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Kleinwagen Anschluß verpaßt

Der Trend zu wendigen, stadtgerechten Kompakt-Autos hält vor allem bei deutschen Zweitwagen-Käufern an. Westdeutschlands Autofabriken überlassen diesen lukrativen Markt den Ausländern.
aus DER SPIEGEL 42/1972

»Kleinwagen« so hatte Kurt Lotz einst kategorisch erklärt, »sind kein Geschäft. Das Wort des ehemaligen VW-Generals hat für die Wolfsburger Konzernspitze offenbar noch immer Bestand.

Auch das jüngste Produkt von Wolfsburg, der unter der Chiffre EA 337 entwickelte Käfer-Bruder, gehört nicht mehr zur Mini-Klasse. Dort aber ist nach den Erkenntnissen der Marktforscher in den kommenden Jahren am ehesten mit Zuwachsraten im Automobilgeschäft zu rechnen.

In der Bundesrepublik, so errechneten etwa die Experten des Erdöl- und Benzinkonzerns Shell, werde sich der Bestand an Zweitwagen bis zum Jahre 1980 verdoppeln -- auf insgesamt 2,16 Millionen Fahrzeuge. Eben unter den Zweitwagen. so lehrt die Erfahrung der vergangenen Jahre, ist der Anteil der Minis mit Motoren unter 1000 Kubikzentimeter besonders hoch.

Unter dem runden Dutzend der in der Bundesrepublik gehandelten Autos dieser Klasse ist nur noch die VW-Tochter Audi-NSU mit ihren Typen 1000 C und Prinz 4 vertreten. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden in Westdeutschland nur noch 3900 kleine NSU verkauft. Und unter VW-Großhändlern ist es längst kein Geheimnis mehr, daß im langfristigen Konzernprogramm für dieses NSU-Modell kein Platz mehr ist. Damit wird auch das letzte Überbleibsel aus einem reichhaltigen Klein- und Kleinstwagenprogramm verschwinden, das einst mit Isettas, Preßpappe-Lloyds, Gutbrods und Goggos begonnen hatte.

Nutznießer dieser Lücke im Programm von Opel, Ford und VW sind vor allem italienische und französische Automobilproduzenten, neuerdings freilich auch die Briten mit ihren Minis.

Die Stylisten der französischen Autofabriken trugen als erste dem Bedürfnis Rechnung, daß immer mehr Vorstadt-Hausfrauen den Kleinwagen als fahrbaren Einkaufskorb benutzen. Im großzügigen Innenraum, bei meist vier Türen plus Heckklappe, lassen sich Kinderwagen und Weihnachtsbäume ebenso leicht verstauen wie elektrische Rasenmäher oder Kleinmöbel -- durchweg Transportaufgaben. bei denen Käfer-Fahrer gezwungen sind, einen Kleintransporter zu mieten, wenn sie nicht wieder auf den selbstgezogenen Handkarren ausweichen wollen.

Und während westdeutsche Vierrad-Manager bloße Lippenbekenntnisse ablegen (VW-Chef Rudolf Leiding im Frühjahr: »Ich bin nicht glücklich darüber, daß der Kleinwagenmarkt allein den Ausländern überlassen bleibt"), bauen die Importeure ihre starke Stellung auf dem deutschen Markt beharrlich weiter aus.

Jedes 13. in Westdeutschland neu zugelassene Automobil ist schon ein Kleinwagen aus dem Ausland. Die Spitzenposition unter den Minis hält noch immer das französische Robust- und Einfach-Auto Renault R 4. Aber auch der Fiat 127 und die unverwüstliche häßliche Ente, Citroens 2 CV, halten einen erklecklichen Marktanteil.

Von dieser Woche an will Renault auch in Deutschland seinen R 5 ausliefern. Schon 1973 hofft der französische Staatskonzern von dem Dreitürer (44 oder 36-PS-Motor) 100000 Exemplare in der Bundesrepublik absetzen zu können.

Die Fiat-Manager runden demnächst ihr Programm nach unten ab. Sie wollen Anfang nächsten Monats auf dem Turiner Autosalon mit dem »Fiat 126« aufwarten, der den mittlerweile 15 Jahre alten, immer weniger gefragten Fiat 500 ablösen soll. Mit 594 Kubikzentimetern und 23 PS ist das neue Fiat-Produkt an Versicherung und Steuer etwa dem Sparmodell 2 CV vergleichbar.

In Preis und Größe dem künftigen VW am nächsten unter den ausländischen Minis ist noch der »Peugeot 104« -das einzig neue Auto und der Star auf dem Pariser Autosalon in der letzten Woche. Dieser laut Werksankündigung »kürzeste Viertürer Europas« -- Länge über alles 3,58 Meter -- hat mit 46 PS zwar neun PS weniger als der Zukunfts-VW. aber mit 136 Stundenkilometern ist er doch fast ebenso schnell.

Auf dem Pariser Autosalon.

Der Preis für den 104, zu dessen Produktion die Franzosen bei Mülhausen im Elsaß ein eigenes Zweigwerk errichteten, liegt um 95 Mark über der 7000er Marke. Aber im -Gegensatz zu den Usancen sogar der Hersteller deutscher Nobelmarken ist dies der Preis für das komplette Auto: Zur Grundausstattung zählen bei dem Franzosen nicht nur Gürtelreifen und die vier Türen, sondern auch der Gummibodenbelag, die heizbare Heckscheibe und die Dreipunkt-Sicherheitsgurte.

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