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Ankunft im zweiten Leben

aus DER SPIEGEL 39/1993

SPIEGEL: Herr Naipaul, Sie sind von indischer Herkunft, geboren auf Trinidad und leben nun seit über vier Jahrzehnten in England. Wo fühlen Sie sich daheim?

Naipaul: Mein Großvater ist vor ungefähr 100 Jahren als Kontraktarbeiter aus Britisch-Indien in die britische Kolonie Trinidad gekommen. Dort bin ich aufgewachsen. Ich ging fort von meiner kleinen karibischen Insel, als ich 18 war, um mit einem Stipendium der Kolonialregierung in Oxford zu studieren, und ich wollte unbedingt Schriftsteller werden. So fing mein zweites Leben an. Es dauerte an die 20 Jahre, bis ich mich mit ihm versöhnte.

SPIEGEL: Und diese Erfahrungen eines neuen Lebens sind das Thema Ihres autobiographischen Romans »Das Rätsel der Ankunft"**.

Naipaul: Autobiographisch insofern, als ich es für zwingend hielt, den Erzähler vorzustellen - den Fremden aus der anderen Hemisphäre und aus einer anderen ** V. S. Naipaul: »Das Rätsel der Ankunft«. Aus _(dem Englischen von Karin Graf. Verlag ) _(Kiepenheuer & Witsch, Köln; 448 Seiten; ) _(49,80 Mark. * Das Gespräch führten die ) _(Redakteure Susanne Weingarten und Gunar ) _(Ortlepp. ) Kultur. Aber was er darüber hinaus erzählt, ist eine mehr oder weniger fiktive Geschichte vom Wandel der Zeiten in der ländlichen Szenerie der Grafschaft Wiltshire, der Gegend um Stonehenge, wo ich mich niedergelassen habe und heute noch lebe.

SPIEGEL: Große Veränderungen in einem idyllischen England üppiger Wiesen und Weiden, auf denen Pferde, Kühe und Schafe grasen - Sie beschreiben das alles sehr detailliert und gemächlich.

Naipaul: Behutsam, ja. Man muß mit kleinen Dingen starke Effekte erzielen. Indirekt ist es auch ein Buch über England nach dem Niedergang des Empire. Das heutige England läßt sich nur dann begreifen, wenn man die Geister seiner imperialen Vergangenheit beschwört. Es geschieht enorm viel in dem Roman. Nachbarn kommen und ziehen wieder davon, Leute sterben, alte Buchen werden gefällt, alte Landsitze schrumpfen dahin, eine große Firma übernimmt die Farm, mit ihr kommen moderne Maschinen . . .

SPIEGEL: . . . und von den früheren 16 Gärtnern des verarmten Gutsherrn ist nur noch einer übrig, der schließlich auch noch gefeuert wird.

Naipaul: Alles ist vergänglich, das ist der Lauf der Welt. Wir müssen uns mit dem Wandel abfinden. Darum geht es in meinem Buch.

SPIEGEL: Und dies aus dem Mund eines Autors, der in seinen früheren Werken eine heillose Welt der Lügen, des Terrors und der selbstzerstörerischen Wut ausgemalt hat.

Naipaul: Ich habe nur geschrieben, was ich sah, über karibische oder afrikanische Länder, die von korrupten Politikern, importierten Ideologen und abgefeimt inszenierten Revolutionen in den sozialen Selbstmord getrieben wurden.

SPIEGEL: Dafür hat man Sie als den Chronisten des großen postkolonialen Desasters gerühmt und verflucht als den höhnischen Propheten des moralischen und materiellen Elends in der Dritten Welt.

Naipaul: Das dürfen Sie nicht ernst nehmen.

SPIEGEL: Wir tun es aber.

Naipaul: Gute Schriftsteller müssen Ärgernis erregen. Das Gezeter der Kritiker gehört dazu. Ich will Ihnen sagen, wie es war. Als ich in den fünfziger Jahren zu schreiben begann, als ich nach einer eigenen Stimme suchte, da veröffentlichte ich Humoresken über die Leute auf meiner Insel. Da kamen die Kritiker und moralisierten: Wie kann man nur komische Sachen über Menschen schreiben, die in ihrer Misere hungern und leiden. Was erlaubt sich dieser Mann, der aus der gleichen kolonialen Gesellschaft stammt.

SPIEGEL: Und als Sie aufhörten mit den Humoresken?

