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Apollos Raketen im Blumengarten

SPIEGEL-Redakteur Jürgen Hohmeyer über den Künstler Ian Hamilton Finlay und sein »Little Sparta«
Von Jürgen Hohmeyer
aus DER SPIEGEL 29/1989

Der Wind kommt von Norden.« Fröstelnd blickt Ian Hamilton Finlay über seine Gartenblütenpracht hinaus in grünes schottisches Weideland. Als dann gar Hagelschauer niederprasseln, hält er es auch für möglich, daß »morgen hier sechs Fuß hoch Schnee« liegen wird.

Dunkle Wolken über »Little Sparta«. So nämlich nennt, auf stolze Art bescheiden, Finlay sein 1,6-Hektar-Terrain, eine einsam gelegene Kultur-Oase, nebenbei eine ironische Spitze gegen die 40 Kilometer entfernte, oft als »Athen des Nordens« gepriesene Großstadt Edinburgh.

Wer nach Klein-Sparta will, der muß in das dünnbesiedelte, baumarme Hügelland der »Southern Uplands« fahren, er muß die Landstraße verlassen, einen holprigen Feldweg bergauf einschlagen und vielleicht mehrmals Kühe oder Schafe beiseite treiben, um Viehgatter zu öffnen, die sich wie Befestigungsgürtel um das Anwesen ziehen. Tut schließlich Grundherr Finlay, 64, ein freundlicher Gentleman in Strickjacke, Schlotterhose und Gummistiefeln, das letzte Tor auf, so tritt der Besucher in einen wahrhaft aparten Kunstbezirk.

Denn dieses Little Sparta, der Name läßt es ahnen, ist weitaus mehr als etwa ein bloßes Hobbygärtner-Idyll, in dem unter rauhem Himmel je nach Jahreszeit Ginster und Vergißmeinnicht, Lilien und Lupinen blühen. In über 20jähriger - und längst nicht abgeschlossener - Kunst-Bemühung hat Finlay ein verlassenes Bauerngehöft in eine bedeutungsvolle Wunderwelt wie aus Märchen, Mythos und Geschichte umgewandelt: Büsten und Pyramiden schimmern aus dem Gebüsch, Steine tragen eingravierte Namen und Sinnsprüche, an Teichufern stößt man auf Sonnenuhren und klassische Kapitelle, und in einst profane Stallgebäude sind, scheint es, antike Götter eingekehrt.

Wie im Moment übernatürlicher Metamorphose steht ein »Tempel von Philemon und Baucis« da. Dem rustikalen Mauerwerk ist mit entrindeten Baumstämmen eine Türrahmung vorgebaut, deren steinerne Elemente teils nur roh behauen, teils aber säuberlich geglättet sind. Vom schiefergrauen Dach blinken fünf Schindeln in metallischem Glanz herab. Kurz, es »wandelt das alte Gebäude, das selbst den Besitzern zu eng war, sich zum Tempel: Die Stützen aus Holz sind zu Säulen geworden, rotgelb zeigt sich das Dach, einst Stroh: Es schimmert von Golde«. So hat der römische Dichter Ovid die Dankesbezeugung der Götter an das fromme, gastfreundliche Greisenpaar Philemon und Baucis besungen.

Aber auf Little Sparta ruht nicht nur olympischer Segen. Es fallen auch, gleichsam aus anderen, fernen Gärten, tiefe Schatten in den sonderbar-heiligen Hain. Ganz unverständlich ist das wohl nur dessen Hüter.

Von seiner schottischen Exklave aus hat Finlay sich längst in der internationalen Kunstwelt einen Namen gemacht; zu vielen Ausstellungen wird er eingeladen. Documenta-Besucher konnten 1987 im Kasseler Auepark kaum die Reihe von Finlay-Guillotinen übersehen, die dort einen »Blick auf den Tempel« rahmten und auf deren Fallbeilen so schneidende Sentenzen standen wie das Robespierre-Wort »Die Herrschaft der Revolution ist die Diktatur der Freiheit gegen die Tyrannei«. Beim Frankfurter »Prospect« war in diesem Frühjahr von Finlay-Steinbrocken abzulesen: »Die gegenwärtige Ordnung ist die Unordnung der Zukunft«, darunter der Name des Robespierre-Gefolgsmanns Saint-Just. Des Künstlers Neigung zu griechisch-römischen Mythen geht mit Spezialinteressen an der Französischen Revolution einher.

