Zur Ausgabe
Artikel 50 / 76

FILM Ansteckende Kinder

»Scream«. Spielfilm von Narciso Ibánez Serrador. Spanien 1976. Farbe; 107 Minuten
aus DER SPIEGEL 6/1977

Ein Regisseur, der die obsessive Massenhysterie von Hitchcocks,, Vögeln« mit den traumatischen Schwangerschaftsängsten von »Rosemaries Baby« kreuzen möchte -- so könnte man den Spanier Narciso Ibánez Serrador und seinen Film »Scream« abtun: eine Nervenkitzeispekulation, die nicht aufgeht.

Ein englisches Ehepaar (sie: hochschwanger, er: lieb um sie besorgt, aber dennoch auf zivilisationsfreien Abenteuer-Tourismus aus) kommt auf eine winzige spanische Insel, um Ferien zu machen. Auf der Insel, die zunächst wie ausgestorben wirkt, ereignet sich Schreckliches. Die Kinder haben die Erwachsenen-Herrschaft abgeworfen und sind dabei, jeden, der über Zwölf ist, bestialisch umzubringen.

Diese kindliche Mordgier ist ein Bazillus, der auch das ungeborene Leben ansteckt, bis selbst die Leibesfrucht die Schwangere von Innen her umbringt.

Der Engländer, lange von den Skrupeln gepeinigt, daß man (laut Originaltitel) Kinder nicht tötet, setzt sich schließlich zur Wehr, mäht erst einen Knaben nieder und veranstaltet dann, bei einem letzten Fluchtversuch, ein Blutbad unter Kindern.

Da naht ein Polizeiboot vom Festland, knallt den Kindermörder ab, nichtsahnend, versteht sich. Die Kinder massakrieren die Polizisten und machen sich auf, das Festland mit ihrer Mordgier anzustecken.

Es ist fast gleichgültig, was Ibánez Serrador mit seinem unbeholfen auf die Kontraste zwischen mediterraner Ferienstimmung und Gruselkabinett setzenden Film bewußt anstrebte.

Denn: Ob absichtlich oder unabsichtlich »Scream« entpuppt sich als ein widerlicher faschistischer Alptraum, der seine Ängste vor Veränderungen in der sadistischen Zwangsvorstellung auskotzt, man müsse, was da scheinbar unschuldig heranwächst, einfach wegmetzeln, um die gute, alte Franco-Welt zu bewahren.

Das Neue, so suggerieren die Bilder einer obszön enthemmten Kamera. sieht zwar unverdorben unschuldig aus, man muß es aber im Keim mit Stumpf und Stiel ausrotten.

Diese Bestialität, die sich offenkundig aus Bürgerkriegsängsten und der patriarchalischen Radikalkur gegen die Panik speist, verrät sich besonders dann, wenn der Film trauernd auf der Fassade der verwaisten Station der »Guardia Civil« verweilt -- das wirkt wie eine Warnung an die Regierenden in Madrid, sich nicht des früher einzig funktionierenden Ordnungsinstruments zu begeben.

Es mag, wie gesagt, sein, daß den Machern des Films gar nicht bewußt war, was ihnen da zu Bildern gerinnt. Vielleicht waren sie ja wirklich nur darauf aus, dem Publikum den Gaumen mit einer neuen Sensation zu kitzeln: kleines Kind statt weißer Hai, Exorzismus als Kommunion mit der Maschinenpistole.

Aber das Resultat wird durch einen Krokodilstränen-Vorspann, der sein Mäntelchen in den pazifistischen Wind hängt, eher schlimmer: Hier »dokumentiert« der Regisseur, wieviel unschuldige Kinder in den jüngsten Kriegen, vom Zweiten Weltkrieg bis Vietnam, umgebracht worden sind. Soll dieses vorgespannte Feigenblatt sagen. daß die Erwachsenen, wenn sie schon die Kinder umbringen müssen, sich dabei ein bißchen schämen sollen?

Gegen diesen Film ist »Ein Mann sieht rot« geradezu ein liberales Märchen. Wenn man trotzdem nicht die (hier fast einmal sinnvolle) Anwendung der Gewaltverherrlichungsparagraphen verlangen sollte, dann nur in der Hoffnung, daß sich das Publikum diesen Film anders vom Leibe halten kann: indem es ihn leerlaufen läßt.

Hellmuth Karasek

Zur Ausgabe
Artikel 50 / 76
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.