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Appellantin: Ida Wüst

aus DER SPIEGEL 39/1947

Meharban Singh Dhupia, Special Representative der Zeitung »The Khalsa« in New Delhi, interessierte sich für die Entnazifizierung in Deutschland. Der Inder mit den schwarzmelierten glänzenden Locken unter dem malerisch geschlungenen gelben Turban ließ sich von Olof Starkenberg, dem Deutschland-Korrespondenten von »Expressen« in Stockholm, in eine Verhandlung einfühlen.

Es war eine Verhandlung vor der Berliner - Entnazifizierungskommission für Kunstschaffende. Appellantin: Ida Wüst.

Sie trug ein schwarzseidenes, hellgemustertes Kleid mit Spitzenkragen und Spitzenmanschettchen, ein hutähnliches Gebildes mit roten Blüten und verwegenem Schleier auf dem blaßblondgefärbten Haar.

Mit »Grüß Gott« begrüßt sie im Vorzimmer die Presseleute. Durch ihren Berater, Herrn Alfred Kriehn, ließ sie Exposés von fünf Schreibmaschienseiten verteilen. Herr Kriehn hatte einen Koffer, vollgepfropft mit Akten, zu tragen. Eine besorgt blickende Krankenschwester mit Häubchen und Riechfläschchen und einige Verwandte gehörten noch zur Begleitung.

Parteigenossin war Ida Wüst nicht, aber Präsidentin der Künstler-Altershilfe mit einer Halbmillion-Spende von Göring und dicken Beziehungen zu Kultur-Hinkel. Die Kommission sprach von pronazistischem Verhalten. Ida Wüst setzte eine grüne Brille auf und protestierte. Sie habe sogar Juden unterstützt.

Dann lag der »Völkische Beobachter« vom 11.4.1934 auf dem Tisch. Darin war von Ida Wüst die Rede, »wie sie keiner kennt": »Ich bin von ganzem Herzen Nationalsozialistin«. Das sei von der Reporterin dazu gedichtet worden, die Presse sei ja so, sagte Frau Wüst,

Von 1938 stammte ein Vierzeiler zum »Anschluß Oesterreichs: »Der Welt zum Trutz, Großdeutschland zum Nutz«, uns allen zur Wehr, unserem Führer zur Ehr' Dein Ja.« Ida Wüst hatte es unter ein Starfoto geschrieben. Etwas impertinent: »"Ich bin nicht die einzige, die so etwas geschrieben hat. Sonst wären die Nazis nicht so fett geworden. Pech, daß man das bei mir entdeckt.«

Im übrigen gehöre sie zu den Verfolgten des Nazi-Regimes. Empört fuhr sie herum, als im Zuhörerraum gelacht wurde: »Sie dürfen nicht lachen!«

Sie bekam einmal anonyme Briefe und sah das als Verfolgung an. Die Kommission wünschte die Briefe zu sehen; Herr Kriehn suchte sie in den Aktenstößen, und ihre Harmlosigkeit stellte sich heraus.

Dann würde es dramatisch. Stefanie Ruschin, eine Schauspielerin, sagte ruhig aus: »Bei Walter Mehrings Mutter meines Gesangslehrerin, sah ich im Frühjahr 1933 einen Brief: »Sie dreckige Saujüdin. Sie wagen es, mir eine Rechnung zuzuschicken? Seien Sie froh, daß ich Sie nicht bei der Partei anzeige.« Unterschrift: Ida Wüst.«

Mit beiden Händen wild in der Luft herumfuchtelnd, fuhr die Appellantin von ihrem Sitz hoch, mit schrillem Schreikrampf: »Nein, nein, nein, das ist ja nicht wahr, das ist gelogen!« Mit Brachialgewalt und Riechfläschchen wurde sie beruhigt.

Pause. Einige Zuhörer wurden passant verdonnert, weil sie sich mitempört hatten. Bei der Vereidigung blieb Stefanie Ruschin fest.

Es war noch von Micklich die Rede; einem Gestapoagenten, mit dem Ida Wüst gut bekannt war. Sie schenkte ihre Ostereier. »Er war so ein guter Mensch.«

Fast sieben Stunden dauerte die Verhandlung. Ida Wüsts Ratlosigkeit stieg. Dann verkündete man: »Antrag abgelehnt.«

»Wollen Sie Berufung?« - »Natürlich«, fuhr sie heraus. Witzelnd schritt sie durch die Menge.

»Wie sie keiner kennt«

Ida Wüst, noch ohne Sonnenbrille

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