Folglich konnte er auch als besonders qualifiziert erscheinen, ein Werk neuer Kunst zu den Zweihundertjahrfeiern des historischen Umsturzes beizutragen. Zumindest müssen das Berater der Regierung in Paris gemeint haben: Finlay wurde auserkoren, aus dem Platz jenes Versailler Gebäudes, in dem 1789 die Nationalversammlung die Erklärung der Menschenrechte beraten hatte, eine Gedenkstätte zu machen.

Unterstützt durch den französischen Gartenarchitekten Alexandre Chemetoff, konzipierte er einen »Jardin revolutionnaire« mit, unter anderem, dreierlei Pflanzungen als Symbolen für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Doch die Jubelfeiern des Pariser Bastillesturms sind letzte Woche vorübergegangen, ohne daß sich in Versailles ein Spaten für Finlays Projekt gerührt hätte. Den - noch nicht durch Vertrag bekräftigten - Auftrag hat der damalige Kulturminister im Frühjahr 1988 zurückgezogen. Denn in französischen Debatten war der Künstler als Nazisympathisant und Antisemit beschuldigt worden.

Er selbst weist solche Vorwürfe zurück. Bei Gericht in Paris freilich hat er, vorigen Monat, nur einen bescheidenen Teilsieg erstritten, der einer moralischen Niederlage gleichkommt: Ein jüdischer Kontrahent, der Zitate aus wütenden, an ihn adressierten Finlay-Briefen in öffentlichen Umlauf gebracht hatte, muß eine symbolische Schadenersatzzahlung von einem Franc leisten. Doch die Ausfälle des Künstlers wurden als »unerträglich« (Urteilstext), gegen ihn gerichtete Attacken als durch Meinungs- und Pressefreiheit gedeckt oder sonst juristisch nicht greifbar eingestuft.

Die Affäre hat Finlay und sein Little Sparta schwer getroffen. Denn die Beschäftigung mit dem Prozeß, aber auch mit einem Wust von Korrespondenz, von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln hat nicht allein Finlays Energien bis aufs äußerste strapaziert, sondern außerdem und vor allem seine Frau Sue, die Mitarbeiterin und Mitstreiterin seit je, schließlich so »krank gemacht«, daß sie »nicht mehr sie selbst« war und ihn verließ.

Der Gefährtin folgen konnte der allein gebliebene Philemon nicht. Ein psychisches Leiden, Agoraphobie, hindert ihn seit vielen Jahren mit Panikgefühlen am Reisen. Seine regelmäßigen Kontakte zur Außenwelt beschränken sich auf das Telephon und den Briefträger, der täglich vorbeikommt und auch Bestellzettel für Einkäufe ins nächste Dorf hinunternimmt. Gewiß liefert die unfreiwillige Abgeschiedenheit ein Stück Erklärung für manche Eigenheit von Finlays Arbeit und Gedankenwelt und zugleich dafür, wie sehr die Reaktion mancher Betrachter ihn erstaunt.

Er selbst traut sich gerade bis zum nächsten Hügel aus seinem Garten heraus. Die fernen Schauplätze seiner Kunstideen, von Kassel bis Versailles, von dem verwunschenen Skulpturenpark Kerguehennec in der Bretagne bis zum Pazifikstrand im kalifornischen San Diego, kennt er nur durch Pläne und Photographien. Er sträubt sich, Little Sparta als sein Hauptwerk gelten zu lassen, aber wahr bleibt doch: So vielfältig, so konzentriert und so authentisch wie hier sind die Eingebungen dieses Künstlers sonst nirgendwo anzuschauen.

