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Aschen und Diamant in Salzburg

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Raimund, Kohl und Waldheim *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Salzburg ist gewiß das luxuriöseste aller Festivals; nirgends sind die Premieren-Auffahrten prächtiger, die Preise gepfefferter, die Smokings weißer als hier im Nockerl-Land.

Um so kurioser, daß ausgerechnet Salzburg in geradezu selbstquälerischer Manie zum Lob der Armut anhebt, die Verdammung des Mammons (des schnöden, natürlich) predigt und seit Gründerzeiten der gut betuchten Klientel aus Jedermännern zuruft, daß Geld den Charakter verderbe - und das keineswegs als Reklame für bargeldlosen Zahlungsverkehr.

Gesungen würde das ja noch angehen, denn die Musik zielt mehr ins Generelle, Menschlich-Allgemeine, und die Texte sind italienisch oder sonst schwer zu verstehen. Das gesprochene Wort aber als Sinnträger bekannt, trifft hier, wenn es gegen das Geld loswettert, zwar nicht auf taube, so doch auf diamantenbehängte Ohren.

Jüngster Fall: Ein Lieblingsstück des Salzburger Repertoires, Ferdinand Raimunds »Der Bauer als Millionär«, hatte in der Neuinszenierung des Hamburger Thalia-Intendanten Jürgen Flimm Premiere, ein Stück, das Mäßigung, Bescheidenheit, Zufriedenheit zu lehren sucht. Nur arm kann man glücklich sein, wird da zu Eintrittspreisen von rund 140 Mark pro Karte (1000 Schilling klingt noch besser) verkündet.

Ein Parkett also voller Unglücklicher versammelte sich zu diesem ebenso wirren wie melancholisch-schönen Feenmärchen des unglücklichen Raimund, dessen Zauberhandlung noch unlogischer als selbst die der »Zauberflöte« ist, das aber, mit den allegorischen Auftritten der Abschied nehmenden Jugend ("Brüderlein fein") und des den Helden heimsuchenden Hohen Alters, zwei der ergreifendsten, bühnenwirksamsten Szenen von Vergänglichkeit und Nichtigkeit des Welttheaters hat, ebenso schlagend einfach wie tiefsinnig.

Das Stück handelt davon, daß der Bauer Fortunatus Wurzel von bösen Dämonen zum Reichtum verdammt wird und daraufhin sein Mündel auch nicht mehr dem armen Fischer, den es liebt, zur Frau geben will. Der Fischer wird ebenfalls durch böse Mächte reich, der Bauer arm, und die guten Geister prüfen des Fischers Liebe, indem er den Fluch des Reichtums (in Gestalt eines Ringes) von sich schleudern muß, um das Mädchen zu erringen.

Zähneknirschend siegt die Liebe, der junge Fischer wirft den Diamantring fort und lebt fortan maßvoll und in bescheidenen Freuden. Aus Raimunds Zeiten des Vormärz und Biedermeier, wo der stürmische Luftzug der gesellschaftlichen Veränderungen die Menschen wie ein Schwindel erfaßte, die bis dato in ihre Ordnungen ein für allemal hineingeboren schienen, ist die Angst des Stücks vor Veränderungen verständlich.

Wenn der Held Wurzel heißt, wird deutlich, wie die Entwurzelung der Landflucht das Klima des Stückes prägte, das vor Spekulationen warnte und dem Schuster riet, bei seinem Leisten zu bleiben. In Wien wimmelte es zu Beginn des 19. Jahrhundert von Emporkömmlingen und Heruntergekommenen, Spekulations-Neureichen und landflüchtigen Proletariern.

Raimunds Stück hat also eine gesellschaftlich zeitbedingte Schale um einen biologisch unzerstörbaren Kern, der von Alter, Altersangst, vom durchgewetzten Wams der Leiblichkeit handelt.

So appelliert die Inszenierung Jürgen Flimms mit guten Gründen eher an die entfliehenden Jahre der vorwiegend reiferen Zuschauer als an deren Wohlstandsekel: Otto Schenk, Wiens erfolgreichster Komiker, Intendant, Impresario und Regisseur, spielte den Fortunatus Wurzel als nervös nach Champagner schnaufenden, mit dem Tanzfuß scharrenden, neureichen Midlife-Kreisler, dem plötzlich das Alter in die Parade fährt: Die Szenen, in denen ihn Karl Paryla als (sadistisch bös aufgelegtes) Hohes Alter das Fürchten lehrte und sich die Jugend wie ein liebreizender Ballettreigen für immer verabschiedete, waren die schönsten.

