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TOURISMUS Arme Ritter

Irlands letzte Landlords suchen Hilfe im Fremdenverkehr.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Eine Autostunde westlich von Limerick, am Ufer des Shannon, steht zinnenbewehrt ein Schlößchen, ergraut in weißer Pracht. Dort residiert mit Gemahlin Olda der edle Desmond Fitz-Gerald, Knight of Glin, ein Kunsthistoriker von Beruf und Leidenschaft, dem die Pflege irischen Kulturguts, insbesondere natürlich des eigenen, heiß am Herzen liegt.

Denn ein gefährdetes Erbe verwaltet der Ritter von Glin, der 29. seit Anno 1333, als Englands König Edward III. nach siegreicher Feldschlacht einen Urahn adlig schlug. Geschrumpft inzwischen sind die riesigen Ländereien der Vorfahren. Was die Weide- und Forstwirtschaft heute noch einträgt, reicht nicht hinten und vorn, um Glin Castle vorm Schicksal der vielen Herrenhäuser zu bewahren, in deren Ruinen der Efeu wuchert. Und so öffnet denn, der Not gehorchend, Sir Desmond gern Besuchern die Tür, die das Privileg aristokratischer Gastlichkeit mit gutem Geld honorieren.

Einem Museumskurator gleich, führt er sie übers knarrende Parkett durch die Räume von hochbetagtem Prunk, zur Besichtigung der neoklassizistischen Decken, der Ahnenporträts, Familienreliquien, Landschaftsmalereien und antiken Möbel nebst erlesenem Bric-a-brac aus Kristall und Porzellan. Er lädt sie zum Lunch und unterhält sie des Abends bei festlichem Dinner und Drinks vorm Kamin, bevor sie sich zur Ruhe betten unter Baldachinen; und für 4000 Pfund die Woche, runde 12 000 Mark, vermietet er auch den ganzen Haupttrakt des Schlosses, Personal inklusive, an reisende Cliquen von acht bis zehn Leuten.

Die letzten Landlords der irischen Republik stehen zu Diensten. »Elegant Ireland« heißt die Dubliner Agentur, die gut zwei Dutzend ihrer Paläste vermittelt. Als Creme de la creme empfiehlt sie sich im Fremdenverkehr auf der grünen Insel am Rande Europas, dem armen, menschenleeren, industriell schwach entwickelten Land der sanft verregneten Koppeln hinter Ginsterhecken, der Heiden und Hochmoore, wo die Luft noch so rein ist und das Wasser der Flüsse so klar und so geruhsam der Daseinstrott seiner Bewohner in den Dörfern und Marktflecken, all der gälischen Querköpfe und Phantasten, der Pferdenarren und trinkfreudigen Barden an den Theken in den Pubs von O'Connell, Kavanagh, Mulligan und McCabe.

Das elegante Irland der zahlenden Gäste aber liegt abseits in »splendid isolation«, verborgen hinter Mauern wie im Herzen der Insel Schloß Birr, Heimstatt von Brendan Parsons, Earl of Rosse, einem weitgereisten Botaniker im Entwicklungsdienst der Vereinten Nationen, der auf seiner berühmten Domäne, oft besucht von Touristen und Sonntagsausflüglern mit Kind und Kegel, mehr als 2000 verschiedene Baumspezies hegt.

Es liegt in arkadischen Gefilden wie dem Tal der Forellen- und Lachsgewässer des Blackwater River, wo auf Lismore Castle, einem der Schlösser des englischen Herzogs von Devonshire, passionierte Angler, Golfer, Reiter und Liebhaber der Pirsch und Fuchsjagd zu fürstlichen Preisen Kost und Logis und Badezimmer von phantastischen Ausmaßen finden, betreut von Köchin und Mägden und einem der allerletzten Butler Irlands.