1966 sind die Finlays in das Haus (offizieller Name: Stonypath) eingezogen, eine Gabe von Sues Vater an das mittellose Paar, das ein Baby versorgen mußte und nun, anders als im vorigen Domizil, immerhin fließendes Wasser vorfand. Ian Hamilton hatte nach seinem Kriegsdienst Schafe gehütet und Landarbeit getan, er hatte Kurzgeschichten und typographisch-wortspielerische Beispiele von »konkreter Poesie« veröffentlicht und auch schon daran gedacht, Texte in bestimmte Schauplätze einzufügen. Aber um Stonypath war brennesselüberwuchertes Ödland.

Eines frühen Tages, so erinnert Finlay sich, stand er im Freien, »und das Gefühl des Gartens kam auf mich herab wie eine Wolke«. Das war eine unglaubwürdige, nicht gleich begreifbare Vision. Er brauchte Zeit für den Entschluß, sie mit dem Spaten dem Boden »einarbeiten« zu wollen. Dann grub er Tag für Tag und hob den »Tempelteich« aus, der nun die idyllische Mitte des Gartens bildet.

Es ist ein Garten aus dem Geist historischer Vorbilder geworden, italienischer des 16. und englischer des 18. Jahrhunderts - ein Labyrinth mannigfacher Form- und Sinnbezüge hin und her. Die Renaissance-Erfindung des »Emblems« oder der »Impresa« spielt herein, die Bildelemente geheimnisvoll mit knappen Inschriften koppelte und die Finlay als den eigenen konkret-poetischen Versuchen verwandt empfindet. Auch taucht immer wieder die Fiktion auf, die ganze Inszenierung spiele eigentlich auf See.

So intoniert ein in einen Stamm geschnittener Kurztext den Gleichklang von Borke und Barke ("bark« - »barque"). Eine Muschelform wird, mit dem deutschen Wort, zum »Schiff« erklärt. Und ein Bodenmosaik läßt blaue Lettern, aus denen auch eine lateinische Nackte ("nuda") herausgelesen werden kann, schließlich zur Welle ("unda") werden.

Fragt man Finlay indes nach der Zentralidee von Little Sparta, ja seiner Arbeit überhaupt, so kommt er auf die »Ehrfurcht« ("reverence") zu sprechen, ein von ihm in der heutigen Gesellschaft bitter vermißtes Gefühl. Sein Garten soll ein Vorposten gegen die »völlige Säkularisation« der westlichen Welt sein, einer Welt, in der man etwa das Wort »Schönheit« nicht mehr aussprechen kann, ohne schief angeschaut zu werden. In dieser Meinung stiftet Finlay auch zum Dialog zwischen Geist und Natur an.

Dem frommen Romantikergemüt Caspar David Friedrich ist eine Gedenkpyramide im Grünen errichtet. Aus manschettenartigen Säulenbasen wachsen richtige Bäume. Die Signatur des heroischen Landschafters Claude Lorrain ist, auf einer Bachbrücke, kapital ins Freie gesetzt, und das Dürer-Monogramm in einer Bodenplatte markiert ein ganz reales »Großes Rasenstück«. Es scheint, als sollte gemalte Vegetation demonstrativ an das organische Leben zurückerstattet werden.

Huldigung, Frieden, Harmonie. Aber: »Et in Arcadia ego.« So liest es der Little-Sparta-Besucher auf einem steinernen Pflanzkübel im Gebüsch, und es ist niemand anders als der Tod, der da spricht: »Auch in Arkadien (herrsche) ich.« Finlay führt die später elegisch bis schwärmerisch verfälschte Devise auf ihren ursprünglich-barocken Sinn, den eines Memento mori, zurück.

Als Bild- und Textquelle dient ihm ein Gemälde des Italieners Guercino: Hirten finden unter Bäumen einen gemauerten Altar mit der lateinischen Inschrift und einem übergroßen Schädel. Aber Finlay hat das Motiv zeitnäher abgewandelt und den Altar durch einen - nachlässig getarnten - Panzer ersetzt. Es ist, sehr leicht zur Panik des Beschauers, der Orden unter dem Totenkopf, der hier nach Little Sparta einfährt. Es ist wahrhaftig die SS.