Aber auch der von seinem gemütlichen Anhang gemütvoll »Otti« genannte Schenk paßt natürlich nach Salzburg und spielt und zeigt, daß alles, inklusive Altwerden, gschamster Diener, nicht so bös gemeint ist. Schließlich ist Raimund, Gesellschaftskritik hin, Gebrechlichkeitsphilosophie her, kein Nestroy.

Selbst wenn es da eine Klippe wie bei seinem Nachfolger und Antipoden Nestroy auch in Raimund-Stücken gibt: Lieder, bei denen das Publikum (heute wie damals) zeitkritische Zusatzstrophen und Extempores erwartet. Das berühmte Lied des zum Aschenmann herabgesunkenen Millionärsbauern über die eitlen Nichtigkeiten des menschlichen Treibens endet in dem Refrain »An Aschen« (was so viel heißt wie, daß alles ein Schmarren, ein Nichts sei) und fordert zur Zeitkritik förmlich heraus.

Salzburg hätte in diesem Jahr manchen Anlaß zur Aktualisierung des bitteren Refrains geboten: von Waldheim über Tabori, dessen abgesetzte Kirchenschändung die Antisemiten ähnlich aus ihren Schlupflöchern lockte wie des Präsidenten lange verdrängte Vergangenheit. Und noch einen Reiz bot die Premiere. Vom nahen Wolfgangsee war der urlaubende Bundeskanzler Kohl ins _(Mit Wolfgang Böck und Otto Schenk. )

Theater gekommen; vielleicht hatte ihn der Stücktitel angelockt, weil er ja außer mit seinem Männerfreund Strauß den meisten Kummer mit EG-geschädigten Bauern hat, die alles andere als Millionäre sind und ihn deshalb mit Mistgabel und Wahlstimme bedrohen.

Aber dem Waldheim-Freund und Kunstliebhaber Kohl geschah kein Ungemach. Otto Schenk tat das Schlimmste, was man tun konnte: Er sang eine Haider- und eine Waldheim-Strophe im Aschenlied, zu der selbst Haider und Waldheim begeistert hätten applaudieren können, wären sie auch im Theater gewesen. So ist Salzburg: Es benennt die Übelstände, aber es benennt sie so, daß es selbst die Übelstände nicht übelnehmen können. Und nehmen sie es doch, dann fordern sie den Spielverderber, wie Tabori, auf, das nächste Mal doch gleich auf dem Pissoir zu inszenieren.

Das Premierenpublikum klatschte dem »Otti« Schenk gerade nach der Waldheim-Strophe (sie beklagte seine mangelnden Auslandsreisen und lobte den Petersdom als Waldheimat) frenetisch zu: Hatte er doch gleichzeitig ein Beispiel österreichischer Liberalität gegeben und das nötige Takt- und Feingefühl bewiesen.

Sicher muß man Flimms witziger, einfallsreicher, ja -schwerer Inszenierung zugute halten, daß sie von der (sicher auch Raimundschen) Resignation lebt, das Theater könne gewiß, »an Aschen«, sowieso nichts ändern, weder an der Prosperität noch an der Senilität, noch an der Waldheimschen Krankheit.

Flimms Bühnen- und Kostümbildnerpaar Rolf und Marianne Glittenberg hatte verschwenderisch und wunderschön gezaubert, ohne die Kinder- und Märchenwelt des Theaters zu verlassen, die ihren größten Charme ja dann entfaltet, wenn sie bei all ihrer Sinnestäuschung und Illusionszauberei auch zeigt, daß Kulissen wackelig, aus Pappe und nur mit Silberpapier beklebt sind. Aus dem gleichen Grund avancierte Elisabeth Schwarz als schwäbelnde Zauberin Ajaxerle zum Liebling des Publikums: Wie sie ihr Ungeschick in frohgemutem Selbstvertrauen versteckt, sich über gelungene Zaubertricks wie ein Kind freut, wie sie unverdrossen des Glückes Schmied sein will, sosehr sie sich dabei auf die Finger klopft - das zeigte am schönsten, was Theater selbst im exklusivsten Festspielrummel sein kann: das perfekt gespielte Imperfekt, das gelungene Mißlingen.

Und daß einem die luxuriös hochbesetzte und ausgestattete Aufführung am Schluß riet, Diamantringe wegzuwerfen, dem Reichtum zu entsagen, hat ja in Salzburg auch einen, wenn auch leicht wackligen Wahrheitsgehalt: Mit ihren stolzen Preisen versucht die Stadt auf ihre bescheidene Weise das Publikum dem Ideal des Armseins näherzubringen. Und das natürlich und glücklicherweise, »an Aschen«, vergebens.

Mit Wolfgang Böck und Otto Schenk.

Hellmuth Karasek
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