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Autoren »Apostel der Unzucht«

aus DER SPIEGEL 32/1996

Was für ein Start. Gleich für sein erstes Buch erhielt er in den USA den »National Book Award«. Das war 1960, das Werk hieß »Goodbye, Columbus«. Und der junge Autor, Philip Roth, war gerade 27 Jahre alt.

Für seinen neuesten Roman »Sabbaths Theater« hat Roth, 63, die begehrte Auszeichnung noch einmal bekommen**. »Ich habe ein boshaftes Buch geschrieben und fühle mich makellos wie ein Lamm«, schrieb er - Herman Melville zitierend - in der Grußadresse zur Preisübergabe, an der er nicht teilnahm. Roth meidet die Öffentlichkeit, und zur Zeit schweigt er konsequent.

Ein boshaftes Buch? Das ist noch untertrieben. Von allen Romanen Roths ist dieser mit Abstand der garstigste. Auch wenn der Schriftsteller in die Jahre gekommen ist: Er versteht es immer noch, eins draufzugeben.

Nie zuvor war einer seiner Romanhelden so abscheulich, so abstoßend wie dieser Morris »Mickey« Sabbath, ein fetter alter Kerl, der einst zur See fuhr, sich in Bordellen herumtrieb, in New York als Straßenkünstler sein Dasein fristete, später als Dozent wegen »sexual harassment« vom College flog, der seine erste Frau aus den Augen, seine zweite an den Alkohol verlor, der seine Geliebte lüstern in die Arme anderer Männer trieb - und sich nun verzweifelt, aber immer noch erregt auf ihr Grab schmeißt. »Ficken« ist sein Lieblingswort: Er sagt es gern, er hört es gern, er tut es gern.

Mit Philip Roth drängt in diesem Herbst noch einmal die alte Garde der US-Autoren auf den deutschen Buchmarkt, jene Schriftsteller, die in den fünfziger Jahren ihre Karriere begannen und mit Vorliebe eines in der Literatur hoffähig machten: Sex. Neben Roth sind das John Updike, 64, und Harold Brodkey, der Anfang dieses Jahres im Alter von 65 gestorben ist, vor allem aber zwei experimentierfreudige Autoren, die in Deutschland bisher kaum wahrgenommen wurden und von denen nun voluminöse und anspruchsvolle Romane erscheinen: William Gaddis, 73, und Gilbert Sorrentino, 67*.

Die Provokateure von einst zeigen noch einmal, was sie können. Und gern wird der literarische Aufbruch von damals thematisiert: melancholische Rückblicke - wie auch schon Updikes Roman »Brasilien« (1994), der prompt als »Altherrenprosa« mißverstanden wurde, oder jenes Alterswerk von Joseph Heller, 73, das den entsprechenden Abschiedstitel gleich mitlieferte: »Endzeit« (1994).

Auch »Sabbaths Theater« durchweht unverkennbar eine Abschiedsstimmung, doch keine altersmilde, sondern eine provozierende und bärbeißige. Roth gibt keine Ruhe - und auch sein Held mag nicht lassen von den Provokationen, mit denen er einst für Unruhe sorgte.

Damals, in den fünfziger Jahren, als alles anfing, stand Sabbath als junger Mann vor der New Yorker Columbia-Universität, Ecke 116. Straße und Broadway - ein Puppenspieler mit der Spezialität »Vorführungen mit den Fingern«. Bis es zum Prozeß kam. Mit seinem »Unzüchtigen Theater« provozierte er vor allem das weibliche Publikum und brachte die Leute zum Lachen - und eine verwegene junge Frau gar dazu, sich öffentlich die Bluse aufknöpfen zu lassen und später, vor Gericht, Sabbaths Zudringlichkeit noch zu rechtfertigen.

Sabbath ist mittlerweile 64, ein Hurenbock noch immer, ein Freund der lockeren Rede und stolz wie ein Kind auf den anhaltend aufragenden Mittelpunkt seines Lebens. Auch wenn er jetzt feststellen muß: »Der Schwanz wird nicht mit Garantie auf Lebenszeit geliefert.«

Sabbath hat Übergewicht, arthritische Finger und Probleme mit der Prostata. Seine Geliebte ist tot, elendig an Krebs gestorben, seine Ehe hat er platzen lassen und damit Auskommen und Unterkunft aufs Spiel gesetzt. Und ein Freund aus der guten alten Zeit hat gerade Selbstmord begangen.

