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SEX-FORSCHUNG Appetit verloren

Amerikanische Sexualforscher beobachten einen neuen Trend: die große Verweigerung im Bett.
aus DER SPIEGEL 20/1978

Mitten in der sogenannten sexuellen Revolution, notierte die New Yorker Reporterin Georgia Dullea, »scheut man sich fast zuzugeben, daß es so was gibt«. Aber es gibt ihn offenbar, den neuen Trend, zu dem sich mindestens schon die Amerikaner öffentlich bekennen: Befreiung nicht mehr zur, sondern von der Sexualität.

New Yorker Zeitungen, allen voran die »Village Voice«, und Debatten in Talk-Shows hatten zuerst publik gemacht, was im letzten Monat dann auf einer Tagung amerikanischer Sexual-Erzieher, -Berater und -Therapeuten in Washington zu einem Hauptthema geriet: Etwa so Prozent ihrer Patienten, so das Resümee der Beratungs-Praktiker. klagten neuerdings über »mangelnden Sextrieb«.

Jedoch: Nicht alle empfinden das als Mangel. Vielmehr wird ein -- zumindest zeitweiliger -- Hang zur »Asexuallität von vielen Betroffenen als willkommene Entspannung akzeptiert, womöglich als Antwort auf den übertriebenen sexuellen Leistungsdruck der frühen siebziger Jahre.

»Asexualität könnte die Welle der Zukunft sein«, schrieb Arthur Hell, Reporter der »Village Voice«. Bell zitierte zum Beispiel Stephen Rubell, den Chef der erfolgreichen New Yorker Super-Diskothek »Studio 54": Asexualität sei ein Kennzeichen von Leuten, die ganz in ihrer Arbeit aufgehen. Rubell: »Wenn ich 16 Stunden am Tag in diesem Laden hier bin, kann ich nicht auch noch »rumrennen und ans Bumsen denken.«

Auch aus den Super-Filmen und Broadway-Shows, so Bell, sei Sex so gut wie verschwunden: Nur noch Kumpel und gute Freunde bevölkern die neuen Hollywood-Hits wie »Krieg der Sterne« oder »Unheimliche Begegnung der dritten Art«.

Selbst den neugewählten New Yorker Bürgermeister Edward Koch verdächtigte Bell als Anhänger der neuen Richtung. Ein Sensationsreporter, der Koch während der Wahlkampfkampagne 14 Tage lang beobachtet hatte, war zu dem Schluß gekommen, daß Ed Koch »nichts tue aL wahlkämpfen und allein schlafen«.

»Immer mehr junge Menschen, Männer und Frauen zwischen Ende 20 und Mitte 30«, so bekundete auch Shirley Zussman, stellvertretende Direktorin der Sextherapeuten-Vereinigung« seien unter den Verweigerern zu finden. Freilich ist nicht vollends geklärt, ob tatsächlich die Sexlust nachgelassen hat, ober ob sich nur mehr Menschen als früher öffentlich dazu bekennen.

Daß eine »Zunahme von Menschen mit vermindertem sexuellem Interesse« zu beobachten sei, bekräftigte auch der Papst und Altmeister der amerikanischen Sextherapie« William Masters von der Reproductive Biology Research Foundation in St. Louis. Masters: »Aber wir hatten dasselbe bei Impotenz und Orgasmusstörungen -- wer hätte früher schon zugegeben, daß er unter so etwas leidet?«

Wann mangelnde Libido zu einem klinischen Problem wird, wissen die Forscher bislang nicht. Fest steht nur, daß während extremer Streß-Situationen, etwa Krieg, Bankrott oder Tod eines Partners, im Körper eines Menschen weniger Testosteron produziert wird -- jenes Sexualhormon, das die Libido steuert.

Die gegenwärtig offenbar verbreitete Lustlosigkeit aber hat häufig soziale Gründe. »All die Sex-Handbücher haben vollkommen unrealistische Maßstäbe für sexuelle Aktivität gesetzt«, sagt zum Beispiel Dr. Don Sloan vom New Yorker Medical College, »und den Leuten vergeht dann die Lust, weil sie fürchten, die angeblich hohe Norm nicht zu erreichen.«

So betrachtet, bedeutet die neue Sex-Muffelei für viele wohl sogar eine Flucht aus dem Bett. »Meine Ex-Frau würde es nicht glauben«, bekannte ein gerade geschiedener New Yorker Werbemanager, »aber ich habe seit vier Monaten nicht mehr mit einer Frau geschlafen.« Die Ehe war wegen angeblicher Triebschwäche der Frau gescheitert.

Schon seit zwei Jahren lebe sie im Zölibat, erklärte eine geschiedene New Yorker Schauspielerin -- und es sei ihr gar nicht schwergefallen. »Mein sexueller Appetit verschwand einfach, so als ob man aufhört zu trinken oder zu rauchen. Ich bin jetzt Vegetarierin.«

Daß es Frauen leichter falle, in der neuen »Subkultur der Keuschheit« zu verweilen, glauben die meisten Sexforscher: Durch die Frauenbewegung seien sie mutiger geworden, nein zu sagen, wenn sie dem Drängen der Männer auf Sex nicht nachgeben wollen.

Bei Männern, fand demgegenüber Sexualforscher Bernie Zilbergeld aus San Francisco, gelte die freiwillige Abstinenz eher noch als »ein bißchen merkwürdig«.

Andererseits, so betonte die Bestseller-Autorin Shere Hite ("Hite-Report"), sei im letzten Jahrzehnt auch auf die Frauen zunehmend sexueller Leistungsdruck ausgeübt worden. Autorin Hite: »Ich glaube, daß in den sechziger Jahren viele Leute mehr Sex ausübten, als sie in Wahrheit wollten. Es ist nur natürlich, wenn das Pendel jetzt zurückschwingt.«

Eine eher psychologische Erklärung versuchte die Sexforscherin Dr. Helen Singer Kaplan, Professorin für Psychiatrie am New Yorker Cornell Medical Center: »Für manche Leute ist Sex mit so vielen Ängsten und negativen Empfindungen verknüpft, daß sie sich wesentlich wohler fühlen dürften, wenn sie darauf verzichten.«

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