Doch auch Selbstversorgern bietet sich Quartier in Kastellen, Wehrtürmen und noblen Häusern. Auch sie tragen bei zur Erhaltung der altersschwachen Gemäuer, zur Restauration der georgianischen, palladianischen und neogotischen Fassaden, der Hallen, Speisesäle und Gastgemächer, der verwinkelten Korridore und Geheimkabinette hinter Tapetentüren und drehbaren Bücherwänden, zur Reparatur der brüchigen Wasserrohre und Begleichung der enormen Heizkosten, zur Renovierung von Rumpelkammern, in denen hier und da noch immer nächtens zwischen Spinnweben eine weiße Frau umgeht.

Es ist nicht gerade die professionelle Manier, in der die Herren der Burgen und stattlichen Landsitze ihr Bewirtungsgeschäft von oft fragwürdiger Rentabilität betreiben. Als private Gäste nehmen sie ihre Pensionäre und Mieter auf, die Touristen aus Britannien und vom europäischen Kontinent, aus Amerika zumal, das bekanntlich weder verfallene Schlösser noch Aristokraten hat, dafür aber an die 50 Millionen Einwohner irischen Geblüts, zehnmal so viele wie in ganz Irland, von denen so mancher auf Urlaubsreise nach seinen heimischen Wurzeln sucht.

»Von einem Lord bewirtet zu werden, das gefällt den Amerikanern ungemein«, sagt Conor O'Brien, 18. Baron von Inchiquin, in Eton erzogen und elf Jahre lang Offizier bei den Husaren Ihrer Britischen Majestät in wechselnden Garnisonen zwischen Paderborn und Fernost, bevor er in Hongkong sein Glück versuchte mit der Manufaktur von Schachspielen, Majong und Backgammon, und damit bankrott ging.

Auch der Lord braucht dringend mehr Geld, als die Landwirtschaft ihm verschaffen kann. In fremdenverkehrstechnisch äußerst günstiger Lage, sechs Meilen von Shannon Airport entfernt, erwartet er auf Thomond House seine transatlantischen Besucher, die gereiften Ehepaare, die Busfrachten von Senioren und Senioras, denen er bei einem Gläschen Sherry genealogische Exkurse und Familienanekdoten zum besten gibt, während die junge Lady sich in der Küche ums Mittagsbuffet und Abendmahl kümmert.

Zwar hat sein komfortables Landhaus, vor zweieinhalb Jahrzehnten erst erbaut, nicht sonderlich viel zu bieten an historischem Flair. Aber nur ein paar hundert Meter hügelabwärts ragt in altväterlich feudalem Pomp Dromoland Castle empor aus dem Tal, das einstige Stammschloß der O'Briens, 1962 verkauft für lumpige 62 000 Pfund, heute ein gutgebuchtes Luxushotel in amerikanischem Besitz.

Daß auch Dromoland Castle, Heim seiner Kindheit, unwiederbringlich dahin ist, trägt der Lord mit Contenance; und daß bei ihm auf Thomond House das Geschäft mit den Urlaubern eher schleppend geht, rüttelt ihn ebenfalls nicht aus der irischen Lässigkeit. »Es braucht Zeit, um Reputation aufzubauen«, so sagt er und hofft weiter auf die Zukunft im Stop-and-go des Fremdenverkehrs.

Den ganz großen Segen aber erträumt er sich von der heiligen Quelle, die auf seinem Grund und Boden sprudelt: Ihr Wasser, in Flaschen abgefüllt, will er demnächst zu Markte tragen. Denn unaufhaltsam steigt der Mineralwasserkonsum in der verseuchten Welt, und »wenn wir uns«, so hat sich der Baron ausgerechnet, »nur fünf Prozent vom kalifornischen Mineralwasser-Importmarkt sichern könnten, dann hätten wir bereits einen Absatz von 18 Millionen Flaschen im Jahr«.

Und der arme Lord auf Thomond House hätte dann endlich überhaupt keine Geldsorgen mehr.

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