Samira El Ouassil

Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock Jung oder sogar zu jung? Alles Willkür.

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Ist Annalena Baerbock zu jung, um Kanzlerin zu werden? Zu so einem Urteil kann man nur kommen, wenn der politische Apparat in der Regel deutlich älter ist als der Durchschnittsbürger.
Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen: »Es ist ein Mädchen«

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen: »Es ist ein Mädchen«

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Kay Nietfeld / picture alliance / dpa

Wenn man »Annalena Baerbock« bei Google eingibt, sind die ersten drei Vorschläge, wonach man in Kombination mit ihrem Namen suchen könnte: »Annalena Baerbock kinder«, »Annalena Baerbock mann« und »Annalena Baerbock jung«.

Die Suchvorschläge basieren auf einem automatischen Vervollständigungsalgorithmus, der wiederum von der Suchhäufigkeit der Begriffe beeinflusst wird. Offenbar interessieren sich also genügend Menschen für die Familie der Kanzlerkandidatin – aber noch beachtlicher ist das Interesse an dem Wort: »jung«.

Wie lange gilt man in der aktiven Politik eigentlich als jung – und noch interessanter: als zu jung? »Ob sich eine so junge Frau im Kanzleramt zurechtfinden kann?«, fragt man auf »Phoenix« über Baerbock. »Sei sie nicht ein bisschen jung?« heißt es in der »SZ« als hypothetische Frage, die angeblich im Raum steht. Der Twitter-Kanal der »Tagesthemen« verkündet: »Es ist ein Mädchen«, das Habeck den Platz stibitzt habe. Stibitzt also, soso. Weggeschnappt. Wie bei einer Stuhlpolonaise. Stand der stibitzte Platz etwa dem Jungen Habeck zu?

»Jung sein« ist relativ

Lassen Sie uns das mal gemeinsam im Kopf durchgehen: Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern ist mit 37 Jahren eine der jüngsten Politikerinnen, die ein Amt dieser Art bestreitet. Ist das zu jung? Theodore Roosevelt wurde mit 42 Präsident der Vereinigten Staaten, John F. Kennedy mit 43 – ist das zu jung? Sanna Marin war mit 34 bei ihrer Ernennung zur Ministerpräsidentin der Republik Finnland 2019 zeitweise die jüngste Regierungschefin der Welt. Diesen Titel »stibitzte« ihr kurz danach Sebastian Kurz, als er mit 31 zum österreichischen Kanzler ernannt wurde. Emmanuel Macron war 39, als er die französische Präsidentschaftswahl gewann; Leo Varadkar wurde mit 38 der Taoiseach, also Irlands Premierminister; der Belgier Charles Michel wurde ebenfalls mit 38 Premierminister in seinem Heimatland, Alexis Tsipras mit 40 in Griechenland, Justin Trudeau mit 43 in Kanada und David Cameron mit 43 im Vereinigten Königreich.

»Jung sein« ist relativ und somit erst mal eine soziale Fiktion. Das Durchschnittsalter eines Bürgers in Deutschland beträgt 44,5 Jahre, demnach wären alle genannten Beispiele knapp unter dem Durchschnitt. Gilt das als jung? Im Hochleistungssport ist man da schon kurz vor der Rente. Deshalb kommt es darauf an, über welche professionelle Disziplin wir sprechen.

Mit Absicht instrumentalisiert

Die Feststellung, jemand sei zu jung für ein bestimmtes politisches Amt, kann man nur machen, wenn der politische Apparat in der Regel deutlich älter ist als der Durchschnittsbürger. Erst diese Diskrepanz erlaubt es uns, das Alter einer Person zur Diskreditierung zu missbrauchen. Nur eine alte Institution kann – fälschlicherweise – Geburtsjahr und Eignung in direkten Zusammenhang bringen.

Das soziale Alter wird so je nach Absicht instrumentalisiert: Dieselben Kritiker, die Frauen in der Politik zu viel Unerfahrenheit unterstellen, sagen über einen Kanzler Kurz Anfang 30, dass er frischen Wind in die politische Sphäre bringe. Diejenigen, die Kevin Kühnerts politischem Habitus zu viel juvenile Hoodiehaftigkeit vorwerfen und ihn aufgrund seines Alters abqualifizieren, benutzen im Falle von Philipp Amthor – der durch sein Auftreten eben nicht jung wirken will – das Argument der Jugend, um seine Lobbyarbeit zu verklären. Sie sprechen dann von Unerfahrenheit und Verführung eines jungen Burschen durch die böse erwachsene Welt der Korruption.

Ein junger österreichischer, konservativer Kanzler oder ein junger CDU-Parlamentarier inszenieren eine ältere Version ihrer selbst und versuchen so, ihr politisches Alter nach oben zu boomern – wie früher vor dem Türsteher vor einem Klub. Pierre Bourdieu beschrieb es so: Je näher man am Pol der Macht sei, umso mehr übernehme man »die Attribute des Erwachsenen, des alten Mannes.« (Ich zitiere nur.)

Oskar Lafontaine über Baerbock

Ob Politiker*innen für jung oder alt erklärt werden, ist ein bisschen wahllos oder willkürlich. Ich merke es ja an mir selbst: Als ich Kanzlerkandidatin der PARTEI wurde, war ich 24 – und würde heute, als 12 Jahre ältere Person sagen, das war vielleicht ein bisschen zu jung.

Ich selbst käme nie auf die Idee, Annalena Baerbock als junge, unerfahrene Politikerin zu bezeichnen. Oskar Lafontaine jedoch anscheinend schon, wenn er paternalistisch auf seiner Facebook-Seite Wilhelm Busch zitiert und damit auf Baerbock anspielt. Busch schrieb einst über einen überambitionierten Frosch: »Wenn einer, der mit Mühe kaum gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär, so irrt sich der.«

Baerbock hat sich in ihrem Leben sicher schon genügend mit Bäumen und Geflügel beschäftigt. Aber was ist eigentlich mit Jens Spahn, der im selben Jahr wie sie geboren wurde? Was wusste der über Gesundheit, bevor er Gesundheitsminister wurde? Und geht es bei Vögeln nicht immer darum, dass derjenige gewinnt, der früher aufsteht? Bourdieu würde also vielleicht sagen: Lafontaine ist vom Denken her möglicherweise einfach ein zu alter Mann. (Ich zitiere nur.)

Diese knackenden Altersdiagnosen sagen viel über die intergenerationalen Verhältnisse in der deutschen Politik aus. Die Frage sollte nicht mehr lauten: Sind Politiker*innen zu jung? Sondern eher: Sind diese Bewertungen nicht zu überkommen?

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