Samira El Ouassil

Kanzlerkandidaten-Inszenierung Laschets Weg ins Paradies

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Diese Fotos von Armin Laschet im Hochwasser-Katastrophengebiet? Unsere Kolumnistin dachte zuerst auch, der Kandidat wirke unbeholfen. Aber dann kam ihr die Erleuchtung – alles folgt einem göttlichen Plan.
Armin Laschet in Swisttal (am 2. August): Unser irdischer Müll

Armin Laschet in Swisttal (am 2. August): Unser irdischer Müll

Foto:

Political-Moments / imago images

Gestern las ich ein Zitat, das meinen Blick auf die Welt und auf das aktuelle politische Geschehen einschneidend veränderte. Es stammt von Armin Laschet, der von der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA folgendermaßen zitiert wird :

»Der Glaube an Gott ist prägend für mein Verständnis der Welt, […] wenn man daran glaubt, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, macht man auch Politik anders als zum Beispiel ein Kommunist, der bis zum Lebensende dringend mit allen Mitteln das Paradies auf Erden schaffen will.«

Manchmal sind es wenige Worte, die einem bewusst machen, dass man eine Person bislang völlig falsch eingeschätzt hat; die verdeutlichen, dass man sie anders wahrnehmen muss, wenn man ihr unergründliches Tun und Schaffen wirklich verstehen möchte. So nun auch in diesem Fall. Meine Augen, die einer Ungläubigen, wurden weit geöffnet.

Wie viel Weisheit, Demut und Voraussicht doch in diesen Worten stecken. Nur die christliche Gewissheit eines Lebens nach dem Tode kann uns Menschen die Hoffnung geben, dass wir uns in diesem Leben gar nicht so sehr anstrengen müssen – weil es ja eh nichts bringt; weil es viel schöner wird, wenn wir uns nicht verzweifelt gegen den großen Plan Gottes stemmen. Laschet und Gott haben natürlich recht: Denn wenn wir schon jetzt in einem Paradies leben würden, wer würde dann überhaupt noch sterben wollen? Man kann nur hoffen, dass alle Kommunisten in die Hölle kommen, damit sie das endlich kapieren: Weltverbesserung bringt nichts. Das Paradies ist denjenigen, die daran glauben, sicher – weshalb wir uns besser auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren sollten. Welche das sind, können Sie in der Bibel und im Wahlprogramm der Union nachlesen.

Die Erde, ein Müllhaufen

Mit diesem Zitat habe ich nun auch die Bilder und jüngsten Auftritte Laschets in den vom Hochwasser betroffenen Gebieten anders gesehen beziehungsweise habe ich sie vermutlich zum ersten Mal wirklich begriffen. Denn gerade angesichts solch einer Katastrophe ist dieser kühle Fokus auf ein besseres Jenseits überlebensnotwendig; er ist der einzige uns alle errettende Fluchtpunkt wahrer politischer Größe. Wie viele andere dachte ich bislang, dass die Bilder Laschets Zeugnis über eine gewisse Unbeholfenheit ablegen, den Kanzlerkandidaten in seinem Ungeschick bloßstellen – von wegen!

Laschet vor dem angehäuften Chaos unserer Wirklichkeit

Laschet vor dem angehäuften Chaos unserer Wirklichkeit

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass diese fotografische Selbstinszenierung einer strengen Ikonografie folgt, einer kunstgeschichtlich klugen Bildlogik und emotionalen Pathosformeln, die man als Christ sicherlich sofort entschlüsseln kann. Man muss jedes einzelne seiner Bilder als Gemälde eines gelehrten altchristlichen Meisters betrachten, als tableaux vivants der Wahrheit.

Mit dieser Erkenntnis lassen insbesondere die Bilder von Laschets Presseansprache vor einem Müllberg im Hochwassergebiet Swisttal erkennen, welche Rolle er selbst auf unserem Weg ins Paradies spielen könnte. Hinter ihm das angehäufte Chaos unserer Wirklichkeit – aber er selbst schaut nach vorne, hat sein Antlitz von der Vergangenheit abgewendet.