Naipaul: Da war ich plötzlich der finstere Pessimist, der rüde Verleumder der Entwicklungsländer. Verstehen Sie, was ich meine? Die Leute erwarten, daß man ihnen ihr eigenes Weltbild bestätigt. Sie wollen in einem Buch ihre eigenen Ideen wiederfinden. Die Trivialliteratur mag ihnen diesen Wunsch erfüllen. Ich schreibe keine trivialen Bücher.

SPIEGEL: Als was für einen Schriftsteller sehen Sie sich denn?

Naipaul: Als Beobachter, als Analytiker. Ich habe ein Gespür für Dinge, ich habe Gefühle, Emotionen, und ich betrachte, was ich sehe, mit großer Sorgfalt. Doch ich verkünde keine Doktrin. Ich vertrete keine Sache. Wenn man als Schriftsteller eine Sache vertritt, ist man schon korrumpiert. Denn dann weiß man ja schon alle Antworten im voraus.

SPIEGEL: Haben Sie je literarische Vorbilder gehabt?

Naipaul: Nicht ein einziges, abgesehen von meinem Vater. Er war Journalist und schrieb Geschichten über das Leben auf unserer Insel. Seine Geschichten zeigten mir wirklich die Welt, in der ich lebte. Sie haben mir ungemein den Blick geschärft und mich mit Material über die indische Gemeinde auf Trinidad versorgt. Der Rest war meine Sache. Ich mußte selber herausfinden, was für eine Art Schriftsteller ich war. Das dauerte seine Zeit. Diese ganz allmähliche Entdeckung der Welt und des eigenen Wesens, das gehört zum Abenteuer der Schriftstellerei.

SPIEGEL: In einem Ihrer Romane sucht der Held namens Singh, auch er ein Inder aus der Karibik, in der einstigen Kolonialmetropole England nach der wahren Welt, nach wahren Werten, wahrer Geschichte und wahren Traditionen. Hat er nicht große Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer?

Naipaul: Gewissermaßen. Sehen Sie, in Port-of-Spain, Trinidad, wo ich aufwuchs, gab es keine Architektur, keine Gemäldegalerien, keine hübsch angelegten Gärten und dergleichen. Ich wollte so gern dort sein, wo es das alles gab. Gleichzeitig aber hatte ich auch starke Gefühle für Indien, sehr starke Gefühle, schon als Kind. Indiens Freiheit hat mich immer leidenschaftlich bewegt, und deshalb zog es mich auch sehr stark in das Land meiner Vorfahren.

SPIEGEL: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Hinterlassenschaft des britischen Empire?

Naipaul: Als im 18. Jahrhundert die Briten Besitz ergriffen, war Indien ein durch die lange Mogul-Herrschaft tief zerrüttetes Land. Das Empire brachte Gesetz und Ordnung, Institutionen, Gerichte, die man anrufen konnte. Es war wirklich ein immenser Segen.

SPIEGEL: Das hört sich an wie Kiplings Hoheslied von des weißen Mannes Bürde. Und die negativen Aspekte? Die Hybris der Empire-Erbauer, mit der sie auf ihre farbigen Völkerschaften blickten?

Naipaul: Sicher, das war alles da. Es war schlimm, es war schrecklich. Trotzdem, was bleibt, ist das unschätzbare Erbe der Gerichtshöfe, Parlamente und der Ideale guten Sozialverhaltens.

SPIEGEL: Was sind Ihre Erfahrungen als dunkelhäutiger Exot in einem europäischen Land? Wie werden Sie behandelt?

Naipaul: Ich hatte bisher noch keinen Grund zur Klage. Mag sein, daß ich zu wenig achtgebe. Belästigt jedenfalls hat mich noch niemand. Ich fühle mich in England so wenig bedroht wie anderswo, in Bombay, in Port-of-Spain oder in Kingston, Jamaika.

SPIEGEL: Haben Rassenprobleme Ihnen nie zu schaffen gemacht?

Naipaul: Doch, es ist wahr, ich hätte es anfangs leichter haben können. Als ich zu schreiben begann, so um 1955 herum, war ich ein Pionier, ein Pfadfinder, verstehen Sie? Ich war damals einer der ersten im gerade einsetzenden großen Strom der Migranten, die aus den Kolonien nach Britannien drängten. Ich hatte es schwer, meine Sachen zu veröffentlichen, ihre Thematik schien ja so entlegen. Doch, man wurde ganz schön bestraft. Aber das hat mich nie beirren können. Es war mein freier Entschluß gewesen, in England zu leben und zu schreiben. Warum sollte ich mich beklagen?

