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ARNOLD GEHLEN

aus DER SPIEGEL 6/1976

Ach Gott, wissen Sie«, hatte Arnold Gehlen vor elf Jahren in einem Gespräch mit Theodor W. Adorno gesagt, »ich suche eigentlich in der Wirklichkeit eine honorige Sache, der man dienen kann.«

So salopp hingeworfen das klang, es enthielt den Kern seiner Philosophie. Es beschrieb das innerste Zentrum seines Protests gegen die Epoche, in der er lebte, und es markierte herausfordernd den Punkt, wo sein Denken und seine Existenz verletzlich waren. Welch ein abenteuerlicher Gedanke, in einer Epoche des Verbraucherglücks, der Triebbefreiung und der Rebellion gegen Autorität überhaupt von allem das Gegenteil zu fordern und zu preisen: »Dienst!«

Am Morgen des Freitags letzter Woche starb Arnokl Gehlen, 72 Jahre alt: unversöhnt, als der Gegner des Zeitgeistes schlechthin, als »Reaktionär«, wie er gelegentlich selber höhnte.

»Dienst« bedeutete für Gehlen -- wie für seine Gegner, die Emanzipierer und Revolutionäre -- »Entfremdung«. Doch war Entfremdung für ihn gerade das Gegenteil dessen, was sie für

Marx und dessen Epigonen und für viele Psychoanalytiker bedeutet: Ursünde der arbeitsteiligen Gesellschaft, Schandmal des Klassenkampfes, Herd von Neurosen.

Für ihn, Gehlen, bedeutete Entfremdung vor allem die Chance des Menschen, sich -- dienend -- von sich selbst und seiner eigenen »fürchterlichen Natürlichkeit« zu distanzieren.

Nur indem der Mensch sich von den Institutionen, vorn Staat zumal, »verzehren« ("konsumieren") lasse, erwachse ihm die Möglichkeit der »Selbststeigerung"« der Formung seiner chaotischen Antriebe, der Sicherheit seiner Bewegungen auf dem »Überraschungsfeld« der Welt und schließlich auch des »Aushaltens von Spannungen«, die größer sind als der Mensch: Schuld, Niederlage, Tod.

Geboren in Leipzig -- in einer Familie, aus der auch Reinhard Gehlen, der Abwehr-General, sein Vetter, hervorging -, gelangte Arnold Gehlen schnell zu akademischen Ehren und internationalem Ansehen: mit 30 Professor in Leipzig, mit 34 in Königsberg, mit 36 in Wien. Das NS-Regime prunkte mit ihm, und er hing ihm an ("So fühlen wir uns mitschuldig an dem, was an Untaten geschah ...")

Dabei war sein Verhältnis zur NS-Ideologie prekär. Zwar teilte er deren Staats-Verehrung, doch nicht deren rassistischen Determinismus. Deutlich wurde das, als er 1940 sein Hauptwerk »Der Mensch« veröffentlichte, ein Buch, das ihm Weltruhm eintrug, das in alle Kultursprachen übersetzt wurde, das bis heute zu den grundlegenden Leistungen der philosophischen Anthropologie gerechnet wird.

Der Mensch sei, meinte er darin. biologisch betrachtet ein »Mängelwesen«. Anders als das Tier, besitze er keine bestimmte Umwelt, seien seine Instinkte »reduziert« ("defekt"), seine Antriebe »plastisch« und »formierungsbedürftig«. Nur »lernend« könne er überleben. Er sei ein »Kulturwesen

Den Gedanken der »Formierungsbedürftigkeit« baute Gehlen 1956 in »Urmensch und Spätkultur« zu jener Institutionenlehre aus, die ihn dann zu seinem lebenslangen Streit mit dem Zeitgeist rüstete.

Eben weil die menschlichen Antriebe plastisch seien, bedürften sie der Führung, meinte er -- durch die Institutionen: Ritus, Religion, Recht. Staat. Wie die Institutionen entstehen, hat ihn sein Leben lang beschäftigt. Gelöst hat er das Problem, eingestandenermaßen, nicht. Ihr Ursprung blieb ihm dunkel. Bloßes Denken bringe sie nicht hervor, möglicherweise aber der Mut des Menschen zum »Griff in den Rachen der eigenen Angst und Gier«.

Klar, daß ihn, den Verehrer der Institutionen, die Industrie-Gesellschaft, ihre Libertät und ihre instrumentelle Vernunft zu immer schärferen Angriffen provozierten.

Doch alle diese Anstrengungen konnten nicht die Unlösbarkeit jenes Problems zudecken, das ihm am Ende zum existentiellen wurde. Wenn es wahr ist, daß der Mensch ohne die Institutionen eines Lebens in »Würde« nicht fähig ist, und wenn es wahr ist, daß der Zeitgeist alle Institutionen zerstört hat, wie kann er da noch auf »Selbststeigerung« hoffen? Das war die Wunde, an der Arnold Gehlen litt, der Denker und der Mensch.

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