Umgang mit Corona-Skeptikern Ein anderes soziales Spiel

Eine Beobachtung von Elke Schmitter
Manche glauben an die unbefleckte Empfängnis, andere daran, dass die Pandemie eine Verschwörung ist. Dasselbe ist es trotzdem nicht: Die Anti-Corona-Proteste zeigen, dass gemeinsame Wirklichkeit immer weiter erodiert.
Frau mit Merkel-Maske auf der Berliner Demo: Wo fängt die gemeinsame Wirklichkeit an?

Frau mit Merkel-Maske auf der Berliner Demo: Wo fängt die gemeinsame Wirklichkeit an?

Foto: Christoph Soeder/ dpa

Jetzt hat es auch mich erwischt.

Gestern war ich noch unangefochten. Die Teilnehmerzahlen der Berliner Corona-Demo "Querdenken" fand ich unschön, aber nachvollziehbar. Zum einen, weil es mindestens eine Herleitung gibt, wie sie zustande gekommen sind - nämlich durch das gewiefte, regionale Zusammenspiel  eines Busunternehmers und eines entschlossenen Verschwörungstheoretikers.

Zum anderen, weil es ja die General-Beruhigung gibt: In jedem Land lebt ein kleiner, aber manifester Anteil Verrückter. Je nachdem, welche Medien man nutzt, sind sie mal mehr, mal weniger präsent. Wer eine Woche mit RTL II verbringt, wähnt sich in einer Gesellschaft, in der vor allem Frauen, Putzmittel und Beleidigungen ausgetauscht werden, wer nur die "Bild"-Zeitung liest, weiß, dass sich "JEDER Penis aufrichten lässt", und wer "Russia Today" konsultiert, erfährt, dass das Maskentragen sich so anfühlen kann wie Faschismus. So weit, so üblich.

Engel oder die unbefleckte Empfängnis haben für mich denselben Bezug zur Realität wie der Glaube an die Zauberkräfte einer Schlangenhaut.

Aber nun hat das Verrückte an meiner Tür geklopft. Eine Facebook-Freundin, gebildet, besonnen und klug, stellt die Frage, wie viele Teilnehmer es denn am Wochenende nun "wirklich" waren. Teilt Videos und "Einschätzungen" von "Augenzeugen", unter anderem vom Verschwörungsmedium der russischen Regierung, "Russia Today".

Nein, sie ist keine Corona-Leugnerin. Sie zieht nur, in der Rolle der verwirrten Unschuld, mit einem trotzig-harmlosen "Man wird doch wohl mal fragen dürfen…" den Teppich weg, auf dem wir gemeinsam standen. Auf dem steht auch: Fakten lassen sich recherchieren. Medien lassen sich in seriöse und andere unterscheiden. Es gibt eine gemeinsame Wirklichkeit.

Warum erschüttert mich das so? Ich habe auch eine Freundin, die Nonne ist. Für mich ist das Christentum ein Aberglaube, der sich durchgesetzt hat. Engel, die unbefleckte Empfängnis oder die heilende Kraft eines abgeschnittenen Fingernagels haben für mich denselben Bezug zur Realität wie der Glaube an die Wiedergeburt oder die Zauberkräfte einer Schlangenhaut. Es ist Privatsache. Und doch sind die Trennungen, genau besehen, unscharf.

Ich habe auch Freunde, die zu Homöopathen gehen , und ich lasse das mit Respekt unkommentiert. Ich habe das auch mal gemacht und ich bin mir klar darüber, dass sie womöglich meine Überzeugung, dass die Psychoanalyse eine produktive Erkenntnisform ist, insgeheim belächeln.

Wo fängt also die gemeinsame Vereinbarung über die Wirklichkeit an, wo hört sie auf?