Ist das die ungewollt Boris-Johnson-hafte Performance eines mit Bildkommunikation überforderten, pressenaiven Politikers für Postapokalyptiker? Inszeniert er sich hier als ein melodramatischer Machthaber der Müllberge? Nein, hier ist ein Virtuose der opulenten Bildsprache zugange. Merkel hatte die statische Raute, um Macht zu demonstrieren, Laschet jedoch verändert jenseits von Geometrie grundlegend die Art und Weise, wie wir auf die Welt schauen.

Denn ein wichtiger Aspekt seiner ikonografischen Ästhetik: der himmelnde Blick. Stets zielen seine Augen entschlossen in die Zukunft, in Richtung Paradies. Und dort, wo ihm Menschen im Weg stehen, geht dieser weitsichtige Blick direkt durch diese hindurch. Denn er weiß: All dieses weltliche Chaos hinter ihm und um ihn herum wird niemals das Paradies sein, von dem die Kommunisten träumen; all das, was nun durch das Hochwasser aus dem Morast der Wirklichkeit herangespült wurde, ist mehr als nur Unrat: Es ist unsere Welt.

Der Blick des Kandidaten geht in die Weite, ja, bis ins Himmelreich

Der Blick des Kandidaten geht in die Weite, ja, bis ins Himmelreich

Foto: Die Landesregierung Nordrhein - Westfalen

Und mit der Leichtigkeit durchnässter Büroschuhe inszeniert er in der von mir nun endlich begriffenen Sakralität seiner Strahlkraft wie kein anderer eines der wichtigsten Machtinsignien jedes vorausschauenden Staatsmannes: den über ihn gespannten Regenschirm. In der Kulturgeschichte und Präsentation der Souveränen nimmt dieser eine fast transzendentale, metaphysische Position ein.

In seinem Essay »Nietzsches Regenschirm« beschreibt der Schweizer Autor Thomas Hürlimann neben Nietzsches Schaffen in Sils Maria um 1881 auch die Geschichte des Regenschirms und erklärt: »Der Schirm stammt aus der Tiefe der Jahrtausende und aus den Weiten Chinas, Indiens und Ägyptens. An seiner Form erkennen Sie, was er nachahmt: die Palme oder das Dach einer Pagode. Ursprünglich wurde dem Mächtigen, dem König, dem Priester oder Medizinmann ein Fächerdach aus Palmzweigen oder Straußenfedern hinterhergetragen, der ihn als höheres Wesen auszeichnete und über die anderen Menschen erhob.«

Der Schirm sei in erster Linie ein Rangabzeichen gewesen, und wie eine Krone mit funkelnden Edelsteinen den Sternenkranz nachahmte, verbanden die früheren Schirme laut Hürlimann das Haupt des Beschirmten mit dem Wipfel- und Vogelreich.

Aber natürlich! Mit einem, wie der Schweizer Autor schreibt, »mobilen Himmelsgewölbe en miniature, das den, der unter ihm wandelte, zum einen mit einem Heiligenschein versah, zum anderen vor den Strahlen und Ergüssen des Himmels in Schutz nahm«, ist der Regenschirm nicht nur die perfekte Requisite eines Kanzlerkandidaten im Hochwassergebiet, sondern das Zeichen der Macht, das die politische Persona Laschet auf den Punkt bringt.

Wie eine Palme oder das Dach einer Pagode: Laschet mit Schirm

Wie eine Palme oder das Dach einer Pagode: Laschet mit Schirm

Foto: Oliver Berg / dpa

Was würde besser zu ihm passen als ein mobiler Heiligenschein, der ihn vor der hässlichen Wirklichkeit bewahrt, der die Menschen um ihn herum im Regen stehen und ihn in Ruhe vom Paradies träumen lässt?

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