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Anwerbung von Stasi-Spitzeln im Westen Ich, das Zielobjekt aus Pinneberg

Mal mit Druck, mal mit Tricks warb die Stasi ihre Spitzel an. Ich ließ mich darauf nicht ein, weil ich durch das Schicksal meines Vaters gewarnt war.
aus SPIEGEL Geschichte 3/2015
Uwe Klußmann beim Urlaub in der DDR

Uwe Klußmann beim Urlaub in der DDR

Dieser Text gehört zur Reihe "Bestseller von SPIEGEL+", er ist zuerst erschienen in SPIEGEL-Geschichte 03/2015.


Mein Weg zu den Werbern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) führte durch das Wohnzimmer eines KZ-Opfers. Es war am 9. März 1985, an einem trüben Frühlingstag, da besuchte ich in Berlin-Weißensee den Autor und Politiker Wilhelm Girnus. Damals war ich 23 Jahre alt, Student am Historischen Seminar der Universität Hamburg. Ich begeisterte mich für die marxistische Theorie, weniger überzeugend fand ich ihre Umsetzung in der DDR. Doch die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit interessierte mich. Um zu verstehen, wie das System funktionierte, schrieb ich meine Magisterarbeit über die Politik der SED 1953/54.

Dabei ging es auch um Machtkämpfe in der DDR-Führung. Girnus wollte ich als Zeitzeugen befragen. Er war 1953 leitend in der Kulturredaktion des SED-Organs "Neues Deutschland" tätig gewesen. Zudem gehörte er zu jenen deutschen Kommunisten, die eine beeindruckende Lebensgeschichte hatten. Nach Hitlers Machtantritt hatte er sich weiter für seine Partei, die nun verbotene KPD, engagiert; die Nazis steckten ihn in verschiedene Konzentrationslager, darunter Sachsenhausen und Flossenbürg.

Was ich nicht wusste: Girnus hatte Kontakt zum Ministerium für Staatssicherheit, ohne je Inoffizieller Mitarbeiter (IM) gewesen zu sein. Als er mir am Ende unseres Gesprächs vorschlug, zwei Männer zu treffen, von denen er andeutete, sie arbeiteten als Journalisten, schöpfte ich keinen Verdacht.

Ein wenig sonderbar klang nur der Ort des Treffens: "an der Rennbahn". Gemeint war die Radrennbahn Berlin-Weißensee. Es war nicht weit weg, also ging ich hin. Aus einem grünen Lada stiegen zwei Männer in gleichen Anzügen, ein Mittdreißiger und ein Endvierziger. Sie kamen lächelnd auf mich zu, der ältere stellte sich als "Meißner" vor, der jüngere als "Tietz". Mir war nun klar: Da standen zwei Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit vor mir.

Aus den heute zugänglichen Stasiakten weiß ich: "Tietz" war Oberleutnant Ulrich Menzel, Jahrgang 1951. "Meißner" hieß Wolfgang Mauersberger, Jahrgang 1938, Major. Beide dienten als Offiziere in der für die Spionageabwehr zuständigen Hauptabteilung II, die unter anderem westliche Journalisten beobachtete.

An jenem Märztag schlugen sie mir vor, mit ihnen "ein bisschen rumzufahren". Ich war aufgeregt, aber auch neugierig. Die Fahrt führte ins Stadtzentrum von Ostberlin, zum Palasthotel. Im dortigen Restaurant gab mir Mauersberger die Speisekarte, mit den Worten: "Bitte, was Sie wollen!" Auf meine Frage nach ihrer beruflichen Tätigkeit sagte Menzel: "Wir beschäftigen uns mit verschiedenen Problemen, BRD, internationale Fragen." Ich blieb vorsichtig und fragte, ob sie für das Institut für Internationale Politik und Wirtschaft im Berliner Osten tätig seien, Menzel verneinte. Doch meine Frage weckte sein Misstrauen: "Woher kennen Se 'n das?" Aus den Akten geht hervor, dass die beiden Offiziere auch die Frage klären sollten: "Handelte er im Auftrag feindlicher Stellen?"

Wer als Westdeutscher viel über die DDR wusste, war der Stasi als Spion verdächtig. Dass ich mich für die DDR interessierte, lag auch daran, dass mein Vater dort früher gelebt hatte.

Ohne das Reizwort "Stasi" zu verwenden, sagte ich: "Mir ist schon klar, dass Sie sich mit Sicherheitsfragen befassen." Da gab Menzel den Entrüsteten: "Wie kommen Sie denn darauf?"

Die Rollen waren verteilt. Menzel war der böse Agent, Mauersberger der gute. Er lächelte nachsichtig und sagte: "Wir müssen hier ja nicht so tun, als wären wir im Kindergarten und müssten jetzt vom Klapperstorch reden."

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