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»Army of the Dead« Hauptsache, es knallt

»Zo-ombie!«, »Zo-ombie!«: Zack Snyders Netflix-Blockbuster ist Untoter des Bilschirms. Den reißt auch Matthias Schweighöfers gelungener Auftritt als deutscher Safeknacker nicht raus.
aus DER SPIEGEL 21/2021
Szene aus »Army of the Dead«: 200 Millionen Dollar - und jede Menge Zombies

Szene aus »Army of the Dead«: 200 Millionen Dollar - und jede Menge Zombies

Foto: Clay Enos / Netflix

Nach über zwei Stunden, der Kopf dröhnt schon lange angesichts des Stumpfsinns der cineastischen Geschmacklosigkeiten, kommt der Moment, der auf den Punkt bringt, was den Zombiefilm »Army of the Dead« so ungenießbar macht – und warum sich an ihm der Zustand von Teilen des Blockbuster-Films ablesen lässt.

Auf dem Soundtrack der Produktion hört man da den Song »Zombie« von der irischen Band The Cranberries, den einige für ein Meisterwerk halten, andere für einen unerträglichen Ohrwurm. Aber selbst wenn einen der Refrain noch verfolgt, als man die Details des Films schon vergessen hat – hier so verhackstückt zu werden, das hat selbst dieses Lied nicht verdient. Die Sängerin Dolores O'Riordan jodelt zwar immer wieder das Wort »Zombie« – der Text hat trotzdem nichts mit Untoten aus Filmen zu tun, sondern mit dem Nordirlandkonflikt und zwei Jungen, die bei einem Anschlag der IRA starben.

Aus: DER SPIEGEL 21/2021

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Das kümmert die Macher von »Army of the Dead« um Regisseur Zack Snyder wenig. Es geht ihnen ohnehin nie um Bedeutung, sondern ausschließlich um Wirkung. Zu diesem Zweck raffen sie alles zusammen, was die Film- und Popgeschichte hergibt, ob es passt oder nicht: Zombiefilm, Weltuntergangsdrama, Safeknacker-Krimi. Hauptsache, es knallt.

Die rudimentär vorhandene Geschichte spielt während einer Zombie-Epidemie in Las Vegas, die das Militär eindämmt, indem es die Stadt von der Außenwelt abriegelt. Der US-Präsident plant, sich des Problems mit einer Mini-Atombombe zu entledigen.

Zuvor aber wollen sich Veteranen des Kampfes gegen die Zombies über 200 Millionen Dollar sichern, die in einem Safe in der zerstörten Stadt lagern. Was die bis an die Zähne bewaffneten Eindringlinge nicht ahnen: Dort hat sich neben den in typischer Manier langsam daherschlurfenden Monstern auch eine intelligente Zombiegruppe entwickelt.

Im weiteren Verlauf werden Massen von untoten Angreifern niedergemäht, was Snyder die Gelegenheit bietet, einen zynischen Waffenfetischismus ins Bild zu setzen. Sonnenlicht verfängt sich in glänzenden Sturmgewehren, der von dem ehemaligen Wrestler Dave Bautista gespielte Anführer der Gruppe streicht liebevoll über sein Kampfgerät.

Wirklich alles wird hier mit dem Gestus der Ironie unterlegt.

In einer Szene sieht man, wie sich die Leichen stapeln. Die Mauer aus menschlichen Körpern erinnert an dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte – aber weil »Army of the Dead« sonst nur den Anspruch vertritt, Metzelspektakel zu bieten, wirkt das komplett daneben.

Wirklich alles wird hier mit einem Gestus der Ironie unterlegt, was nicht nur zu schlechten Gags führt, sondern dem Geschehen auch jede Bedeutung entzieht, die über den Film hinausweist. Diese Bilder wollen nichts zu tun haben mit soziopolitischen Zusammenhängen, in die frühere Zombiefilme deutlich eingebunden waren: In den Klassikern des Genres sind die untoten Kannibalen oft Chiffren für die Angst vor Verlust, Krankheit, gesellschaftlicher Veränderung; vor dem anderen schlechthin. Bei Snyder bleiben nur ihre Körper, die abgeknallt werden dürfen, ohne dass dafür jemand moralische Verantwortung übernehmen muss.

Vielleicht wäre das erträglicher, wenn der Film wenigstens handwerklich mitreißend wäre. Aber die meisten Dialogsätze kann man mitsprechen, weil sie so erwartbar sind, und die verschiedenen Genre-Einflüsse bleiben blasse Abbilder.

Besonders schwach fällt ausgerechnet der Auftritt des deutschen Safeknackers Ludwig Dieter aus, den Matthias Schweighöfer spielt. Was nicht an Schweighöfer liegt, er bringt als ängstlicher und nerdiger Blass-Teutone zumindest kurzfristig Witz. Aber die Filmemacher sorgen dafür, dass am Ende wenig übrig bleibt von seiner Originalität.

Obwohl der Film eine Katastrophe ist, ließ Netflix eine Vorgeschichte drehen, bei der Schweighöfer Hauptrolle und Regie übernahm. Eine animierte Serie aus dem Stoff plant der Unterhaltungskonzern auch. So setzt sich das ewige Selbstverdauen fort, das schon seit Jahren im Kino für immer neue Superhelden- und Monsterfilme, Remakes, Prequels und Neuverfilmungen sorgt, die einem globalen Massengeschmack huldigen.

Eine Seele sucht man bei Filmen wie »Army of the Dead« schon lange vergebens, sie sind die Untoten der Leinwände und Bildschirme. Aber solange das Publikum nach ihnen verlangt und für sie bezahlt, gilt: Die Seuche wird weitergehen.

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