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Kolumnisten Auch nur ein Mensch

Karl-Eduard von Schnitzler, abservierter Propagandist der SED, hat einen neuen Job: Er schreibt für das Satire-Magazin Titanic.
aus DER SPIEGEL 51/1989

Der Abschied war kurz und schmerzvoll. Am 30. Oktober flimmerte, nach 29 Jahren und 1518 Sendungen, Karl-Eduard von Schnitzlers Politmagazin »Der schwarze Kanal« zum letztenmal über die Bildschirme. Seit dem fünfminütigen Kurzauftritt herrschte Funkstille um den eisigen DDR-Moderator.

Endlich sei »Honeckers größter Lügner gefeuert«, frohlockte der alte Klassenfeind Bild, nun kommentiere er daheim »nur noch für seine Frau«. Das Blatt wußte auch, wo der 71jährige den freudlosen Lebensabend fristet: in einem »rußgrauen Haus« in Zeuthen bei Berlin, »Friedensstraße 81«.

Die Veröffentlichung der Adresse führte zu einem unvorhersehbaren Comeback des als »Sudel-Ede« angefeindeten Scharfmachers a. D. und zum wohl merkwürdigsten publizistischen Joint-venture seit der Verpflichtung des einstigen DKP-Dramatikers Franz Xaver Kroetz durch den Springer-Verlag im vergangenen Jahr.

Ein »absolut ernst gemeintes Angebot« unterbreitete die Frankfurter Satire-Zeitschrift Titanic dem Geschaßten und offerierte eine Kolumne, »die Sie nach eigenem Gutdünken füllen können«.

Werbend schrieb die Redaktion an von Schnitzler, er dürfe Stellung beziehen gegen das »zunehmende Wiedervereinigungsgeschrei« und die »Versuche der BRD-Wirtschaft, die DDR auf kaltem Wege zu vereinnahmen«. Als Honorar versprach sie 500 Westmark pro Seite, eine »wie auch immer geartete Zensur« finde nicht statt. Zur Aufmunterung lagen dem Brief die beiden jüngsten Titanic-Nummern bei.

Die Antwort ließ nur acht Tage auf sich warten. Per Einschreiben vom 11. Dezember (Registriernummer: 689d, 1000 Berlin 120) meldete sich von Schnitzler, als Absender firmierte er auf dem Kuvert, unter der Zeuthener Anschrift, als »Rafael« - der Mädchenname seiner aus Ungarn stammenden vierten Frau Marta.

Von Schnitzler bedankte sich für die Post »aufrichtig«, lobte Titanic als »lustig-ernst-unterhaltsam-interessierend-informativ« und vollzog den Schulterschluß: »Ihr Angebot einer monatlichen Schnitzler-Kolumne - unzensiert - scheint mir in der Tat ernst gemeint und nicht satirisch.« Sechs Manuskriptseiten schickte er gleich mit, weil er zur Zeit »nicht gerade überlastet« sei.

Flugs baute die Redaktion die bereits fertige Januar-Ausgabe um und räumte für den »Roten Kanal«, so das Rubrum des Schnitzler-Textes, die letzte Seite frei. Am Donnerstag dieser Woche erscheinen erstmals 240 Druckzeilen aus der Feder des abservierten SED-Propagandisten in einer westdeutschen Zeitschrift.

Es ist die Bilanz eines nachdenklich gewordenen, den Idealen von gestern dennoch treuen Kommunisten: »Nicht alles, was sich heute als falsch erweist, muß anfangs falsch gewesen sein; nicht alles, was richtig war, ist heute plötzlich falsch.« Den »größten Mangel« sieht er in der mißratenen »Anwendung und Umsetzung der Klassiker-Lehren in die Praxis. Einschließlich der Modernisierung«.

Das DDR-System habe »eine Menge an inkompetenten, umweltfernen, profitnahen Spitzenkräften« nach oben gespült, meint von Schnitzler inzwischen, aber »das Politbüro ist auch nur ein Mensch«. Vergnatzt führt er im selben Atemzug Klage über jene Westmedien, für die er jahrelang das Feindbild personifizierte.

Weder pflege er einen »großbürgerlichen Lebensstil«, noch habe er sich nach »Südamerika« oder in ein ihm zugeschriebenes »Ferienhaus auf Mallorca« abgesetzt: »Ich wäre bereit, für jedes meiner ,Anwesen' Finderlohn zu zahlen.«

Auch Berichte über Einkaufsbummel unter dem Tarnnamen »Klett« im West-Berliner Kaufhaus KaDeWe, für die sich sein vor drei Jahren geflüchteter Neffe Hans-Karl verbürgte, dementiert von Schnitzler. Nur einmal, anläßlich einer Beerdigung, sei er nach 1961 privat im Westen gewesen, Meldungen von Zahnarztbesuchen in Lübeck zählt er zum »bösartigen Schwindel« hiesiger Medien. Dort waren immerhin Reporter der Lübecker Nachrichten auf seiner Fährte, der Stern veröffentlichte 1975 ein Foto des in der Hansestadt promenierenden Ehepaares von Schnitzler.

Seit der Veröffentlichung seiner Geheimnummer durch Bild Anfang dieses Monats sei er »einem Psychoterror per Telefon« ausgesetzt - »indes, unsere Nerven sind so gut wie unser Gewissen«.

Nun versucht sich von Schnitzler in moderateren Tönen, will »keinen Ätsch-Effekt«, auch wenn er westdeutsche Polizisten unnachgiebig als Prügler und Journalisten als »Scharfrichter« anprangert. Er tritt für eine konstruktive Erneuerung des DDR-Sozialismus an.

Die »neue sozialistische Demokratie« scheint ihm »aus Konzeptionslosigkeit und einer gewissen Verantwortungslosigkeit ein wenig aus der Kontrolle geraten zu sein«. Nun gehe es »um die radikale Erneuerung« und nicht um den Anschluß an eine Gesellschaftsordnung »bundesdeutscher Provenienz« mit ihren »himmelschreienden Skandalen«.

Die Ungeschicklichkeiten und Ungerechtigkeiten bei der Wende in der DDR, schreibt Titanic-Autor von Schnitzler, böten »weiß Gott Stoff für Satiren. Aber die Herstellung von Glaubwürdigkeit - bitter nötig, mühsam, und sei es in der Opposition - ist eine ernste Sache«. f

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