Stefan Schultz

Vereinbarkeit von Beruf und Familie Was wir wirklich aus dem Rücktritt von Anne Spiegel lernen können

Stefan Schultz
Ein Essay von Stefan Schultz
Ein Essay von Stefan Schultz
War sie schuld oder ein unbarmherziges Leistungssystem? Der Rücktritt von Anne Spiegel hat eine Debatte ausgelöst, zwei Lager stehen sich gegenüber. Erst wenn man sie zusammendenkt, kommt die Gesellschaft weiter.
Politikerin Spiegel: Mit Verantwortung wächst auch die Eigenverantwortung

Politikerin Spiegel: Mit Verantwortung wächst auch die Eigenverantwortung

Foto: Markus Schreiber / AFP

Die Debatte über den Rücktritt  von Anne Spiegel ist auch Ausdruck eines seit Langem tobenden Kulturkampfs. Es sind meist Vertreter zweier Lager, die sich gerade zu Wort melden – und die Geschichte der gescheiterten Bundesfamilienministerin und ehemaligen Landesumweltministerin von Rheinland-Pfalz je vor den eigenen ideologischen Karren spannen.

Die erste Gruppe werde ich hier als Modernisten bezeichnen. Als Lager derjenigen, die Werte wie Leistung, Erfolg und analytisch-kritisches Denken hoch gewichten. Viele von ihnen sagen: Wer ein hohes Amt bekleide, könne sich nicht so viel Schwäche leisten wie Spiegel bei ihrem letzten großen Auftritt . Der emotionale Ausbruch der Ex-Ministerin ist ihnen suspekt bis unheimlich. Manche dürften die Ministerin gar insgeheim verachten – auch wenn sie sich nach außen verständnisvoll geben.

Die zweite Gruppe könnte man Postmodernisten nennen. Es sind diejenigen, die Konventionen der Moderne kritisieren und überwinden wollen. Ihre zentralen Werte sind Empathie, Authentizität und Gleichbehandlung aller gesellschaftlichen Schichten (in diesem Fall: Frauen). Sie sagen, Spiegel gebühre unser Mitgefühl – als Opfer einer unbarmherzigen, toxisch-männlich geprägten Leistungsgesellschaft. Den emotionalen Ausbruch der Ex-Ministerin fanden viele von ihnen erfrischend. Manche schrieben, Spiegel habe die beste Rede ihres Lebens  gehalten.

Im öffentlichen Diskurs sind sich Modernisten und Postmodernisten oft spinnefeind. Versuche, aus Argumenten beider Seiten eine Synthese zu bilden, finden sich kaum. Dabei würde erst das die Gesellschaft voranbringen. Denn: Beide Lager haben recht, aber jeweils nur ein bisschen.

Die blinden Flecken der Moderne und Postmoderne

Die Modernisten betonen richtigerweise das Prinzip der Verantwortung. Eine Landesumweltministerin, die qua Amt für Naturkatastrophen im Bundesland Rheinland-Pfalz mitverantwortlich ist, darf sich schlicht nicht rausziehen, wenn eine Flutwelle das dortige Ahrtal verwüstet und mehr als hundert Menschen sterben. Und sie darf die Bürgerinnen und Bürger nicht anlügen . Weshalb ihr Rücktritt unvermeidlich war.

Die Postmodernisten kritisieren richtigerweise die Kultur übertriebenen Leistungsdrucks – die oft dazu führt, dass Menschen erst lange über ihre Grenzen gehen und dann plötzlich zusammenbrechen (so wie Anne Spiegel). Sie kritisieren zu Recht das toxische Klima, in dem sich Leistungsträger für ihre Schwächen schämen und sich teils genötigt sehen, ihre Fehler vor der Welt zu verbergen. Notfalls auch mit Lügen (so wie vielleicht auch Anne Spiegel, sicher aber viele andere).

Beide Lager bereichern also die Debatte. Aber beide Lager haben auch blinde Flecken.

  • Viele Modernisten spielen Zwänge der Leistungsgesellschaft herunter. Viele Postmodernisten verharmlosen Spiegels Verantwortungslosigkeit.