Da läuft Sabbath 1994 durch New York, die Stadt, die er vor 30 Jahren verlassen hat. Ein Ungetüm schleppt sich, auf dem Weg zur Beerdigung des Freundes, zum U-Bahnsteig hinab: zerzaust, in alten Klamotten, mit Vollbart und langen Haaren. Ein schmutziger alter Mann, von den Bettlern hier kaum zu unterscheiden (übrigens hat sich Roth durch das Gemälde »Matrose und Mädchen« von Otto Dix, das auch den Buchumschlag ziert, zu dieser Figur anregen lassen).

Seine Dozentenstelle hat Sabbath vor fünf Jahren verloren, weil eine seiner Studentinnen den Tonbandmitschnitt vom gemeinsamen Telefonsex auf der Damentoilette liegenließ: ob aus Versehen, wie sie beteuert, oder mit Bedacht - wer weiß das schon?

Sabbath jedenfalls kann das alles nicht verstehen. Was für Zeiten! Die Tatsache, daß das Mädchen alles aufzeichnete, beeindruckt ihn nicht (das hat er ebenfalls heimlich getan: für seine umfangreiche Sammlung erotischer Reliquien). Doch daß er deswegen die Hochschule verlassen mußte und der Mitschnitt - von einem rasch gegründeten Frauenkomitee als Warnung gedacht - über eine öffentliche Leitung abzuhören war: nicht schön.

Sabbath irrt durch eine ihm fremd gewordene Welt und eine Stadt, die er kaum wiedererkennt. »New York war völlig aus dem Gleis geraten, eine Stadt, in der außer der U-Bahn nichts mehr unterirdisch war.«

Hier, in der New Yorker U-Bahn, wird er jedenfalls wie ein Aussätziger behandelt, wie ein Verlierer und Penner - und weil ihm die Worte König Lears ("Ich bitt'' Euch, vergeßt, vergebt, denn ich bin alt und kindisch") einfallen, jene Rolle, die er einst in einem Kellertheater spielte, erhält er prompt ein paar Dollar von den Passanten.

Sabbath entpuppt sich als widerlicher Alter, halb Lear, halb Falstaff, unbelehrbar und geil. Dabei hält er sich für charmant. Nach der Beerdigung versucht er gar, mit der Frau eines anderen alten Freundes anzubandeln, der ihm für die Zeit hier ein Zimmer gegeben hat, das der abwesenden Tochter. Auch in den Schränken des Mädchens wühlt Sabbath hemmungslos herum, sucht intime Notizen, Polaroid-Fotos und Unterwäsche - Scham und Diskretion sind ihm fremd, und in ihrem Bett träumt er von neuen Eroberungen.

Die Verblendung geht so weit, daß Sabbath - perfekte erzählerische Ironie und Dramaturgie - nicht mal einen Irrtum bemerkt: Statt mit der Ehefrau unter dem Eßtisch zu füßeln, berührt er die Füße seines Gastgebers. Der freilich stellt ihn erst zur Rede, als sich in Sabbaths Hosentasche ein Slip der Tochter findet. Entnervt fragt der Freund, ob es nicht langweilig sei, »1994 noch die Rolle des rebellischen Helden zu spielen«? Es sei doch wohl ein Anachronismus, heute noch Sex als Rebellion zu betrachten:

Da läufst du mit diesem Bart herum und predigst die Tugenden des Fetischismus und Voyeurismus. Da läufst du mit diesem Bauch herum und kämpfst für Pornographie und deinen Schwanz. Was für ein jämmerlicher, altmodischer Spinner du bist, Mickey Sabbath... Da geht das blutigste aller Jahrhunderte seinem Ende zu, und du hast Tag und Nacht nichts anderes im Kopf, als erotische Skandale zu produzieren.

Als »stinkendes Aas« und »Antiquität aus den fünfziger Jahren« bezeichnet ihn der Freund, der es - anders als Sabbath - zu etwas gebracht hat im Leben. Und der Familienvater wirft Sabbath an den Kopf: »Das ungeheure Ausmaß deiner Isolation ist erschreckend.«

Auf welcher Seite steht Roth? Verdammt der Autor hier womöglich die Produkte seiner literarischen Phantasie von ehedem? Die Frage drängt sich auf, doch sie wird nie beantwortet. Roth spielt mit ihr - und mit dem Leser. Schon in seinem Roman »Gegenleben« (1987) sagt der Held: »Ich bin ein Theater, und nichts weiter als ein Theater.«

Das ganze Theaterspiel und der erotische Eifer seiner Figuren mögen den Autor mitunter selbst befremden, doch ganz gewiß hält Roth nichts vom politisch korrekt erhobenen Zeigefinger, von zensierenden Frauenkomitees und sonstigen Sittenwächtern, wie sie gerade in den USA merkwürdige Blüten treiben.

