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Anselm Reyle über Künstler in der Coronakrise »Viele sind hilfloser denn je«

Malerstar Anselm Reyle kritisiert: Der Staat lässt bildende Künstler in der Not allein. Den Nachwuchs warnt er vor einer Branche, die in Zukunft noch unbarmherziger werde.
Ein Interview von Ulrike Knöfel
aus DER SPIEGEL 25/2021
Malereiprofessor Reyle: Einmal im Semester gibt es den »Reality Day«

Malereiprofessor Reyle: Einmal im Semester gibt es den »Reality Day«

Foto:

Christian Werner

Zur Person

Anselm Reyle, Jahrgang 1970, gehört zu den Stars der Branche, auch international. Eine Zeit lang wurde beinahe mehr über seinen Erfolg gesprochen als über seine Kunst selbst, doch der Maler hat sich von diesem Image als Marktkünstler emanzipiert. Bereits seit 2009 lehrt er an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg als Professor, seine Werke schafft er in seinem Atelier in Berlin.

SPIEGEL: Herr Reyle, Sie stiften ein Bild für eine Auktion, mit der Not leidenden Künstlerinnen und Künstlern geholfen werden soll. Reichen die Corona-Hilfsangebote von Bund und Ländern nicht aus?

Reyle: Bei bildenden Künstlern kommt da wenig an. Dabei bräuchten viele es wirklich. Nicht wenigen Freunden von mir geht es so. Sie hangelten sich vor Corona ohnehin an der Grenze zum Existenzminimum entlang, jetzt sind sie hilfloser denn je. Während der Krise wurde es für sie unmöglich, für Atelier, Materialien und Wohnung aufzukommen. Selbst wer vom Staat als Überbrückungshilfe ein Stipendium erhalten hat, kommt damit nicht über diese Durststrecke, die schon viel zu lange andauert.

SPIEGEL: Maler und Bildhauer können weiter in ihren Ateliers arbeiten, sind also nicht von der Krise betroffen – sagen Kulturpolitiker gern.

Reyles Spende »Untitled«, 2020

Reyles Spende »Untitled«, 2020

Foto: Foto: Matthias Kolb

Reyle: Für die Verkäufe ihrer Werke sind Galeristen zuständig, und denen brach das wichtige Messegeschäft weg. Manche Galerien werden es wohl nicht über diese Zeit schaffen. Für Künstler sind natürlich auch museale Schauen wichtig, so geraten sie auf den Radar von Sammlern. Ausstellungen aber wurden verschoben. Und viele, die sonst Kunst erwerben, haben Ankaufspläne zurückgestellt.

SPIEGEL: Im Markt steckt nach wie vor viel Geld.

Reyle: Das wirkt so, weil gern über Auktionsrekorde berichtet wird. Dass nur drei Prozent der Absolventen von Akademien später von ihrer Kunst leben können, ist selten ein Thema.

SPIEGEL: Als Malereiprofessor in Hamburg bilden Sie den Nachwuchs mit aus.

Reyle: Und es sind wenige, von denen man nach zehn Jahren noch etwas hört. Ich versuche durchaus, die Studierenden früh zu warnen, ohne sie zu desillusionieren, aber die Lage ist schwierig, zurzeit mehr denn je. Angenehm ist es nicht, aber ich veranstalte einmal im Semester einen Reality Day. Die Studenten dürfen mir so viele profane Fragen stellen wie sie wollen, zum Markt, zum ganzen Kunstsystem. Ich antworte auf alles, ganz ungeschönt.

SPIEGEL: Wie trifft die Krise die Jüngeren?

Reyle: Die Absolventen der Akademien wurden in einen Stillstand entlassen. Üblicherweise hat man nach dem Abschluss nur wenige Jahre, um Fuß zu fassen, irgendwann ist es zu spät. Wenn nun gleich ein, eineinhalb Jahre verloren gehen, liegt darin eine echte Schwierigkeit. Aber natürlich bekommen auch nicht mehr ganz so junge Künstler die Krise zu spüren, die auf einigermaßen regelmäßige Verkäufe angewiesen sind, um von Monat zu Monat zu kommen.

SPIEGEL: Ihr eigener Erfolg erschien den Kunstkritikern »märchenhaft«. Später kritisierten Sie den Markt. Würden Sie nach 16 Monaten Pandemie sagen, so schlecht ist der als Motor des Betriebs nicht?

Reyle: So schlecht fand ich ihn nie, er unterscheidet sich ­allerdings nicht von anderen Märkten. Er ist genauso kapitalistisch wie jedes andere Business.

SPIEGEL: Für die Benefizversteigerung »PArt« im Auktionshaus Van Ham stiften Sie ein Bild. Der Schätzpreis liegt bei 33.000 Euro. Vom Erlös behalten Sie die Hälfte ein. Warum?

Reyle: Solch eine Splittung ist mittlerweile gängig für Auktionen dieser Art. Hinzu kommt, dass auch ich Einbußen durch Corona habe, mein Atelier und meine Mitarbeiter aber weiter bezahlen muss.

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