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Jesus-Forschung Arabische Version

Zwei israelische Gelehrte glauben, den echten Text des ersten heidnischen Jesus-Berichts, des sogenannten Testimonium Flavianum, entdeckt zu haben.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Aus Jerusalem kommen neue Nachrichten über Jesus -- genauer gesagt, über das erste nichtchristliche Dokument, das vom Leben und Wirken Jesu berichtet: das sogenannte Testimonium Flavianum. Zwei Jerusalemer Professoren -- Shlomo Pines und David Flusser -- bezweifeln die Echtheit der von antiken Christen überlieferten Fassung des Testimonium (was nicht neu ist), meinen aber, den echten Text des Jesus-Zeugnisses gefunden zu haben.

Autor des flavianischen Zeugnisses soll der romanisierte Jude Flavius Josephus gewesen sein, der etwa von 37 bis 100 lebte. Er war nacheinander Diplomat, Aufrührer, Soldat, kaiserlicher Höfling und Historiker.

Bis in das 16. Jahrhundert hinein galt das Testimonium als profanes Prunkstück der Jesus-Geschichte, denn es bezeugte (siebe Kasten), mit den Worten eines namhaften antiken Nichtchristen, daß

* Jesus der von den Propheten vorhergesagte Messias gewesen,

* von Pilatus auf Anklage der jüdischen Oberen zum Kreuzestod verurteilt worden, aber

* drei Tage nach seiner Hinrichtung wiederauferstanden sei.

Das flavianische Zeugnis wurde zuerst im vierten Jahrhundert erwähnt, von Eusebius von Cäsarea, einem Bischof, Kirchenpolitiker und -historiker. Er hatte es, angeblich, in einem Buch gefunden, das Josephus im Jahre 94 unter dem Titel »Jüdische Altertümer« geschrieben hatte.

Mehr als zwölf Jahrhunderte hindurch wurde die Echtheit des Testimonium nicht bestritten. Dann zogen Aufklärer es in Zweifel. Daß ein Nichtchrist Jesus als Messias anerkannt und an dessen leibliche Auferstehung geglaubt haben sollte, schien ihnen allzu dick aufgetragen. Ein Gelehrten-Krieg begann. »Selten hahen«, schrieb vor rund 40 Jahren Henry St. John Thackeray, »zehn Zeilen einen solchen Streit wie diesen verursacht«

Jetzt haben Shlomo Pines und David Flusser eine neue Runde des Testimoniumkrieges eröffnet: Pines veröffentlichte 1971 eine Schrift, die erst in diesem Februar außerhalb Israels bekanntgeworden ist (Titel: »Eine arabische Version des Testimonium Flavianum und ihre Implikationen"); Flusser kündigte vor einigen Wochen eine weitere Studie zum gleichen Thema an.

Beide Professoren sind überzeugt, daß das Testimonium, wie es durch Eusebius und durch (christliche) Nachschriften der »Jüdischen Altertümer« des Flavius Josephus überliefert worden ist, eine Fälschung darstellt. Beide glauben aber auch, daß in den »Altertümern« sehr wohl eine Passage über Jesus enthalten gewesen sei.

Pines sah sich zu dieser Hypothese ermutigt, als er in einem seit langem bekannten Geschichtswerk arabischer Sprache aus dem zehnten Jahrhundert auf eine Testimonium-Fassung stieß, die nicht mit dem Eusebius-Text übereinstimmt. Verfasser dieses Werks war der Bischof Agapius von Hierapolis in der heutigen Türkei.

Die von der Forschung bisher nicht beachtete Agapius-Fassung (siehe Kasten) unterscheidet sich von der eusebischen vor allem in drei Punkten: Sie

* zieht in Zweifel, daß Jesus der Messias war;

* bezweifelt auch Jesu Auferstehung und

* erwähnt nicht die Anklage der jüdischen Oberen bei Pilatus.

Die Agapius-Fassung hat den Vorzug, daß sie von einem Nichtchristen, wie es Flavius Josephus war, geschrieben sein könnte. Sie unterstellt nicht, daß Josephus an Messias-Würde und Auferstehung Jesu geglaubt habe. Andererseits aber wirft sie die Frage nach der Absicht auf, die Josephus mit der Erwähnung Jesu im Rahmen seines Werkes »Jüdische Altertümer« verbunden haben könnte.

Die wichtigste politische Erfahrung, die Josephus in seinem Leben gemacht hatte, war die der Unbesiegbarkeit Roms. Zu Beginn des Jüdisch-Römischen Krieges von 66 bis 70 hatte Josephus, damals 29 Jahre alt, als jüdischer Befehlshaber in Galiläa gegen die Römer gekämpft. Doch wurde er von Vespasian, dem späteren Kaiser, in der Festung Jotapata gefangengenommen und wechselte daraufhin die Partei. Fortan nannte er sich Flavius Josephus: nach der Familie der flavischen Kaiser.

In zwei großen Werken -- einem »Über den Jüdischen Krieg«, das er 74 schrieb, und in »Jüdische Altertümer« (94) -- suchte Josephus seine jüdischen Landsleute von der Unsinnigkeit msssianischer Aufstände gegen das imperiale Rom zu überzeugen.

Tatsächlich ist auch jene Passage der »Altertümer«, in der -- laut Eusebius -- der Jesus-Bericht gestanden haben soll, eine Aufzählung von antirömischen Aufständen und Tumulten, die, wie Josephus meinte, den Juden nur Unglück eingebracht hätten. In diese Tendenz der Passage aber paßt weder die eusebische Fassung des Testimonium noch die des Agapius.

In keiner der beiden Fassungen ist nämlich davon die Rede, daß Jesus ein Aufrührer gewesen sei und Tumulte verursacht habe. Vielmehr wird in beiden Fassungen die Güte und Weisheit Jesu hervorgehoben. Die naheliegende Frage, warum denn dann Pilatus überhaupt Jesus verurteilte, wird von der Agapius-Fassung gar nicht beantwortet von der eusebischen Fassung immerhin mit dem Hinweis auf die angebliche Anklage der jüdischen Oberen.

Immerhin mit Recht beruft sich Pines in seiner Schrift darauf, daß die Forschung seit langem Grund hat, eine vor-eusebische Fassung des Testimonium Flavianum anzunehmen. Einer der Hauptgründe: Rund 100 Jahre bevor Eusebius die jesusgläubige Fassung des Testimonium verfaßte, schrieb Kirchenvater Origenes (185 bis 254), Josephus habe nicht daran geglaubt, daß Jesus der Messias sei. Origenes hat also wahrscheinlich einen nicht-eusebischen, vermutlich sogar jesusfeindlichen Testimonium-Text gekannt.

Was immer die internationale Jesus-Forschung zu der Agapius-Fassung sagen wird -- auf jeden Fall hat der Fund von Professor Pines es wahrscheinlicher gemacht, daß es einen voreusebischen Text des Testimonium Flavianum gegeben hat. Professor Flusser will nun nachweisen, daß Bischof Eusebius der Fälscher war.

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