls an Elan verloren hat, soll die Wogen wieder glätten. Doch am Strand des Atlantik, wo Anja und Paul nicht nur gemeinsam joggen, beginnt der endgültige Zerfall beider Ehen.

Zum zweiten Mal nimmt Paul seinem Freund Leonhard die Frau weg: Das ist das Skandalon dieses Romans, die im moralischen Sinn unerhörte Begebenheit - denn anders als in den Ehebruchromanen des 19. Jahrhunderts werden die Ehebrecher für ihre Taten kaum noch von der Gesellschaft belangt.

Von Goethe und Stendhal, von Flaubert, Tolstoi und Fontane konnte der Ehebruch noch »als das zentrale Drama der bürgerlichen Kultur« dargestellt werden, wie Wellershoff in seinem Essay aus dem Jahr 1986 erkannte. »Gemessen an der tragischen Klarheit der tödlichen Liebesdramen des vorigen Jahrhunderts sind die unsrigen verworren und diffus. Damals liefen die Liebenden gegen die Wände der Institutionen, heute waten sie im Sumpf einer verschwommenen Glücksideologie.«

Der neue Roman »Der Liebeswunsch« liefert mehr als die Illustration dieser These. Anders als Houellebecq hält sich Wellershoff als Erzähler mit Kommentaren zurück: Vielleicht hat er in seinem Leben überhaupt nur deshalb so viele - und hervorragende - Essays geschrieben, um seine Romane von zu viel Theorie freizuhalten. Der Romancier Wellershoff erzählt weitgehend aus dem Blickwinkel seiner Figuren heraus, mal nähert er sich ihnen nur an, mal lässt er sie selbst das Wort ergreifen: So wird das eigentliche Drama aus vier Perspektiven geschildert.

Paul ist der Hedonist, der sich treiben lässt und das trügerische Gefühl genießt, »dass das Leben in den Geheimfächern der Zukunft immer neue, andere Möglichkeiten für ihn bereithielt": Er will das Verhältnis mit Anja daheim schnell und unauffällig beenden, doch mietet er stattdessen ein kleines Apartment, wo sich die beiden fortan regelmäßig treffen.

Anja, überwältigt von der Leidenschaft, die der erfahrene Paul in ihr zu wecken weiß, bangt am Tag der Verabredung jedes Mal, dass er sie versetzen wird - sie erwartet ihn stets im Bett, halb im Schlaf, halb in Trance. Nur eine einzige sexuelle Begegnung schildert Wellershoff in diesem Roman ganz ausführlich, und gerade darum vermag er diese Vereinigung, ja Verschmelzung grandios zu zeichnen.

Von den beiden Betrogenen ist Marlene die erste, die etwas ahnt: Sie kennt ihren Paul. Sie legt ihm einen Zettel hin ("Wie lange willst du mich noch betrügen?") und zieht sich zurück, was den Gatten dann doch in gehörige Unsicherheit versetzt.

Der Richter reagiert auf seine Art. Da er Leidenschaft nicht kennt, versteht er wenig, aber weiß sich sofort einen Rat: Er wird sich scheiden lassen ("Seine Ehe mit ihr war ein gescheitertes Projekt") - die Schwiegermutter immer auf seiner Seite.

Das Ende darf verraten werden, denn es wird schon am Anfang des Romans angedeutet: Anja wird sich vom Balkon eines Hochhauses stürzen - eine Selbstmörderin wie Anna, Tolstois Heldin aus dem Ehebruchroman »Anna Karenina« (1878), die sich vor einen Zug warf.

Wie Wellershoff es schafft, die plötzliche Abkehr und Feigheit Pauls zu begründen, die wachsende Verzweiflung Anjas zu zeigen (vor allem deren Hilflosigkeit, als ihr Wunsch, Paul für sich zu gewinnen, gerade an der Intensität ihrer Leidenschaft scheitert) - das zählt zur großen erzählerischen Leistung des Romans.

Inmitten der heiteren, sinnlichen Welt unserer Gegenwart spielt sich ein tödliches Drama ab. Und selten war etwas so Trauriges zu lesen wie die Beisetzung von Anjas Urne. Dieter Wellershoff zeigt wie nebenbei, dass der Roman, wenn er wie hier seine Form findet, immer noch für die großen Gefühle taugt und - ganz altmodisch - Mitgefühl mobilisieren kann. VOLKER HAGE

* Mit Sophie Marceau, Sean Bean (1997).** Dieter Wellershoff: »Der Liebeswunsch«. Verlag Kiepenheuer& Witsch, Köln; 400 Seiten; 42 Mark.

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