  • Viele Modernisten urteilen hart über Spiegels Schwäche; doch sie übersehen oder ignorieren das Menschliche daran. Viele Postmodernisten sind hier empathischer; doch sie übersehen oder ignorieren, dass Spiegel wohl auch gezielt Schwäche zeigte, um ihren Job zu retten.

  • Allgemeiner gesagt übertreiben es Modernisten oft mit der Selbstverantwortung, indem sie glauben, sie könnten eigentlich alle Probleme selbst lösen – und seien entsprechend allein verantwortlich, wenn sie scheitern. Und Postmodernisten schreiben zu viele Fehler dem System zu. Selbst klare individuelle Verfehlungen entschuldigen sie teils damit.

Es sind die klassischen blinden Flecken beider Lager. Sie finden sich auch in zig anderen Diskursen, vom Ukrainekrieg über die Kapitalismusdebatte bis #MeToo. Und beide Lager werden auch künftig auf je einem Auge blind bleiben, wenn sie nicht anfangen, einander zuzuhören.

Toxische Polaritäten

Die Debatte zwischen Moderne und Postmoderne läuft meist nach folgendem Muster ab: Jedes Lager betont die positiven Aspekte der eigenen Sichtweise – und verteufelt die negativen Aspekte des anderen. Für die negativen Aspekte der eigenen Sicht ist man ebenso blind wie für die positiven Aspekte des anderen Lagers. Jeder hockt auf seinem Pol und schaut auf den Pol des anderen herab.

Das Resultat ist ein ewig gleicher Kulturkampf mit ewig ähnlichen Verurteilungen. Im Falle Anne Spiegels werden Modernisten zu kalten Leistungsrobotern reduziert – und Postmodernisten zu naiven Hippies. Eine solche Debatte ist wenig hilfreich. Sie kreist endlos in einer nutzlosen Schleife, bei der jeder nur das eigene Weltbild bestätigt.

Heraus kommen Verwerfungen wie bei Anne Spiegel. Krisenmomente, in denen alle versagen und alle verlieren. Die Ministerin, die sich vor der Verantwortung drückte. Und ihr Apparat, der Leben nicht rettete. Nicht nur – aber auch –, weil er eine zentrale Führungskraft so lange sich selbst verheizen ließ, bis sie ihr Amt nicht mehr zuverlässig ausüben konnte.

Wie es besser geht

Hilfreicher wäre ein Polaritäten-Management , das die Vorteile beider Pole integriert – und die Nachteile minimiert. Leistungsträger können dann optimal vom System unterstützt werden (postmodern) – und gleichzeitig weiter an ihrer persönlichen Leistung gemessen werden (modern). Man würde sowohl die Gesundheit der Führungskraft sichern (postmodern) als auch die Funktionalität des Amtes (modern).

Führungskräfte könnten dann mehr Hilfe erhalten, auch emotionale, insbesondere beim Umgang mit Schwächen. Es könnte sich ein gleichermaßen menschlicher und funktionaler Umgang mit privaten Ausnahmesituationen von Spitzenkräften entwickeln. Und man könnte Spitzenämter mehr von Einzelpersonen entkoppeln. Selbst ein Co-Minister-System, bei dem mehrere Politikerinnen und Politiker in der Ministerrolle rotieren, wäre denkbar.

Gleichzeitig müssten Spitzenkräfte, bei aller Unterstützung, weiter liefern. Gerade Toppolitiker, die über das Wohl von Millionen Menschen entscheiden. Was bedeutet, dass mit der Verantwortung auch die Eigenverantwortung wächst.

Wer merkt, dass er sich zu viel zugemutet hat, muss nicht nur sich selbst schützen, sondern auch das von ihm bekleidete Amt. Er muss sich frühzeitig aus Aufgaben herausziehen und sich notfalls vom Amt trennen. Wie der Fall Anne Spiegel zeigt, braucht es auch dafür wirksamere Prozesse.

All das sind nur erste Ideen, sicher gibt es weit schlauere Lösungen. In jedem Fall wäre es hilfreich, Moderne und Postmoderne zusammenzudenken. Denn nur so kann etwas entstehen, bei dem letztlich alle gewinnen. Die überarbeiteten Spitzenkräfte. Die Firmen und Institutionen. Und die Bürgerinnen und Bürger, deren Leben teils von der Leistungsfähigkeit der Leistungsträger abhängt.