"Anne Will" zu Corona "Die ganze Republik in die Bude zu sperren, dafür gibt es keine medizinische Indikation“

Bei Anne Wills Corona-Talk diagnostiziert Virologe Alexander Kekulé einen Fehler der Politik. Und Armin Laschet spricht von der "ernstesten Situation der letzten 70 Jahre".
Von Klaus Raab
Anne Will mit Gästen: "Zwei Meter Abstand, nicht so wie hier"

Anne Will mit Gästen: "Zwei Meter Abstand, nicht so wie hier"

Foto: Wolfgang Borrs/ NDR/Wolfgang Borrs

Die Kulisse zeugt von der Ausnahmesituation. Denn was wir dort sehen, ist: nichts. Das Studiopublikum fehlt, nun auch bei "Anne Will". Die Maßnahmen gegen die weitere Verbreitung des Coronavirus produzieren längst ihre eigenen Bilder.

Die Besonderheit der Lage vermittelt sich aber auch dadurch, dass etwas anderes in der Talkshow genauso ist wie immer - und prompt unpassend wirkt: Es sitzen sechs Leute so eng nebeneinander, dass sie sich gegenseitig ins Gesicht fassen könnten. Wie war das mit dem Abstand, den man zu anderen Menschen halten soll? "Ich glaube, es ist noch nicht verstanden, dass man diese zwei Meter halten muss", sagt Claudia Spies, die ärztliche Leiterin des CharitéCentrums für Anästhesiologie und Intensivmedizin, die zu Gast ist. "Zwei Meter Abstand, nicht so wie hier."

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Ein schlimmes Versäumnis der Redaktion? Na ja. Es vermittelt eher, wie schwierig es ist, eingespielte Routinen konsequent auszuhebeln.

Darum geht es bei "Anne Will", um die Aushebelung des Gewohnten: "Wie drastisch müssen die Maßnahmen werden?" Das ist eine Frage, die im Moment in einer Talkshow, die ihrem Wesen nach keine Service-, sondern eine Diskussionssendung ist, tatsächlich gut aufgehoben ist. Denn ob zum Beispiel die angekündigten Schließungen der deutschen Grenzen zu Frankreich, Österreich, Dänemark und zur Schweiz richtig sind, dazu gibt es wahrlich Gesprächsbedarf. So konsensfähig wie die Notwendigkeit von Handhygiene sind sie jedenfalls nicht.

Zu Gast ist Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz (SPD), der die Grenzschließungen verteidigt. Er stellt sie als Reaktion auf die französische Ankündigung dar, Läden zu schließen. Für Pendlerinnen und Waren bleibe die Grenze offen, sagt er. Aber "wer nur zum Einkaufsbummel nach Deutschland fährt", solle "das jetzt nicht machen". Cerstin Gammelin von der "Süddeutschen Zeitung" wendet ein, dass damit ein europäisches Prinzip ausgehebelt werde. Ob etwa zwischen Kehl und Straßburg wirklich "ein erhöhter Virenaustausch" stattfinde, gelte es zu prüfen.

Ebenfalls diskussionswürdig ist die Frage, welche weiteren Maßnahmen zur Epidemiebekämpfung demnächst anstehen: Kommt bald die Aufforderung, die Wohnung nur noch zu verlassen, wenn es gar nicht anders geht? Olaf Scholz formuliert extra vage: "Wir diskutieren alle möglichen Maßnahmen sehr sorgfältig." Dass es eine Option ist, lässt er dann aber doch durchscheinen - er fügt sinngemäß hinzu, es gebe jedenfalls keinen Grund, sich am Montag um die letzten Nudelpäckchen zu streiten; die Supermärkte "haben auch noch am Mittwoch auf", Banken und Apotheken ebenfalls.

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Ein Spaziergang im Park? Na klar, der Virologe rät sogar dazu

Ist das die Antwort? Sonst soll alles dicht machen? Konkreter wird er nicht, was in der Sache verständlich ist: Es ist halt noch nicht beschlossen, und entschieden wird dezentral, was er, Scholz, auch gut finde - ein Lob des Föderalismus. Aber ob ein bisschen weniger Ich-sag'-nix in der Wortwahl wirklich schaden würde?

Klarer ist, was der Virologe Alexander Kekulé zu einer möglichen weitgehenden Ausgangssperre sagt. Er lehnt sie ab: "Die ganze Republik jetzt in die Bude einzusperren, dafür gibt es keine medizinische Indikation", sagt er. Spaziergänge im Park mit der Familie hielte er sogar für vernünftig.

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Bemerkenswert ist das deshalb, weil er seit Wochen für klare Maßnahmen plädiert, etwa für Schulschließungen. Er kritisiert die Regierung auch an diesem Abend dafür, es sei "sehr viel Zeit verloren gegangen". Ein einziges Kind könne binnen acht Wochen 3000 Menschen anstecken, was zu 15 Todesfällen führen könne, rechnet er vor. Das Virus verhalte sich berechenbar wie ein Uhrwerk. Um es zurückzudrängen, halte er es für richtig, das öffentliche Leben stillzulegen, vielleicht bis zum Ende der Osterferien.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Beim Thema Mehrwertsteuer blockt der Finanzminister rigoros ab

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) spricht von der "ernstesten Situation in den letzten 70 Jahren unseres Landes" - und wehrt sich gegen Kekulés Kritik. Noch Mitte der vergangenen Woche hätten unter anderem das Robert Koch-Institut und ein anderer hoch angesehener Virologe von Schulschließungen "eher abgeraten", sagt er. Kekulé reagiert spitz - "Ach, das waren die Virologen". Laschet ebenfalls - "Ich sage es jetzt zum dritten Mal". Diese Auseinandersetzung prägt Teile der Sendung, und am Ende bleiben zwei Fragen:

  • Wie hätte man einen weitgehenden Shutdown denn schon vor zwei Monaten 80 Millionen Menschen vermitteln sollen?

  • Hätte man es trotzdem tun müssen?

Und die Wirtschaft? Angela Inselkammer vertritt ihre Interessen, die Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga Bayern. Es bestehe die Gefahr, dass von 220.000 Betrieben die Hälfte "nach dieser Krise nicht mehr existiert", sagt sie. Sie wünsche sich "unbedingt Liquiditätshilfen" vom Finanzminister. Sowie: eine Reduzierung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent - was Olaf Scholz jedoch, frei von Vagheit, abblockt.

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Das sei eine alte Forderung, die nun plötzlich mit dem Virus begründet werde. Ihm schwebe, zusätzlich zum bereits Beschlossenen, anderes vor: eine Maßnahme, die jenen Betrieben helfen soll, die nun über Monate Ausgaben, aber keine Einnahmen hätten, etwa über einen Fonds der Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Angela Inselkammer ist damit nicht wirklich zufrieden, sie bittet um ein Einzelgespräch. Aber immerhin, eines schafft sie - sie sagt den einzigen Satz des Talks, den man sich auf ein Geschirrhandtuch sticken möchte: "Es wird wieder schön."