Samira El Ouassil

Attentat von Atlanta Zwischen manischer Keuschheit und Hass auf Frauen

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Was steckt hinter dem Attentat von Atlanta, bei dem sieben Frauen, davon sechs mit asiatischen Wurzeln, ermordet wurden: Rassismus oder Sexismus? Leider ist das falsch gefragt.
Einer der Tatorte in Atlanta

Einer der Tatorte in Atlanta

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ERIK S. LESSER / EPA

»Er hatte gestern einen sehr schlechten Tag«, wird der ermittelnde Beamte über den Täter sagen, der vorgestern in Atlanta innerhalb von einer Stunde acht Personen erschossen und eine weitere schwer verletzt hat. Sieben der Opfer sind Frauen. Sechs von ihnen asiatisch-amerikanisch. Der Täter fuhr drei Massagestudios ab, um diese Menschen zu töten. Der Beamte wird den Täter mit der Aussage zitieren, dass es sich nicht um rassistisch motivierte Angriffe handle. Der Täter leide nach eigener Aussage an einer Sexsucht, und die Wellness-Orte seien »eine Versuchung für ihn, die er beseitigen wollte «.

Man kann in diesem Fall aber Rassismus und Sexismus nicht auseinanderdenken. Den Rassismus in seiner Aussage als solchen nicht bemerken zu wollen, ist tatsächlich bereits ein Mechanismus rassistischen Denkens. Denn der weiße Attentäter fuhr kilometerweit zu drei Massage-Einrichtungen, wo er annahm, nicht nur Frauen, sondern Frauen asiatischer Abstammung vorzufinden. Er hätte ein Bordell, eine Pornovideothek oder einen Stripklub als Ziele wählen können, aber seine Menschenfeindlichkeit galt offenbar vordergründig asiatisch gelesenen Frauen. Man muss daher dieses Attentat mit der Brille der Intersektionalität, also der Mehrfachdiskriminierung betrachten, um die ganze Problematik erfassen zu können.

Der Begriff der Intersektionalität wurde durch die afroamerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw geprägt. Diese stellte fest, dass »der Kampf gegen Rassismus auch den Kampf gegen Sexismus einschließen muss«. Die Professorin für Recht an der UCLA in Los Angeles und an der Columbia University New York entwickelte ihre Thesen anhand des Falls von Emma DeGraffenreid. 1976 hatte diese eine Klage gegen General Motors wegen sexistischer und rassistischer Diskriminierung bei ihrer Einstellung eingereicht. Die Klage wurde abgelehnt, da bei General Motors sowohl Afroamerikaner als auch Frauen arbeiteten – aber: Diese Afroamerikaner waren meistens im Industrie- und Wartungsbereich tätig und zudem alle Männer. Die Frauen waren in der Regel an der Rezeption und als Sekretärinnen beschäftigt und alle weiß. Crenshaw stellte fest, dass DeGraffenreid nicht angestellt wurde, weil sie schwarz oder eine Frau, sondern weil sie schwarz und eine Frau war.

Dieses Bewusstsein darüber, dass es zwei oder mehr Diskriminierungen geben kann, die zusammengenommen eine Person einer noch größeren Gefahr aussetzen, müssen wir insbesondere bei Attacken wie der in Atlanta im Auge behalten, um die Tragweite des Problems erfassen und sichtbar machen zu können. Die getöteten Frauen waren offenbar nicht nur das Ziel, weil sie Frauen waren oder weil sie asiatisch gelesene Personen waren, sondern weil sie als Frauen und als asiatisch gelesen wurden.

Massagesalons = Sexarbeit?

Zudem ist die Perversion, asiatisch gelesene Frauen für die vermeintliche Unkontrollierbarkeit der eigenen Sexualität verantwortlich zu machen, ein uraltes misogynes Moment postkolonialer Exotisierung. Dabei wird die Scham über die eigene Libido in Hass gegen die begehrte Person umgewandelt. Es ist klassische Täter-Opfer-Umkehr.

Und nicht nur das: Weiße Überlegenheitserzählungen, wie sie rassistische Attentäter pflegen, funktionieren vor allem über die Idee der Gefährlichkeit »des anderen«. Die Frau als »das andere« und nicht weiße Personen als »das andere« potenzieren sich in einer Vorstellung von Women of Color, die gezähmt, zivilisiert oder beseitigt werden müssen. Der aus Vorurteilen heraus unterstellte Umstand, die Massagesalons würden selbstredend sexuelle Dienstleistungen anbieten, weil dort asiatisch-amerikanische Frauen arbeiteten, ist ein weiterer Aspekt, der das Weltbild des Täters, seinen Sexismus und Rassismus abrundet.