SPIEGEL: Haben Sie jemals Freundschaften geschlossen in Ihrer Nachbarschaft in Wiltshire?

Naipaul: Nun, ich kenne die Leute. Aber ich lade sie nicht in mein Haus ein, weil man sonst in ihre Häuser eingeladen würde, und das ergäbe einen endlosen Reigen. Ein bißchen Distanz kann nicht schaden. Ich wohne in einem Weiler mit elf Häusern. Ich kenne die meisten meiner Nachbarn. Das ist in Ordnung, das ist in Ordnung. Wir kommen gut miteinander aus.

SPIEGEL: Sie erwähnten Ihre starken Gefühle für Indien. Sind Sie ein gläubiger Hindu?

Naipaul: Ich bin natürlich als Hindu erzogen worden, aber ich habe keinen Glauben, habe nie einen gehabt. Meine ganze Familie ist voll davon, ich nicht. Wenn ich über das Universum und die Wunder des menschlichen Lebens oder die Wunder von Raum und Zeit meditieren will, dann tue ich das für mich ganz allein. Dazu brauche ich keinen Guru.

SPIEGEL: Aber Hindu sind Sie wohl dennoch geblieben in Ihrer Art zu fühlen, zu denken, zu reagieren. Ihre Bücher vermitteln oft den Eindruck eines wahrhaft brahmanischen Bewußtseins für Stolz und Würde, was auch ungemein arrogant wirken kann.

Naipaul: Man hat ein gewisses Maß an Selbstvertrauen, Vertrauen auf seine eigenen Werte, sein Format. Man hat das immer gepflegt. Sehen Sie, die Namen, die mir gegeben wurden als eine Art Glückszauber, haben mich schon in den dunklen Stunden meiner Kindheit getröstet und ermutigt.

SPIEGEL: Ihr erster Vorname Vidiadhar, was hat er zu bedeuten?

Naipaul: Ein Spender der Weisheit.

SPIEGEL: Und Ihr zweiter, Surajprasad?

Naipaul: Geschenk an die Sonne.

SPIEGEL: Alle Achtung. Wenn Sie nach Indien kommen, ist das nicht eine komische Erfahrung für Sie, in Massen von Hindus unterzutauchen?

Naipaul: Ich habe darüber in einem meiner Indien-Bücher geschrieben. Es ist in der Tat beunruhigend. In England ist man so daran gewöhnt, daß einen die Leute beachten. In Indien wird man einfach nicht zur Kenntnis genommen. Es ist peinlich, es ist kränkend. Es ist wie bei einer schönen Frau, von der keiner Notiz nimmt. Aber man gewöhnt sich daran.

SPIEGEL: In Ihrem karibischen Roman »Guerrillas« und später wieder im afrikanischen Roman »An der Biegung des großen Flusses« kommen heikle sexuelle Szenen vor, einmal eine bestialische Schändung und Metzelei, die auf den Leser höchst abstoßend wirken.

Naipaul: Ein Sexualmord muß so eine Wirkung erzielen. Im übrigen sind diese Stellen sehr sorgfältig geschrieben. Sie sind nicht obszön. »Nackt« ist das einzige Wort, das ich benutzte, nichts sonst. Trotzdem, habe ich mir sagen lassen, wirken diese Szenen im Afrika-Roman zum Beispiel sehr erotisch.

SPIEGEL: Bettgeschichten scheinen Ihnen nicht gerade leicht aus der Feder zu fließen.

Naipaul: Ich finde all den Sex in modernen Romanen widerlich. Sex ist eine komplizierte Sache. Als ich jung war, wissen Sie, ging ich immer zu Prostituierten. Ich fand Sex mit Prostituierten unerhört erregend. Aber dann, in meinen Mittdreißigern, kamen die Depressionen, ich fühlte mich betrogen und frustriert. Später, als ich ungefähr 40 war, fing ich ganz normale sexuelle Beziehungen an, und das änderte alles, das machte es mir möglich, über Sex zu schreiben. Schockiert Sie das?

SPIEGEL: Nicht wirklich. Aber wir wüßten gern, wie Sie überhaupt zu Frauen stehen.

