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Armer Westen

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aus DER SPIEGEL 6/1986

Seine Profi-Modelle, Frauen in kostbaren Roben der Haute Couture, hat er aus den Studios herausgeholt, hat sie auf der Straße tanzen und in Bars wie in Spielsälen lasziv posieren lassen - mit glutäugigen Männern als Staffage.

Die Amateure unter seinen Modellen - Dichter wie Ezra Pound, Staatsmänner wie Eisenhower, Society-Zelebritäten wie Marella Agnelli - löste er aus ihrer Umgebung und bat sie in sein Studio, gewöhnlich vor einen kalkweißen Schirm.

Seit mehr als 40 Jahren steht Richard Avedon, 62, hinter seiner 8x10-Zoll-Kamera und bringt die Kunst der Photographie voran. Wie ein »Seismograph« (so sein Kollege Irving Penn) nahm er neue Tendenzen in der Mode- und Werbephotographie vorweg.

Mit den Photos in seinem neuen Bildband hat er sich von den Reichen und Berühmten abgewandt. _(Richard Avedon: »In the American West«, ) _(Verlag Harry N. Abrams, New York; 168 ) _(Sei ten; 43 Dollar. )

Im Auftrag des Amon-Carter-Museums von Fort Worth, Texas, photographierte er Menschen im Westen der USA - allesamt unbekannt und meist Angehörige der untersten sozialen Schicht. Sie vermitteln ein Bild des amerikanischen Westens, das nichts mit der glorifizierenden Legende gemein hat, wie sie in Filmen und Romanen weiterlebt.

Ist das die »neue Armut« im Reagan-Amerika? Avedon hat sie mit derselben Künstlichkeit und porentiefen Schärfe photographiert wie seine Zelebritäten. In dem starren Blick, den durchweg ernsten Gesichtern, spiegeln sich seelisches Leid und soziale Benachteiligung - aber auch trotzige Scheu vor Avedons Kamera.

Richard Avedon: »In the American West«, Verlag Harry N. Abrams, NewYork; 168 Sei ten; 43 Dollar.

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