Diese Abwertung fußt auf einer langen Tradition von Objektifizierung, Fetischisierung und Hypersexualisierung asiatisch gelesener Frauen, die sich durch die gesamte Geschichte zieht und vor allem auch durch die Popkultur.

Zu all diesen Menschenfeindlichkeiten zwischen manischer Keuschheit und Xenophobie, wie sie der junge Mann offenbar gepflegt haben muss, kommt gegenwärtig in den USA – sowie weltweit – ein Klima von antiasiatischem Rassismus hinzu, der durch die Pandemie verstärkt wurde.

Historisch wurde in den USA seit der Jahrhundertwende aus Gründen von Wirtschaft und Politik das bewusst rassistische Bild gefährlicher Chinesen und asiatisch gelesener Personen kultiviert. Einerseits um einen menschlichen Sündenbock für die von Ratten übertragene Pest zu haben, anderseits aus dem Hass der weißen Gleisarbeiter heraus, die durch die Depression ihre Jobs verloren und mit den günstigeren, weil ausgebeuteten chinesischen Arbeitskräften ein leichtes Feindbild hatten. Die Regierung nahm diesen Hass dankend an, die Medien pflegten ihn.

»Chinesisches Virus« gegen »britische Variante«

Dies führte unter anderem im Jahre 1900 dazu, dass Staatsbeamte in Honolulu ein Feuer im Chinatown-Viertel legten, um 150.000 Quadratmeter chinesischer Unterkünfte in Brand zu setzen. In den vergangenen Jahren sprach der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten vom »China-Virus« und von »Kung Flu«. Und auch in aktuellen Berichterstattungen wird das Coronavirus nach wie vor gelegentlich als »chinesisches Virus« bezeichnet, wodurch das Erbe antiasiatischen Framings gewollt oder ungewollt fortgesetzt wird.

Warum macht es einen Unterschied, ob man vom »chinesischen Virus« oder von der »britischen Mutation« spricht? Menschen können asiatisch gelesen werden und werden daraufhin diskriminiert. Jemanden rein phänotypisch »britisch« zu lesen und deswegen zu diskriminieren, ist kaum möglich .

Die Meldestelle Stop AAPI Hate verzeichnete im letzten Jahr fast 3800 Fälle an antiasiatischen Übergriffen in den USA .

In den größten US-amerikanischen Städten sind antiasiatische Angriffe seit der Pandemie um 150 Prozent gestiegen. Mit dem Hashtag #ichbinkeinVirus, #jesuispasunvirus oder #iamnotavirus wehren sich weltweit asiatisch gelesene Menschen gegen diesen Rassismus. Im Mai letzten Jahres gab es so eine Anhäufung von Fällen in Deutschland, dass die Botschaft Südkoreas auf ihrer Homepage ihre Landsleute vor Attacken warnen musste. Vor. Deutschland. Warnen. Musste.

Nicht mit Sachlichkeit bekleckert

Auch medial werden derartige Ressentiments, von der »gelben Gefahr« bis zum »roten Drachen«, gern mal bedient – und auch der SPIEGEL hat sich, was die Covid-Cover mit Asienbezug angeht, nicht unbedingt mit Sachlichkeit bekleckert.

Immer noch werden in Deutschland die alten Fledermaussuppen-Witze aufgewärmt, eine südkoreanische Boygroup mit einem Virus verglichen und die rassistische CCC-Beleidigung ausgepackt (googeln Sie's, ich will es hier nicht ausschreiben).

Man muss sich vor Augen halten, dass incelhafte, sich selbst radikalisierende Frauenhasser plus eine globale Pandemie, die medial weiterhin falsch mit Asienbezug geframt wird, eine akute Bedrohung darstellen – für Frauen, für Menschen asiatischer Herkunft und besonders für Frauen asiatischer Herkunft. Wir dürfen den Zusammenhang zwischen Rassismus und Sexismus nicht ausblenden, um Menschen besser davor schützen zu können, Opfer von Typen zu werden, »die mal einen schlechten Tag haben«.