Naipaul: Ich habe Frauen immer bewundert, schon als Kind. Ich habe Frauen so sehr bewundert, daß ich nie begriff, wie sie die Berührung eines Mannes ertragen konnten. Sie sind so schöne, wunderbare Geschöpfe. Und ich hatte gewaltigen Respekt vor den Frauen in unserer Großfamilie, vor meinen Tanten und Schwestern und Cousinen. Die Frauen bei uns in Trinidad gaben wirklich den Ton an im Dschungel der Familienpolitik, oh ja.

SPIEGEL: Bei der Lektüre des Romans »Das Rätsel der Ankunft« hat der Leser das Gefühl: So sanft war Naipaul nie . . .

Naipaul: Das wäre dann also schon der dritte Naipaul nach dem humoristischen Autor und dem pessimistischen Unhold. Aber eines stimmt schon. Je älter ich werde, desto mehr Sorgfalt und Mühe verwende ich darauf, mit anscheinend leichter Hand eine immense Menge an Erfahrung in meine Bücher einfließen zu lassen. Man hat so ungeheuer viel zu sagen selbst über die einfachsten Dinge des Lebens. Man hat soviel dazugelernt. Daher vielleicht die Milde.

SPIEGEL: Im »Rätsel der Ankunft« beteuert Ihr Erzähler immer wieder, daß er im Einklang sei mit dem Wandel der Zeiten, daß er sich weigere, überall nur Verfall zu sehen. Aber fortwährend erzählt er von überwucherten Gärten, von Abschied und Tod, von einem Mord hier und einem Selbstmord da. Alles geht aufs Ende zu - ist dies nicht, trotz aller Versöhnlichkeit, die Botschaft des Romans?

Naipaul: Es ist die Stimmung des Buches. Die Stimmung eines Mannes, der nach philosophischem Trost sucht im Schmerz, den er empfindet, während alles um ihn herum verfällt und dahinschwindet. Mag sein, daß ich mich auch ausgehöhlt fühlte von Gram über Todesfälle in meiner Familie, vom frühen Tod meines jüngeren Bruders Shiva, der auch Bücher schrieb. Er war 40, als er starb.

SPIEGEL: Sie sind jetzt 61. Fühlen Sie sich alt?

Naipaul: Ja, man wird älter. Es läßt sich nicht leugnen, obwohl ich''s gern täte. Immerhin, einen Vorteil bringt das Alter mit sich: Es dämpft den sexuellen Appetit, und das ist eine Erleichterung. Ich bin auch ein bißchen ruhiger inzwischen, weil ich denke, daß ich meinen Teil geleistet habe. Ich bin niemandem etwas schuldig geblieben. Ich bin ein freier Mann. Meine literarische Karriere hat mich immer sehr beunruhigt. Diese Ängste habe ich nun nicht mehr.

SPIEGEL: Ein glücklicher alter Mann?

Naipaul: Oh, ich bin durchaus empfänglich für die Genüsse des Lebens. Ich lache und kichere nicht unentwegt, aber ich bin glücklich. Meine Freuden sind profund. Ich labe mich am guten französischen Rotwein in meinem Keller. Ich würze ihn mit viel Verstand, denn große Freuden erfordern Geist.

SPIEGEL: Nach fast 40 Jahren Schriftstellerei haben Sie gerade Ihr 22. Buch beendet. Ist es wieder ein Roman?

Naipaul: Es ist eine Sequenz von neun Erzählungen mit dem Titel »A Way in the World«. Das Buch ist völlig neuartig in seiner Form und Thematik. Es hat mir immense Mühe bereitet. Aber ich bin sehr zufrieden damit, es ist ein reifes Buch. Ich könnte mir durchaus vorstellen, daß es mein letztes ist. Ich wäre ganz froh, dem Schreiben Lebewohl zu sagen.

SPIEGEL: Allen Ernstes?

Naipaul: Ich denke, ich habe mein Werk vollbracht. Ich habe dabei sehr viel Glück gehabt. Und ich meine, es ist ein großes und gutes Werk.

SPIEGEL: Herr Naipaul, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

** V. S. Naipaul: »Das Rätsel der Ankunft«. Aus dem Englischen vonKarin Graf. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 448 Seiten; 49,80Mark. * Das Gespräch führten die Redakteure Susanne Weingarten undGunar Ortlepp.

S. Weingarten, G. Ortlepp
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