Tobias Rapp

Antisemitismusvorwürfe Wichtige Debatte, falscher Anlass

Tobias Rapp
Ein Kommentar von Tobias Rapp
Ein Kommentar von Tobias Rapp
Gegen Achille Mbembe gibt es Antisemitismusvorwürfe, jetzt haben sich afrikanische Intellektuelle mit dem Philosophen solidarisiert. Sie liegen falsch - dennoch ist ihr offener Brief ein wichtiges Signal.
Geisteswissenschaftler Achille Mbembe

Geisteswissenschaftler Achille Mbembe

Foto:

Matthias Balk/ picture alliance/dpa

Es ist eine lange Liste. Professoren, Schriftsteller, Filmemacher und Künstler aus Afrika, mehr als 700 insgesamt, haben einen Brief unterzeichnet, mit dem sie gegen die "falschen Vorwürfe" protestieren, die ihrem Kollegen Achille Mbembe in Deutschland angeblich gemacht werden. Das Schreiben richtet sich an die Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und erhebt gravierende Vorwürfe.

Mbembe sei in Deutschland einer Kampagne von "rechtsextremen, fremdenfeindlichen und rechtskonservativen Gruppen" ausgesetzt, die Antisemitismusvorwürfe gegen ihn seien "lügnerisch". Deshalb müsse Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, dessen scharfe Kritik an Mbembe die Debatte losgetreten hatte, entlassen werden. Mbembe sollte bei der Eröffnung des Festivals Ruhrtriennale sprechen, Klein hatte ihm Antisemitismus vorgeworfen. Das Festival ist wegen der Coronakrise abgesagt, die Debatte über die Vorwürfe gegen Mbembe läuft allerdings immer weiter.

Die ganz große Keule also: Ein Afrikaner wird in Deutschland von Rechten bedroht. Allein, die Geschichte geht nicht auf. Und zwar aus zwei Gründen.

Zum einen sind die Vorwürfe gegen Mbembe nicht so einfach aus der Welt zu behaupten. Mbembe hat die "Isolation" Israels gefordert, er hat die Behandlung der Palästinenser durch die Israelis den "größten moralischen Skandal unserer Zeit" genannt.

Vor allem aber: Er hat im Namen der umstrittenen antiisraelischen Boykottbewegung BDS vor zwei Jahren dafür gesorgt, dass die israelische Psychologieprofessorin Shifra Sagy von einer Konferenz ausgeladen wurde. Nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern nur, weil sie Israeli ist. Das ist dokumentiert, die entsprechenden Mails liegen vor. Dieser Mann hat ein Problem mit Israel und Israelis. Er hat mehrmals die Gelegenheit gehabt, sich zu den Vorwürfen zu äußern, im "Deutschlandfunk", in der "Zeit", in der "taz" - und hat sich immer um klare Aussagen herumgemogelt. Es gibt keine rechte Verschwörung gegen Mbembe. Was es gibt, sind Vorwürfe und ein Mann, der sich nicht klar äußert. Hätte er das getan, wäre die Debatte möglicherweise längst vorbei.

Zum anderen geht die simple Logik, Mbembe zum Opfer einer europäischen Debatte zu erklären, an der Komplexität eben jener Debatte selbst vorbei. Denn was als Streit um ein paar Stellen in Mbembes Werk begann, hat sich längst davon gelöst. In Texten und Postings hat sich die Debatte in ein ziemlich wildes Gespräch über alle möglichen Themen verwandelt - nicht nur über das leidige Thema BDS und inwieweit Kritik an der Politik des Staates Israel nun antisemitisch sei oder eben nicht.

Es geht auch um die deutsche Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur. Darüber, wie Einwanderung möglicherweise die Art verändern wird, wie in Deutschland über Geschichte geredet wird. Ob Deutschland seine Kolonialgeschichte nicht genug aufarbeite. Und um die Frage, inwieweit zwischen Nord und Süd eigentlich ein Gespräch auf Augenhöhe überhaupt möglich ist. Oder ob die asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen Europa und Afrika diesen Dialog unmöglich machen.

