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Bücher Aparter Bildungsweg

Maurice Chevalter: »Mein glückliches Leben«. Deutsch von Johannes Piron. Desch; 212 Seiten; 24 Mark.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Die postum erscheinende deutsche Fassung dieser Memoiren ist mit Leim und Schere angefertigt worden. Der Übersetzer Johannes Piron hat Chevalier-Erinnerungen aus verschiedenen Jahren und verschiedenen Stils -- »Bravo Maurice!« und »Môme à Cheveux Blancs« -- beschnitten und in einen Band geklemmt.

Sensationell sind eigentlich nur die Altersangaben, die einen so aparten wie respektablen Bildungsweg markieren. Der Pariser Arbeiter- und Säufersohn Maurice, geboren 1888, schloß mit zehneinhalb die Schulzeit durch ein Examen ab, um sich einen Beruf zu suchen, und mit 13 sang er am Montmartre nachmittags vor Zuhältern. Er war 14, als er seine Mutter allein zu ernähren hatte, 19, als ihn die Gewalt seines Erfolgs den anderen Chansonniers entfremdete. Mit 45 las er in Hollywood sein erstes Buch, beraten vom gebildeten Freund Charles Boyer. Mit 58 fing er an, Museen und Kunstausstellungen zu genießen. Als Mann von 80 Jahren tingelte er um die Welt und entdeckte Simone de Beauvoir für sich.

Die fleißige Mutter Chevalier und die brillante Gönnerin Mistinguett nehmen bei Maurice Ehrenplätze ein, andere Gefährtinnen sind nur verschwommen und am Rande wahrnehmbar.

Maurice Chevalier hat das eigene Fortkommen mit Weisheiten von unterschiedlichem Gebrauchswert garniert. Er fand, »daß es mehr brave Menschen gibt als schlimme. Mehr naive als perverse«. Und er warnte -- wohl nicht zuletzt sich selbst -- vor Überanstrengung aus Geldgier oder Eitelkeit: »Was hat man davon, der reichste Tote auf dem Friedhof zu sein?«

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