Sabbaths Blick auf seinen Freund, der ihn aus der Wohnung wirft, fällt denn auch entsprechend sarkastisch aus: »Er hatte sich zu jenem beeindruckenden amerikanischen Etwas, dem nice guy, gestylt ... Was kann Amerika mehr von seinen Juden verlangen?«

Und doch - in bewährter Tradition des Rothschen Dauerdialogs mit sich selbst - steht die Frage im Raum: Was eigentlich bringen die Gefechte und Provokationen von gestern? Mit dem Roman »Portnoys Beschwerden« (1969), der fulminanten Sexbeichte des mutterfixierten Juden Alexander Portnoy, war Philip Roth einst berühmt und reich geworden. Und all die Figuren, die noch folgen sollten, die jüdischen Professoren, Schriftsteller und Zahnärzte - sie alle wurden, seziert bis auf ihren erbärmlichen Grund, als notorische Schwätzer vorgeführt: selbst und gerade beim Sex, von dem sie nicht lassen können.

Aber wen kann Obszönes heute noch schocken? Gibt es am Ende dieses Jahrhunderts, in den Zeiten der Sexvideos, für einen Romancier wirklich nichts Wichtigeres zu tun, als sich um Potenz und Prostata seiner Helden zu sorgen?

Die Rothsche Selbstbezichtigung, ein selbstkritischer Blick auf das eigene Werk, wird deutlich genug - doch der Autor läßt eben auch, in Sabbaths Worten, die Gegenposition zu:

Und allen, die sich jemals über ihn aufgeregt hatten, den Entsetzten, die ihn als gefährlich bezeichnet hatten, als widerlich, entartet und obszön, ihnen allen rief er jetzt zu: »Gar nicht wahr! Mein Versagen besteht darin, daß ich nicht weit genug gegangen bin! Daß ich nicht noch viel weiter gegangen bin!«

Nicht zufällig und wie zum Trotz macht Roth gerade diesen »Apostel der Unzucht« zum Helden eines seiner umfangreichsten und vitalsten Romane. Jede Menge Obszönes - und wahrhaft Abschreckendes - enthält dieses Buch, darunter auch die ausführliche Wiedergabe jenes Telefongesprächs, das Sabbath mit seiner Studentin bis zum beiderseitigen Orgasmus zelebrierte (wozu andere, wie Nicholson Baker mit »Vox«, ein ganzes Buch brauchen, das erledigt Roth in einer über 19 Seiten laufenden Fußnote).

Sabbath ist einer, dem im Leben alles entgleitet, dem immer schon alles entglitten ist, das ewige Kind, der unangepaßte Lüstling, der nun, als alter Mann, erkennen muß: »Der Abend senkt sich herab, und Sex, unser großartigster Luxus, entflieht mit Riesenschritten, alles entflieht mit Riesenschritten, und man wundert sich über die Torheit, mit der man auch nur auf einen einzigen richtig schmutzigen Fick hat verzichten können.«

Das gibt ihm eine tragische Dimension: Die Trauer über verpaßte sexuelle Gelegenheiten ist seine Art, sich vom Leben zu verabschieden. Ganz ähnlich war schon John Updikes legendärer Held Rabbit im letzten Band der Romantetralogie ("Rabbit in Ruhe") dahingegangen, der kurz vor seinem Tod »mit Sicherheit« weiß: »Wenn er Teile seines Lebens wieder hergeben müßte, das letzte, das er hergäbe, wäre das Ficken.«

Von New York aus geistert Sabbath mit dem Auto übers Land. Aus dem Nachtschränkchen seiner Gastgeberin hat er noch schnell einen Batzen Geld und ein paar private Pornofotos mitgehen lassen. Er besucht den alten Judenfriedhof, auf dem seine Vorfahren und Verwandten begraben liegen. Auch die »Überreste der ersten Juden hier im Küstengebiet« sind - »falls überhaupt« - an dieser Stelle zu finden.