Wie Deutschland über seine Schuld redet, ändert sich

Das Problem ist aber: Für die meisten dieser Fragen ist die Mbembe-Debatte der falsche Anlass. Zum einen interessiert Mbembe sich nicht sonderlich für die deutsche Kolonialgeschichte. Anders als der Sozialwissenschaftler Felwine Sarr (der den offenen Brief unterzeichnet hat), spielt Mbembe etwa in der Debatte über die Restitution von geraubten Kunstschätzen keine große Rolle. Und natürlich gibt es ein Machtgefälle zwischen Europa und Afrika - aber ausgerechnet Achille Mbembe ist ein denkbar schlechtes Beispiel dafür. Er ist Teil des gleichen globalen akademischen Jetsets wie einige seiner Kritiker, er reist mit der gleichen Selbstverständlichkeit um die Welt wie seine europäischen oder amerikanischen Kolleginnen und Kollegen. Seine Bücher erscheinen in den besten Verlagen. Selbstverständlich wird Mbembe in Europa gehört.

Am stärksten hängt die Mbembe-Debatte aber schief, wenn es um die Art geht, wie in Deutschland an die Verbrechen der Vergangenheit erinnert wird. Selbstverständlich verändert sich dies, nicht nur, weil 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers von Auschwitz nur noch wenige Zeugen leben. Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden. Eine Erinnerung, die in den vergangenen Jahrzehnten mit vielen Tätergeschichten in der eigenen Familie zu tun hatte (manchmal auch mit Opfergeschichten), wandelt sich, wenn Menschen dazukommen, die andere Geschichten mitbringen. Tatsächlich gibt es aber nicht nur eine arabische, türkische und afrikanische Einwanderung, mit Familiengeschichten, die durch andere Gewalterfahrungen geprägt sind - es gibt auch eine jüdische Zuwanderung aus Osteuropa. All diese Menschen werden das Selbstbild Deutschlands verändern und tun das bereits. 

Die Erinnerung an den Holocaust war aber ohnehin nie eine "deutsche" Angelegenheit. Jenseits der Familiengeschichten war die These von der Singularität des Holocausts nie ein deutscher Sonderweg der Vergangenheitsbewältigung. Sie ist Teil eines jahrzehntelangen Nachdenkens von Historikerinnen und Historikern, Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Filmemacherinnen und Filmemachern und vielen anderen auf der ganzen Welt.

Nichts an dieser These ist deutsch. Menschen aus Deutschland, Großbritannien, den USA, Polen, Frankreich, Israel und allen möglichen anderen Ecken der Welt haben versucht zu verstehen, wie die industrielle Ermordung der europäischen Juden möglich werden konnte. Das macht andere Verbrechen nicht kleiner. Aber wer, wie viele deutsche Verteidiger Mbembes, das wegwischt und dieses Nachdenken zu einer Art deutschem Provinzphänomen erklärt, zeigt erstaunliche Unkenntnis.

Trotzdem ist der Brief der 700 afrikanischen Verteidiger Mbembes wichtig. Er ist ein Zeichen dafür, dass sich so etwas wie eine globale Öffentlichkeit etabliert. Selbstverständlich gibt es diese längst, in den Netzwerken der Migranten, die in Europa leben und mit ihren Familien in ihren Herkunftsländern kommunizieren. Auch in der Popkultur scheint sie manchmal auf, wenn afrikanische Popstars nach Europa kommen, Musik aus dem Norden findet ihren Weg ja ohnehin in den Süden. Aber dass quer durch den afrikanischen Kontinent eine deutsche Feuilletondebatte so stark wahrgenommen wird, ist eher neu. Es wird offenbar in vielen afrikanischen Ländern genau hingeschaut, was in Deutschland passiert. Die neue Welt hat viele Zentren, einige sind in Afrika.

Jetzt müsste man nur noch in Deutschland anfangen, sich dafür zu interessieren, was dort diskutiert wird.