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MEDIZIN / SCHNUPFEN Arme ins Warme

aus DER SPIEGEL 8/1968

Roms Kaiser .Augustus soll sieh mit Bauchbinde, vier Westen und einer besonders dicken Toga zu schützen gesucht haben. Plinius der Jüngere, römischer Naturkundiger und Schriftsteller, empfahl, »das haarige Schnäuzehen einer Maus zu küssen«.

Amerikas Cowboys sogen den Duft wilden Thymians ein, den sie zwischen den Fingern zerrieben. Die Wolga-Russen hingegen gingen in die Sauna und schmierten sich von Kopf bis Fuß mit Gänseschmalz ein; Kräutertee und ein Schluck Weihwasser sollten das Übel vollends bannen.

Das Leiden, das zu allen Zeiten mit solch mystischen Kuren bekämpft wurde, ist so lästig wie lächerlich und ein Schandfleck der medizinischen Wissenschaft. Nichts haben die Ärzte -die Herzen verpflanzen, Geschwülste zerstrahlen und Babys verhüten helfen -- gegen den (in Lehrbüchern so genannten) »banalen Infekt« anzubieten: gegen Schnupfen.

Anfang dieses Monats aber, noch zur Vorfrühlings-·Saison des Niesens und Schniefens, vermeldete die deutsche Ausgabe der »Medical Tribune« aus der Tschechoslowakei eine neue, Hoffnung erweckende Attacke auf die Triefnasen. Der Hals-Nasen-Ohren-Experte am Thomayer-Hospital zu Prag, Dr. Jindrich Urban, erzielte mit einer ungewöhnlichen -- erstaunlich simplen -- Therapie bei der Mehrheit seiner Schnupfen-Patienten »gute Erfolge«.

Urbans Methode: Der Erkältete taucht seine Unterarme für eine halbe bis eine Stunde in 40 bis 45 Grad heißes Wasser. Dann, so behauptet Urban, geht der Schnupfen weg.

Die bislang vielfach geübte Praxis mit Tropfen, Salben, Spülungen oder Sprays beruht nach Urbans Ansicht »auf einem allgemeinen Unverständnis für den zugrunde liegenden Mechanismus« -- der Patient verspüre kurzfristig Erleichterung; dann aber schwelle die Nasenschleimhaut wieder an und sei empfänglich für neuerliche Infektion.

Krankheitskeime von 30 millionstel Millimeter Durchmesser aus der artenreichen Gruppe der sogenannten Rhinoviren gelten als Erreger des Schnupfens. Hingegen meint Urban, daß wesentlich größere Organismen -- Bakterien von einem halben bis einem tausendstel Millimeter Durchmesser aus der Gattung der Streptokokken -- die lästigsten Beschwerden auslösen.

Tatsächlich sind die Symptome die bislang einzig sicheren Befunde der Schnupfenforscher: das Kribbeln in der Nase, das Anschwellen der Schleimhäute, die Nasenflügel röten sich, die Nase läuft, das Gesicht verquillt, die Stimme wird erstickt, die Augen tränen. Mitunter vereitern die Nasennebenhöhlen. Sicher ist auch, »daß die entzündete und mangelhaft durchblutete Nasenschleimhaut kaum mehr fähig ist, eindringende Krankheitskeime abzuwehren -- immer erneute Infektionen bedrohen den Verschnupften.

Viele der bislang angewandten Schnupfenmittel, erläuterte Urban, verengen die Blutgefäße und täuschen damit eine Besserung nur vor. Auch für die Abwehr-Steigerung durch das vielfach propagierte Vitamin C mußten die Mediziner bislang den Beweis schuldig bleiben. Der prominenteste Schnupfenforscher, der Brite Sir Christopher Andrewes, etliche Jahre Leiter des »Erkältungskrankheiten-Zentrums« des Harvard-Krankenhauses in Salisbury, behilft sich deshalb nach eigenem Bekunden mit Inhalationen von ein wenig Menthol oder Eukalyptus.

Das heiße Armbad, so rühmt Urban, habe dagegen nachhaltigere Wirkung: Es steigert, wie der Prager Mediziner an gesunden Versuchspersonen ermittelte, Durchblutung und Temperatur der Nasenmuscheln. »Und in einer zweiten Versuchsreihe, diesmal mit Schnupfenkranken, denen eine Meßfühler-Apparatur das Innere der Nase abtastete, beobachtete Urban darüber hinaus einen paradoxen Effekt« -- der warme Blutstrom ließ die Schwellung der Nasenschleimhaut meßbar zurückgehen.

Diese körperinnere Nasenspülung, so meint Urban, befähigt offenbar den Organismus, sich der Schnupfen-Erreger besser zu erwehren. Bei 75 Prozent der Verschnupften verzeichnete der Prager Wissenschaftler einen vollen, bei weiteren 21 Prozent einen mäßigen Behandlungserfolg.

Freilich wird Dr. Urban kaum als Entdecker dieser Methode gelten können. Von alters her bestehen die Großmütter in vielen ländlichen Gebieten Europas darauf, daß die Mannsleute nach der Arbeit in naßkaltem Wetter abends Hände und Füße heiß baden.

In Irland soll sogar noch immer eine vorbeugende Variante solcher Schnupfen-Bekämpfung praktiziert werden: schon morgens ein Gläschen heißen Whisky in die Schuhe.

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