Deren Runen-Signet hat Finlay auch schon, in typographischen Demonstrationen, schrittweise aus einem »ff« entwickelt; die Hälfte, ein einzelner Zackenblitz, bekrönt in Little Sparta den Eingangsbogen zu einem bunkerähnlichen Unterstand. Er ist da allerdings mit den Buchstaben »A« und »D« garniert, den Initialen des mythischen Paares Äneas und Dido. Im Inneren stehen die Büsten der Liebenden.

Der Raum nämlich stellt jene Höhle dar, in der Äneas und Dido, dem Epos von Vergil zufolge, bei Gewitter zusammenfanden. »Die Blitze flammten dem Bund«, aber das Glück war ohne Dauer; denn der Held hatte den erhabenen Auftrag, Rom zu gründen. Das in erster Linie ist gemeint, und Finlay legt Wert auf den Hinweis, daß ähnliche Blitzzeichen wie seines anstandslos für Wetterkarten verwendet werden.

Da er sich aber »das Recht, komplex zu sein«, herausnimmt, will er als ganz »leises Echo« ruhig auch den Gedanken an die SS anklingen lassen, wobei er nach gängigem Beschwichtigungsmuster den Unterschied macht, es handele sich natürlich um die Waffen-SS. Soll der erschreckte Betrachter die Nazitruppe nun mit der gewittrigen Naturgewalt in Verbindung bringen oder am Ende doch mit der Selbstdisziplin des Äneas?

So weit, so befremdlich. Die sinistren Zeichen summieren sich, auch wenn sie im weiten Gartengelände von Little Sparta sehr vereinzelt wirken. Ein konservativer Geist, dem bei aller Belesenheit viel historische Erfahrung entgangen zu sein scheint, spricht sich in heiklen Symbolen aus. Warum es gerade diese sein müssen, ist mit letzter Klarheit aus Finlay nicht herauszubringen.

Und Embleme militärischer Macht sind, keineswegs unbeabsichtigt, vielfach anzutreffen. Finlay will sich nicht dem »Tabu« unterwerfen, Waffen nur als Synonyme für Militarismus und Faschismus zu betrachten. Er setzt sie ungeniert-mehrdeutig für seine künstlerischen Kämpfe ein.

Apollo, der Gott mit Leier und Bogen, ist sein Mann. Finlay modernisiert ihn gern, indem er seinem Standbild statt des veralteten Geräts eine Maschinenpistole in die Hand drückt. Und ein Tempel für Apollo, mit wunderschön aufgemalten Pilastern an der Fassade, ist laut Inschrift zugleich seiner Musik, seinen Musen sowie seinen Geschossen ("his missiles") gewidmet, die auch Raketen sein können.

Als nördlich-»hyperboreische« Wiedergeburt dieses »fernhintreffenden« Gottes figuriert bei Finlay der französische Revolutionär Saint-Just, von dem begeisterten Historiker Jules Michelet »Erzengel des Todes« genannt. Finlay pflichtet ihm und Robespierre darin bei, daß die »Vision einer guten Gesellschaft« religiöse Züge, so etwas wie den Kult des »Höchsten Wesens«, nötig habe. Goldschimmernd erhebt sich das berühmt schöne Haupt Saint-Justs, die Schrift »Apollon Terroriste« an der Stirn, aus Grün und Blumen.

Und die Worte von der »Unordnung der Zukunft« auf ihren Steinplatten, die englischsprachige Version der in Frankfurt gezeigten Arbeit, scheinen wie Flöße hinauszutreiben in den See »Lochan Eck« oder in die offene Landschaft. Auf die Frage, ob das Zitat verbürgt sei, gibt Adept Finlay allerdings mit sanftem Lächeln zu verstehen, das möge »ein Geheimnis« bleiben. Auch Sprüche der Pythagoreer würden stets dem Meister selbst zugeschrieben.

