Margarete Stokowski

Debatte über Arbeitszeit Alle sind verzichtbar, selbst Männer

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wann immer es darum geht, Lohnarbeitszeit zugunsten von Familie oder Freizeit zu reduzieren, gibt es einen Aufschrei: Die Wirtschaft! Wie soll das funktionieren? Vielleicht schlicht besser als jetzt.
Männer bei der Büroarbeit: Von der App daran erinnert werden, mal einen Schluck Wasser zu trinken. Oder zu atmen

Männer bei der Büroarbeit: Von der App daran erinnert werden, mal einen Schluck Wasser zu trinken. Oder zu atmen

Foto: sesame / Digital Vision Vectors / Getty Images

Auf die Schweiz ist Verlass. Seit das wackere Bergvolk sich im Jahr 1990 den Luxus eines flächendeckenden Frauenwahlrechts gegönnt hat, ist es in Sachen Gleichberechtigung kaum noch aufzuhalten. Vergangenen Sonntag stimmten die Schweizerinnen und Schweizer mit 60,3 Prozent für ganze zwei Wochen bezahlten "Vaterschaftsurlaub" (zuvor war ein Tag üblich). Mutig! Zwei Wochen. Davon werden die Kinder lange zehren.

Gegnerinnen und Gegner dieser Änderung hatten zuvor beklagt, dass das wirtschaftlich zu riskant werden könnte. Es sei "sozialpolitisch verantwortungslos " und "unsolidarisch ", ausgerechnet in einer Krise derartige staatliche Ausgaben zu fordern, wobei wohlgemerkt in der Schweiz die Leute im Schnitt nicht mal 1,5 Kinder bekommen. Der Ausfall wäre also recht überschaubar. Zudem hört man etwa aus Ländern wie Schweden , wo Männer vergleichsweise viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, wenig über einen Zusammenbruch der Wirtschaft. 

Ist es nicht auch ein bisschen süß - diese Idee, dass die Lohnarbeit von Männern so unersetzlich sei, dass sie nicht einmal in dem Moment, da sie sich fortgepflanzt haben, kurz mal dem Arbeitsplatz fernbleiben dürfen? Das fängt schon bei der Wortwahl an: Männer werden oft als Haupternährer der Familie bezeichnet - "Ernährer". Peinlich, seit bekannt ist, dass man Geld nicht essen kann. Es hört da aber längst nicht auf.

Wann immer es darum geht, die Lohnarbeitszeit von Menschen - und sei es nur für ein paar Wochen im Leben - ein bisschen zurückzufahren, sei es durch längere Elternzeiten, mehr Urlaub, lockerere Krankschreibungsregeln oder eine Viertagewoche, gibt es viele, die fragen, wie das denn bitte funktionieren soll. Mal zurückgefragt: Wie funktioniert es denn jetzt? Nicht so gut. 

Bezogen auf das Thema Lohnarbeits- versus Familienzeit, funktioniert es nicht so gut, weil die meisten Väter, ob in der Schweiz oder in Deutschland, immer noch zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen . Bezogen auf das Thema Lohnarbeit im Allgemeinen, funktioniert es allerdings auch nicht so gut, oder hat irgendjemand das Gefühl, dass die aktuelle Variante des 40-Stunden-Standards den meisten Menschen eine angenehme Balance aus Produktivität und Gesundheit verschafft? Stichwort Burn-out, Depressionen, Schlafmangel und Achtsamkeits-Apps, die Leute daran erinnern, mal ein Glas Wasser zu trinken oder zu atmen. 

Friedrich Merz, der sympathische Mittelschichtsmillionär von nebenan, hat neulich angesichts der vielen Menschen in Kurzarbeit gewarnt: "Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können. " Richtiger wäre: Wir müssen ein bisschen aufpassen, auch mal darüber nachzudenken, wie wir alle mit weniger (Lohn-)Arbeit besser leben könnten. 

Stockholm-Syndrom im Dienste des Kapitals

Das ist keine neue Idee. Paul Lafargue schrieb 1880 in "Das Recht auf Faulheit" vom "Wahnsinn" der "Arbeitsliebe": "die morbide, leidenschaftliche Arbeitssucht, die bis zur Erschöpfung der Lebenskräfte des Einzelnen und seiner Nachkommen getrieben wird". Ich würde nicht alles von Lafargue bedenkenlos unterschreiben, etwa die Idee, es wäre "besser, die Pest zu verbreiten und die Brunnen zu vergiften", als eine Fabrik auf dem Land zu bauen.

