Zum Tod von Anne Heche Sie ließ sich nicht in Schubladen stecken

Für ihre Rolle als Marion Crane in »Psycho« wurde sie als beste Nebendarstellerin nominiert – und als schlechteste. Das passt zu Anne Heche. Jetzt ist sie an den Folgen eines Autounfalls gestorben.
Ein Nachruf von Jenni Zylka
Anne Heche im September 2020: Die Traumata ihrer Kindheit

Anne Heche im September 2020: Die Traumata ihrer Kindheit

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Rich Fury / Getty Images

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Für so etwas braucht es einen gewissen Mut. 38 Jahre nachdem Hitchcock mit »Psycho« seinen erfolgreichsten Film gedreht und Janet Leigh darin als ewigen Prototyp des weiblichen, blonden, nackten Opfers männlicher Gewalt inszeniert hatte, übernahm Anne Heche in Gus Van Sants Remake 1998 ebendiese Rolle. Ihre Marion Crane unterscheidet sich stark von der ängstlichen, emotionalen Frauenfigur, die Leigh gespielt hatte.

Wenn Marion in der Eingangsszene des Films etwa beim heimlichen Tête-à-Tête mit ihrem Liebhaber gezeigt wird, wirkt sie bei Hitchcock verzweifelt. »Lass uns heiraten«, bittet sie Sam, laut Drehbuchanweisung »mit schrecklicher Dringlichkeit«. »Und mit mir im Hinterraum eines Kleinwarengeschäfts in Fairvale hausen?«, gibt der unter Geldnot leidende, noch verheiratete Mann sarkastisch zurück. »Das wird lustig. Wenn ich meiner Ex ihr Geld schicke, kannst du die Briefmarken anlecken.« »Ich lecke die Briefmarken an«, antwortet Marion bei Hitchcock ergeben.

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Anne Heche

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Anne Heches Marion dagegen spielt souverän mit ihrem Sam (Viggo Mortensen). Gus Van Sant lässt den Schauspieler beim Briefmarken-Dialog nackt sein. Als Sam sich zu ihr umdreht, lässt sie die Augen über seine durchtrainierte full frontal nudity wandern. Ihre Replik »I’ll lick the stamps« bekommt so eine völlig andere Konnotation: Hier neckt eine unerschrockene Liebhaberin ihren Geliebten und stellt selbstbestimmte Lust zur Schau.

Eine selbstbewusste Freidenkerin

In Anne Heches Marion steckt eine selbstbewusste Freidenkerin – trotz der von Gus Van Sant mit quietschbunten Fünfzigerjahre-Farben gestalteten Retroästhetik des Kostümbilds. Eine schmale Frau mit Pixieschnitt und frechem, ansteckendem Lächeln, die sich »außerhalb der Box« bewegt. Für diese Arbeit wurde sie bei den Saturn Awards in der Kategorie »Beste Nebenrolle« nominiert – und beim Negativpreis »Golden Raspberry Awards« für die »Schlechteste Nebenrolle«. Das passt. Denn Anne Heche ließ sich nicht in Schubladen stecken.

Freikämpfen musste sie sich bereits früh: Geboren wurde sie 1969 als jüngstes von fünf Geschwistern in einer Kleinstadt in Ohio. Ihre stark religiöse Familie hatte finanzielle Schwierigkeiten, zog oft um und lebte teilweise in einem kleinen Gästezimmer bei Kirchenfreunden. Heches Vater war Priester – und missbrauchte laut Heches 2001 erschienener Autobiografie seine Tochter jahrelang sexuell. Nachdem er 1983 mit 45 Jahren als frühes Aids-Opfer an den Folgen von HIV gestorben war, entdeckte seine Familie sein Doppelleben. Kurz darauf kam Heches älterer Bruder bei einem Autounfall ums Leben, Heche behauptete später, es sei Selbstmord gewesen.

Mit 16 wurde Heche von einem Agenten bei einer Schulaufführung entdeckt – und entschloss sich gegen den Willen ihrer Mutter zu einem neuen Leben als Schauspielerin. Sie erfand sich neu. Und schien die Traumata ihrer Kindheit doch nie ganz hinter sich lassen zu können. Nach vielen Fernsehrollen und Kinofilmen – darunter Nicole Holofceners großartigem Independent-Frauenfreundschafts-Drama »Walking and Talking« von 1996 und Barry Levinsons kluger politischer Satire »Wag the Dog« mit Dustin Hoffman und Robert De Niro – besetzte man sie 1998 als klassisches junges blondes Love Interest neben dem 25 Jahre älteren Harrison Ford im Abenteuerfilm »Sechs Tage, sieben Nächte«.

»Ich hatte keine Ahnung, wie stark man diskriminiert wird«

Kurz darauf wurde ihre Beziehung zur Talkmasterin Ellen DeGeneres bekannt. Bei einer großen Demonstration für die Rechte queerer Menschen im Jahr 2000 in Washington erzählte Heche dem Publikum, wie schwer es sei, in den diesbezüglich noch immer restriktiven USA als offen homosexuelle Frau zu leben. »Ich hatte keine Ahnung, wie stark man diskriminiert wird, bevor ich es selbst erlebt habe«, sagte sie. Nach ihrem Coming-out habe man ihr gesagt, ihre Karriere sei gelaufen. »Wir dürfen Ungerechtigkeiten nicht akzeptieren«, erklärte sie sichtlich bewegt. »Ihr seid es alle wert, geliebt zu werden!«

DeGeneres hatte kurz zuvor davon gesprochen, dass ihre Partnerin beruflich stark zu kämpfen habe – seit drei Jahren bekomme sie keine Hauptrollenangebote mehr. Denn eine lesbische oder – für konservative Hollywoodstrukturen noch unverständlicher – bisexuelle Frau wurde in der damals noch stärker festgefahrenen, konservativen Studiowelt nicht akzeptiert.

Im Sommer 2000 endete ihre Beziehung zu DeGeneres mit einem spektakulären, von den Medien gierig beäugten Nervenzusammenbruch Heches. Danach hatte sie wieder männliche Partner, bekam 2001 einen Sohn mit ihrem damaligen Ehemann, einem Kameramann, und 2009 einen zweiten Sohn mit einem Schauspielkollegen.

Ihr Ende ähnelte ihrem schwierigen Leben

Heche erschien in den Nullerjahren größtenteils in Independent-Produktionen, sie feierte mit 33 Jahren ihr Debüt am Broadway und hatte eine wiederkehrende Rolle in der vierten Staffel von »Ally McBeal«. Sie spielte sich mehr oder weniger in zweiter Reihe, aber in teilweise interessanten Rollen durch die 2010er, wurde 2018 Ensemblemitglied in der langlebigen Polizeiserie »Chicago P.D.« und machte 2020 bei »Dancing with the Stars« mit.

Ihr Ende ähnelte in seiner Monstrosität ihrem schwierigen Leben: Am 5. August rammte sie – angeblich unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln – mit ihrem Auto zunächst eine Garage in Mar Vista, einem Stadtteil von Los Angeles, und krachte danach in ein Haus. Das Auto brannte aus, Heche wurde ins Krankenhaus gebracht und fiel ins Koma. Am 12. August wurde sie für hirntot erklärt, ihre Organe wurden nach ihren Wünschen gespendet.

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