Es kommt, scheint mir, weniger auf die Abweichung im Kopf an als auf die soziale Einhegung. Der Glaube an die heilende Kraft des Gebets des Nachbarn ist unproblematisch, solange der seine Tochter gegen Masern impfen lässt. Wer in einem christlichen Krankenhaus behandelt wird, kann heute darauf vertrauen, dass man dort nicht gesundgebetet wird, wenn man einen entzündeten Blinddarm hat. Die Kirchen, einst ein Hort des Fegefeuers auf Erden, haben sich, grosso modo, zu berechenbaren sozialen Institutionen gewandelt. Die Grünen, in ihren Anfängen übrigens auch ein Sammelbecken für Esoteriker vieler Art, sind nicht nur beim Thema Klimawandel rationaler und den Fakten näher, als die bürgerlichen Parteien es lange waren.

Es wirken also permanent Prozesse der Einhegung in der Gesellschaft, durch ein Zusammenspiel von Institutionen, von Schulen und Behörden, von Politik und Medien, die den allermeisten den Eindruck geben, sie teilten eine gemeinsame Auffassung der Welt. Nur ein Beispiel: Technik wird bei dieser gemeinsamen Auffassung der Welt überwiegend fraglos hingenommen, ohne dass man ihr Funktionieren versteht. (Wer kann schon genau erklären, wie ein Mobiltelefon funktioniert?) Gleichzeitig muss sie aber auch immer wieder problematisiert und diskutiert werden, etwa bei Atomkraft oder Gentechnik - weil die Folgenabschätzung wiederum rationale Grundlagen hat, die von der gemeinsamen Weltauffassung aufgefangen werden, und weil man gerade deswegen zwischen Risiko und Werten trennen kann.

Was hat sich heute verändert?

Bei dieser sozialen Einhegung spielen die Medien eine besondere Rolle. Ihre Glaubwürdigkeit hat eine Schlüsselfunktion. "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien." Dieser Satz des Soziologen Niklas Luhmann ist knapp 25 Jahre alt. Und er stimmt täglich mehr. Wir glauben dem Virologen Christian Drosten, weil er in der naturwissenschaftlichen Zunft eine Autorität darstellt, was wir wiederum durch die Medien wissen.

Wenn dieses "wir" sich nun aber teilt, wenn es immer mehr Leute gibt, die "die Medien" selbst für eine Verschwörung halten, wird es prekär. Wie erfahren wir von diesen Leuten? Wiederum durch Medien. Wechseln wir den Kanal, stehen wir in einem Paralleluniversum. Antroposophen, Corona-Leugner, Leute, die Michelle Obama für einen Mann halten.

Wenn der Verweis auf das, was die "Tagesschau" berichtet oder die "BBC", nicht mehr genügt, ist man in einem anderen sozialen Spiel: Statt um Irrtum und Korrektur geht es scheinbar um den einen oder anderen Glauben. Man spricht nicht mehr darüber, wie man Fakten bewertet. Stattdessen findet man sich in der Rolle eines Menschen wieder, der eine Letztbegründung geben soll, die es nicht gibt.

Was hilft?

Ich kann, diskutiere ich mit der Facebook-Freundin, nur auf "die Medien" verweisen, deren Glaubwürdigkeit sich einem Zusammenspiel aus Tradition und Erfahrung verdankt. Im seltensten Fall der eigenen Erfahrung. Wenn ich beim Fußballspiel das Tor gesehen habe, das der Lokalreporter unterschlägt, könnte ich das Medium korrigieren. Aber bei der Frage, wie viele Brexitbefürworter es gibt oder ob die Corona-Politik vernünftig ist, muss ich der Konkurrenz seriöser Medien vertrauen. In einer Verhandlung, ob man ihnen überhaupt vertrauen kann, bin ich ohne Hände.

Was hilft? Wahrscheinlich wiederum das Soziale, die Erfahrung. Solange die Musik so schlecht bleibt, tröstete der Kollege aus der Pop-Redaktion, werden die Happenings der Corona-Querdenker kaum ein Erfolg. Und vermutlich würden auch Teilnehmer der Berliner Demo ein Beatmungsgerät nicht ablehnen, wenn ihnen die Luft wegbleibt. Sondern ihre Zweifel an der Wissenschaft erst einmal verschieben.

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