Aber apropos Pest - ich bin kein Fan von "Krise als Chance", aber an dieser Stelle könnte man aus der Corona-Pandemie auch die eine oder andere Lehre mitnehmen. Denn ziemlich viele Menschen haben im Zuge der Umstellung auf Homeoffice und digitale Meetings festgestellt, dass ihr Arbeitsalltag, so wie er vor der Pandemie eingerichtet war, gar nicht unbedingt die beste, ertragreichste Variante war: Viele physische Treffen lassen sich durch Anrufe oder digitale Treffen ersetzen, viele Geschäftsreisen sind schlicht unnötig, und nicht wenige Menschen sind produktiver, wenn sie ihre Arbeitszeiten freier, gemäß ihrem Bio- oder sonstigen Rhythmus einteilen können.    

Die kollektive Einsicht, dass viele Menschen über einen Großteil ihrer Arbeitszeit hinweg nicht so produktiv sind, wie sie gern wären, könnte dazu führen, dass man sich mal etwas allgemeiner Gedanken darüber macht, ob die Idee der 40-Stunden-Woche und die Idee der am Arbeitsplatz angeblich so unentbehrlichen Männer nicht beide so langsam ausgedient haben. Es gibt bei einzelnen Unternehmen bereits Versuche mit Viertagewochen: Sie laufen sehr gut, Zufriedenheit und Produktivität steigen .

Könnte es sein, dass die Abwehrreaktionen, die bei Forderungen nach verkürzten Lohnarbeitszeiten so schnell kommen, weniger damit zu tun haben, dass die Leute flugs mal im Kopf durchrechnen, ob das gesamtwirtschaftlich überhaupt tragbar wäre, als vielmehr damit, dass sie eben gelernt haben, dass Arbeit bis zur Erschöpfung oder chronischen Nackenverspannung der Normalzustand sein sollte? Dass sie eine Art Stockholm-Syndrom im Dienste des Kapitals entwickelt haben? 

Klar, wenn man Kindern schon in der Schule beibringt, dass es später auf dem Arbeitsmarkt richtig hart wird, dann mag das einer gewissen Realität geschuldet sein, es kann aber auch dazu führen, dass sie später einer Fleiß-Esoterik zum Opfer fallen, laut der alles, was richtig hart ist, schon auch sinnvoll sein wird. Es ist eine Falle! Menschen brauchen Arbeit, weil sie das Gefühl brauchen, etwas in der Welt bewirken zu können, aber sie brauchen nicht notwendigerweise so lange Arbeitszeiten, dass ihr Familienleben und ihre Gesundheit darunter leiden. (Und sie brauchen ab und zu eine Erinnerung daran, dass Vermögen nicht einfach nur durch ausreichend harte Arbeit entsteht, sondern zu weiten Teilen schlicht durch glückliche Geburt, eine bittere, aber bisweilen auch entlastende Tatsache.)

Die Historikerin Hedwig Richter hat in der "Zeit" beschrieben , wie die Reduktion vom Zehnstunden- auf den Achtstundentag in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts lief: "Zum Erstaunen der Skeptiker und Pessimistinnen brach die Wirtschaftskraft der Unternehmen nicht ein. Vielmehr wurde deutlich, dass Arbeitszeitbeschränkung weder zu Produktions- noch zu Umsatzeinbußen führten - eine Erfahrung, die heute, in Bezug auf die Viertagewoche, vor allem aus anderen Ländern berichtet wird." - Wäre es nicht schön, einen Freitag zu haben, der seinen Namen verdient hat?

Nun könnte man einwenden: Ist es nicht ein bisschen naiv, ausgerechnet in Zeiten, in denen mehr Menschen entlassen als eingestellt werden, darüber zu sprechen, dass verkürzte Lohnarbeitszeiten für alle ein Segen wären? Gerade nicht. Denn es geht nicht darum, dass einzelne Individuen ihre Arbeitszeit verkürzen, weil sie es sich leisten können, sondern um die kollektive und politische Aufgabe, die Lohnarbeit, die getan werden muss, menschenfreundlicher zu gestalten: indem der Einzelne nicht mehr bis zur Erschöpfung und bis zur Entfremdung von seinem Nachwuchs arbeitet.

Fun Fact: Kurz bevor die Schweizerinnen und Schweizer darüber abstimmten, ob es Vätern möglich sein soll, länger als einen Tag bei ihren Neugeborenen zu bleiben, schrieb die nationale Tourismus-Marketingorganisation der Schweiz einen Wettbewerb aus: Man konnte eine Ferienreise in die Schweiz gewinnen, mit einer Besonderheit: "Damit du deine Ferien in der Schweiz in vollen Zügen genießen kannst, kümmern wir uns in Absprache mit deinem Arbeitgeber um deinen Job. " Das ist einerseits lustig, andererseits enthält es eine weise Botschaft. Hart zu schlucken, aber: Jede und jeder ist ersetzbar. Selbst Männer.

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