Sabbath möchte sich eine Grabstätte kaufen, in der Nähe von der seiner Eltern und seines Bruders. Das erweist sich als schwierig: Der alte Friedhof ist zu klein geworden für all die Toten. Nur mit massivem Einsatz des geklauten Geldes gelingt es, am Ende doch noch ein Fleckchen für jene »lange« Zeit zu ergattern, die er zwar unter der Erde, doch wieder in der Nähe seiner Familie verbringen wird.

Sabbaths verlorene Seelen: Da ist der fünf Jahre ältere Bruder, der 1944 als 20jähriger Pilot einer B-25 über dem Pazifik abgeschossen wurde. Da ist die Mutter, die daraufhin nur noch vor sich hin dämmerte, mehrere Jahrzehnte lang. Da ist seine erste Frau Nikki, die einfach verschwunden ist (manchmal bildet er sich ein, sie umgebracht zu haben). Da ist Drenka, die »dunkle, italienisch wirkende Kroatin«, seine Geliebte, die kurz vor ihrem Krebstod forderte: »Schwöre, daß du keine anderen mehr fickst, oder es ist Schluß« (dabei war sie es, die mit Billigung ihres Geliebten auch andere Männer hatte und ihm ausführlich davon berichtete).

Immer wieder unterläuft Roth mit rüden Sprüchen alle Sentimentalität. Der Roman nämlich mündet fast konventionell ein in Sabbaths Suche nach dem Verlorenen: nach der Kinderzeit, den Stätten der Jugend, dem Geruch der Straßen und Geschäfte, den Menschen von damals - Motive werden am Ende zusammengeführt, die von den ersten Seiten an unscheinbar mitgelaufen sind. Der Kreis schließt sich schon fast zu kunstvoll.

Doch bevor sich Mitleid einstellen kann mit diesem Sabbath, dem Verlorensten auf Gottes Erdenrund, endet der Roman abrupt in einer grellen Schlußszene, am Grab von Drenka:

Mickey Sabbath, die Kippa auf dem Kopf, eingewickelt in die US-Flagge, uriniert, nein: pißt auf die heilige Friedhofserde - wirr von all den Erinnerungen an erotische Ausschweifungen und in der vergeblichen Hoffnung auf irgendeine Erlösung.

»Er war bloß ein Mann, der häßlich, alt und verbittert geworden war, einer von Milliarden« - so spricht Sabbath über Sabbath. Doch Sabbath ist nicht Roth. Der triumphiert noch einmal mit einem grandiosen Roman: fürchterlich, unverfroren und unwiderstehlich. Und natürlich täuscht sich Sabbath: Er ist zu einem unsterblichen Helden der Literatur geworden.

Da läufst du mit diesem Bart herum und predigst die Tugenden

des Fetischismus und Voyeurismus. Da läufst du mit diesem Bauch

herum und kämpfst für Pornographie und deinen Schwanz. Was für

ein jämmerlicher, altmodischer Spinner du bist, Mickey Sabbath...

Da geht das blutigste aller Jahrhunderte seinem Ende zu, und du

hast Tag und Nacht nichts anderes im Kopf, als erotische Skandale

zu produzieren.

Und allen, die sich jemals über ihn aufgeregt hatten, den

Entsetzten, die ihn als gefährlich bezeichnet hatten, als

widerlich, entartet und obszön, ihnen allen rief er jetzt zu:

»Gar nicht wahr! Mein Versagen besteht darin, daß ich nicht weit

genug gegangen bin! Daß ich nicht noch viel weiter gegangen bin!«

* Auf dem Balkon seines Apartments in New York.** Philip Roth: »Sabbaths Theater«. Aus dem Amerikanischenvon Werner Schmitz. Hanser Verlag, München; 496 Seiten; 49,80Mark.* Angekündigt sind John Updikes Erzählungsband »Der Mann, derins Sopranfach wechselte« (Rowohlt; 320 Seiten; 42 Mark), HaroldBrodkeys Aids-Tagebuch »Die Geschichte meines Todes« (Rowohlt;192 Seiten; 34 Mark), William Gaddis'' Romane »J R"(Zweitausendeins; 1040 Seiten; 59 Mark) und »Letzte Instanz"(Rowohlt; 720 Seiten; 54 Mark) sowie Gilbert Sorrentinos Roman"Mulligan Stew« (Maro; ca. 800 Seiten; ca. 64 Mark).

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