Ironie ist, nicht zu überhören, mit im Spiel um Little Sparta. Kleine Flugzeugträger-Skulpturen beispielsweise bieten, winters als Futterplätze für Kleinvögel genutzt, zugleich eine Parodie der kriegerischen Aktion. Es ist, sagt Finlay, »als ob man einen Militärmarsch auf der Spielzeugtrompete bliese«.

Fast nach Art eines Indianerspiels trug Finlay 1983 den »Krieg von Little Sparta« aus. Ernst gemeinter Hintergrund: Der Künstler hatte den (Apollo-)"Gartentempel« seiner Weihebestimmung übergeben - ein Schau-Gebäude, in dem heute bodenschonende Filzpantoffeln für Besucher bereitstehen und in denen Gips-Götter rote Fäden um den Hals tragen; mit diesem Zeichen trauerten hinterbliebene Franzosen um guillotinierte Angehörige, und so beklagt nun Finlay den Tod der Götter. Für religiöse Gebäude gleich welcher Konfession jedoch, erklärte er, sei nach britischem Gesetz keine Grundsteuer zu zahlen, also auch für dieses nicht.

Die Behörde sah das anders und schickte den Gerichtsvollzieher, Finlay bot eine Sympathisantenschar als »Saint-Just-Sicherheitsausschuß« auf. Drei gepfändete Baumnymphen-Skulpturen wurden in ein nahes Wäldchen gerettet, der Traktor eines Nachbarn blockierte das Dienstfahrzeug des Sheriffs, der gesuchte Künstler verbarg sich unterm Dach und forderte, schließlich entdeckt, das Eingreifen der Uno. Der Steuerstreit ist seither unentschieden, und noch immer trägt Finlay das rote »Sicherheitsausschuß«-Abzeichen mit der Devise »Zu viele Gesetze, zu wenig Beispiele« stolz am Revers. Eine Tafel an der Zufahrt gedenkt der geschlagenen »Schlacht«.

Voller Ernst wurde es dann bei dem Streit um Finlays Entwurf für Versailles. Nicht der allerdings stand eigentlich zur Debatte, es ging um andere Werke und die Person des Künstlers. Ersten Anstoß hatte 1987, in einer Pariser Ausstellung, ein Marmorblock mit der Inschrift »Osso« (italienisch: Knochen) erregt, der das ominöse SS-Signet enthielt. Zusätzlicher Zündstoff kam aus internen Differenzen zutage.

Finlay, ein Mann der Konzepte, zeichnet, modelliert und meißelt nicht eigenhändig, sondern läßt bei fähigen Kunsthandwerkern arbeiten; die Gehilfen werden in Büchern und Katalogen aufgeführt. Der Kanadier Jonathan Hirschfeld, der einige Revolutionärs-Büsten geliefert hatte, fand diese Praxis nachträglich allzu ruhmlos. In brieflichem Streit mit ihm erlaubte Finlay sich antisemitische Töne und Untertöne, die er jetzt als harmlos zu interpretieren sucht.

Sehr wohl hätte man längst, auch lange vor der Projektvereinbarung für Versailles, die Schlüssigkeit von Finlays Zeichensystem der Macht kritisch diskutieren können. Nicht nur die SS-Runen spielen da ihre fatale Rolle. »Terror« und »Tugend«, Guillotine und Säulenordnung erscheinen buchstäblich als zwei Seiten einer Medaille. Die Raketen des Apollo werden gleichsam in eine schöne, ungreifbare Stilisierung entrückt.

Melancholisch geht Finlay nun durch sein schönes, bildungsgesättigtes, problematisches Little Sparta und sieht schon im Juli »Herbst, nicht Sommer« am fernen Horizont.

In eine Steinplatte am Teichufer sind, in englischer Übersetzung, die Anfangszeilen des Hölderlin-Gedichts »Hälfte des Lebens« eingemeißelt ("Mit gelben Birnen hänget und voll mit wilden Rosen das Land in den See"). Die Heckenrose nebenan steht gut im Wuchs, aber damit hat der Einklang von Poesie und schottischer Gartenwirklichkeit ein Ende. »Birnen«, sagt der Kunst-Pflanzer, und es klingt fast entschuldigend, »Birnen gedeihen hier nicht.«

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